Kriminell ohne Ende
Cartoon: Rainer Hachfeld


Gäbe es eine Kriminalgeschichte der weltweiten Industrieproduktion, würden deutsche Unternehmen sicherlich an prominenter Stelle in ihr auftauchen. Ob Krupp, Bayer oder Diehl, ob es sich um Korruption, Kooperation mit Nazis oder illegale Waffendeals handelt – überall leuchtet die Qualitätsmarke „Made in Germany“ grell auf. In den letzten Jahrzehnten aber hat sich vor allem der Volkswagen-Konzern durch mannigfaltige Aktivitäten einen Namen im Unterweltsbezirk der globalen Wirtschaft gemacht. Jetzt wird er sogar der Sklavenhaltung verdächtigt.


Autobauer als Gefängnisrancher


Wie NDR und SWR berichten, musste sich VW vor wenigen Tagen einer ersten Anhörung durch die Justizbehörden stellen – schon wieder mal, jetzt in Brasilien. Die Vorwürfe gegen den Wolfsburger Konzern klingen ungeheuerlich, sind aber wohl zutreffend: Beim Versuch, ins Fleischgeschäft einzusteigen, hat der Autobauer zugelassen, dass Hunderte von Leiharbeitern zwischen 1974 und 1986 auf der ihm gehörigen Farm im Amazonasbecken zu Waldrodungen regelrecht versklavt wurden: Mit Wissen und Billigung von VW hatten Arbeitsvermittler die Männer, darunter auch Minderjährige, mit Gewalt an der Flucht gehindert, sie zur Arbeit und gleichzeitig in Schuldknechtschaft gezwungen.


Das Protokoll der Anhörung, die im Arbeitsministerium in Brasilia stattfand, enthüllt das Ausmaß des Skandals. Die Ermittler nannten die Lebensbedingungen auf der VW-Farm die "schlimmsten Umstände, die den Staatsanwälten im Bereich moderner Sklaverei je zur Kenntnis gelangt sind". Das Unternehmen hatte sich von Anwälten vertreten lassen, die in gewohnter Unverbindlichkeit aufsagten, „Volkswagen nehme den Fall aber sehr ernst und zeige sich einsatzbereit". Die brasilianische Justiz fordert jetzt die Herausgabe sämtlicher Unterlagen zur Farm vom Autohersteller, und da ist einiges vorhanden.


Schon vor fünf Jahren hatte nämlich der Bielefelder Historiker Christopher Kopper im Auftrag der Wolfsburger die damals bereits bekannten Anschuldigungen geprüft und bestätigt. Dennoch geschah nichts; weil man hoffte, dass unter der rechtsradikalen Bolsonaro-Regierung Gras über die Sache wachsen werde? Oder aus „Scham und Ratlosigkeit“, wie Kopper arg wohlwollend unterstellt. Das Fazit des Historikers: "VW sollte anerkennen, dass diese Arbeitskräfte misshandelt wurden und dass sie entschädigt werden sollten."


Nein, Skrupel haben die VW-Verantwortlichen sicherlich nicht empfunden, als sie sich wegduckten. Die Leiden ihrer „Mitarbeiter“ waren ihnen wohl ebenso egal wie der Schutz der für das Weltklima immens wichtigen Regenwälder Brasiliens. Seit einigen Jahrzehnten bereits ist bekannt, dass auch schon ein Verbrechen an der Menschheit begeht, wer – wie in diesem Fall – Bäume auf einer Fläche von 1400 Quadratkilometern (!) im Amazonasgebiet für die umweltschädliche Rindfleischproduktion roden lässt.


Lügen, Betrug und Gefährdung


Die Automobilindustrie hierzulande ist stets durch Trickserei, Lobbyismus an der Grenze zur Korruption sowie völlige Ignoranz hinsichtlich der körperlichen Unversehrtheit der Bevölkerung aufgefallen. Auch Daimler und BMW manipulierten bei den Abgaswerten nach Herzenslust, aber erst bei VW fanden US-Prüfer heraus, dass die Modelle im Straßenverkehr bis zu sechsunddreißigmal mehr Schadstoffe ausstießen als auf dem Teststand.


Aber in einem solchen Großkonzern existieren nur undurchsichtig verschachtelte Verantwortlichkeiten, tatsächliche Verantwortliche, zumindest solche, die etwas wissen und zur Rechenschaft gezogen werden könnten, gibt es meist nicht, und Subalterne, die als Sündenböcke herhalten müssen, sind beliebig austauschbar. Es erinnert ein wenig an den Kampf des griechischen Halbgottes Herakles gegen die Hydra: Immer, wenn er ihr einen Kopf abschlug, wuchsen ihr zwei neue nach.


Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn wird von den USA per internationalen Haftbefehl gesucht, in Deutschland, wo auch gegen ihn ermittelt wurde, gilt er als verhandlungsunfähig. Wann gegen ihn hierzulande wegen Betrugs prozessiert wird, steht in den Sternen. Es scheint ohnehin, als habe der Konzern (wie auch seine Automobil-Konkurrenten) von den hiesigen Behörden wenig zu befürchten.


Die Gesundheit der Kunden und Passanten liegt den Kfz-Konstrukteuren sowieso nicht sonderlich am Herzen, sonst hätten sie nicht Dreckschleudern, getarnt als Öko-Softies, auf die Straßen geschickt und durch ihre Klinkenputzer in Brüssel die Verschärfung der Abgasnormen in der EU verhindert. Dass aber einer der Ihren Sklavenarbeit in Auftrag gibt, klingt selbst in diesem auf Gewinnmaximierung ohne Rücksichtnahme programmierten System erstaunlich. Doch dieser Konzern, an dem übrigens das Land Niedersachsen beteiligt ist, scheint noch zu ganz anderen Dingen fähig; da war doch noch etwas mit VW und Brasilien…


VW als Wiederholungstäter


Vor mehr als sieben Jahren wurden schon einmal VW-Vertreter in Brasilien zu einer Anhörung zitiert. Die Wahrheitskommission zur Aufklärung der während der Militärdiktatur (1964 bis 1985) begangenen Verbrechen vernahm in Sao Paulo den Rechtsvertreter von Volkswagen, Rogerio Varga, und bezeichnete die Ergebnisse des Verhörs als „absolut unbefriedigend“, drohte ihm sogar mit der Staatsanwaltschaft.





















VW erweist der brasilianischen Militär-Junta eine kleine Gefälligkeit 


Wie Journalisten der Presseagentur Reuter und staatliche Ermittler herausfanden, hatten bei VW do Brasil nämlich „schwarze Listen“ über bestimmte Mitarbeiter, vor allem Gewerkschaftsmitglieder, existiert, deren Namen an die Sicherheitskräfte der Diktatur weitergeleitet wurden, was Folter, Inhaftierung und anschließende Arbeitslosigkeit zur Folge hatte – wenn nicht Schlimmeres.


Einig war sich offenbar das Unternehmen mit der Militärjunta in einem Punkt: Am Arbeitsplatz haben Kadavergehorsam und Grabesruhe zu herrschen, um die hochgesteckten Profitziele zu erreichen. Das galt natürlich auch für Farmen im Amazonas-Urwald.


06/2022


Dazu auch:


VW noch ehrlicher (2016), Tödliche Trickserei (2015) im Archiv der Rubrik Medien


Service für Folterer im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2015)