Letzte Bescherung

Cartoon: Rainer Hachfeld


Bevor sich Jens Spahn in die lukrative Anonymität der Immobilien-Spekulation oder des Pharma-Lobbyismus zurückzieht, wollte er sich und seinen Kollegen im Bundestag noch einmal etwas Gutes tun. Und so ordnete der abgewählte Gesundheitsminister zwischen Pelzmärtel und Nikolaus die Bescherung der MdBs mit des Deutschen liebstem Corona-Vakzin von Biontech an, während er gleichzeitig dessen Knappheit beklagte und das Konkurrenz-Serum pries. „Eine Unverschämtheit!“ wetterte Florian Wichert in den t-online-news, wir hingegen werten die eigenwillige Vergabe als Zeichen von Spahns neuer Bescheidenheit.


Die Reste müssen weg


Der deutsche Konsument ist markenbewusst. Jahrzehntelang schnäuzte er sich nur in Tempo-Fahnen, und ließ ausschließlich Persil an seine Unterhosen, obwohl andere Papiertaschentücher auch saugfähig und wesentlich preiswerter waren und günstigere Waschmittel ebenso zuverlässig die Flecken beseitigten. Das wiederholt sich nun bei den Corona-Vakzinen, denn für die Booster-Impfung besteht der mündige Bürger auf Biontech (möglicherweise weil Wertarbeit made in Germany im Produkt steckt), während das ebenso effektive Moderna, das in Massen verfügbar wäre, aber in der PR schwächelt, verschmäht wird.


Am 19. November bremste dann der noch geschäftsführende Gesundheitsminister Spahn den Run auf Biontech und ordnete an, dass nur noch 30 Dosen des Edel-Serums pro Impfarzt und Woche angeliefert würden (was zum Rückzug heikler Klienten von der ganzen Immunisierung führte): „Unsere Biontech-Lager leeren sich so schnell, dass wir nicht mehr zur Verfügung stellen können.“  Vorsichtshalber lobte der pfiffige Westfale Moderna nun als Allzweck-Waffe gegen Covid-19 über den grünen Klee, obgleich er doch zuvor nur Menschen über dreißig damit impfen lassen wollte.


Eine Woche später aber wurden 10.000 Dosen des angeblich kaum mehr vorhandenen Biontech-Vakzins an die Bundestagsverwaltung, der nach eigenem Bekunden jedes mRNA-Serum recht gewesen wäre, geliefert, auf dass alle Abgeordneten, ihre Mitarbeiter und die Verwaltungsangestellten erstklassig geboostert werden konnten (obwohl die wenigsten unter ihnen Teens und Twens sein dürften und deshalb laut dem frühen Spahn prädestiniert für Moderna gewesen wären).


Von Vertrauensbruch schrieb der empörte t-online-Kommentator, von Politikern, die der Bevölkerung Wasser predigten, aber selber Wein tränken. Jetzt mal halblang, Spahns spendable Selektiv-Geste könnte doch auch hehre Motive gehabt haben, so dass er die böse Bescherung, die ihm der Info-Dienst (Ströer Media für die Telekom) ausgerechnet am Heiligen Abend bereitete, gar nicht verdient hätte.


Das Volk fährt Rolls-Royce


Als klar wurde, dass der gewöhnliche Deutsche nicht unbedingt in den Genuss der Biontech-Spritzung kommen würde, hatte der Ex-Gesundheitsminister nämlich noch etwas Bemerkenswertes gesagt:

„Moderna ist ein guter, sicherer und sehr wirksamer Impfstoff.“ Um noch dicker aufzutragen, zitierte er „manche Experten“ mit den bedeutungsschwangeren Worten „Biontech ist der Mercedes unter den Impfstoffen, Moderna ist der Rolls-Royce“.


Selbst dem misstrauischsten Journalisten hätten nun zwei Lichtlein aufgehen müssen, die seinen Argwohn grundlos erscheinen ließen: Wir leben in einer Demokratie, und in dieser Staatsform ist das Volk der Souverän, also so etwas wie Rio Reisers „König von Deutschland“ oder halt die Königin. Würde sich aber zum Beispiel die englische Queen mit einem Daimler durch die Gegend kutschieren lassen, wenn ein Rolls-Royce im Fuhrpark bereitstünde? Jedes kleine Kind weiß doch, dass ein Silver-Shadow mit der Emily als Galionsfigur am Kühler ein Mercedes-Coupé mit einem schlichten Stern vorn drauf um Längen schlägt.















Laut Spahn sitzt das Volk bei der Covid-Impfung in der Edelkarosse, während sein gewählter Repräsentant mit einem 08/15-SUV vorlieb nehmen muss. Wer's glaubt, bekommt das nächste Mal ein anderes Placebo...


Daraus folgt, dass Spahn für sich und seine parlamentarischen Kollegen die bescheidenere Variante gewählt hat. Während die gewählten Repräsentanten im moderaten Benz sitzen, fährt das Volk also Rolls-Royce, nachdem es sich kurz zuvor noch mit – um im Jargon zu bleiben – dem 2CV von Astrazeneca bzw. dem Fiat 500 von Johnson & Johnson hatte begnügen müssen.


Spitzenwerbung!


Spahn könnte noch einen triftigen Grund für die flächendeckende Immunisierung der deutschen Politiker-Crème mit einem schwer zugänglichen Vakzin anführen. Hoffnungsfrohe Wirtschaftsexperten in den großen Parteien glauben, mit der Firma Biontech könne die Bundesrepublik endlich einen Global Player in die Pharma-Zukunftsmärkte einschleusen.


Da darf aber nicht medial rüberkommen, dass es Produktions- oder Lieferschwierigkeiten gibt, dass nun auch die Deutschen nicht mehr flächendeckend mit dem Mercedes unter den Seren geimpft werden können, obwohl man die eigenen Bestände doch so gewissenhaft vor den Menschen in der Dritten Welt weggesperrt hatte. Gute Werbung für ein Markenprodukt muss aber durch ostentativen Konsum der eigenen Ware und durch positive Action suggeriert werden.


Was aber könnte weltweit besser ankommen als News von den wichtigsten Menschen Deutschlands, wie sie sich mutig die Ärmel aufkrempeln um sich hausgemachte Qualität in die Armmuskeln spritzen zu lassen. Wir sollten uns bei Jens Spahn für seine zukunftsweisende Entscheidung bedanken und uns mit frommen Wünschen von ihm verabschieden. Möge die Macht auf seinem Weg in die wohlverdiente Bedeutungslosigkeit mit ihm sein!


01/2022


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