Schauriger Erfolg
Cartoon: Rainer Hachfeld


Seit Putins Überfall auf die Ukraine versuchen NATO und EU, die russischen Aggressoren durch Sanktionen gegen Land und Leute zu schwächen – und richten dabei ein beträchtliches Chaos in den eigenen Reihen an. Geradezu verhängnisvoll wirken sich die selbstgerechten und oft vorteilsbedachten Markteingriffe des Westens aber auf die ärmsten Staaten der Dritten Welt aus, die weniger unter dem Krieg direkt leiden als unter dem Ausbleiben lebenswichtiger Importe aus Russland.


Auf Putin gezielt – Afrika getroffen


Kurz vor dem letzten Weihnachtsfest kamen sie wieder per E-Mail und Analogpost, die Unterstützungsappelle der Welthungerhilfe und des UN-Welternährungsprogramms. Global nehme die Zahl der unterernährten Menschen derzeit enorm zu, vor allem in der Sahelzone, im östlichen und südlichen Afrika drohten schwere und langandauernde Hungersnöte. Die weltweite Getreideernte sei um 2,4 Prozent zurückgegangen, weil nicht genügend Dünger zur Verfügung gestanden hätte. Dieser Umstand könnte nach UN-Schätzungen den Ertrag im laufenden Jahr um bis zu 20 Prozent mindern.


Etwa zur gleichen Zeit gestand die EU indirekt ein, dass ihre seit acht Monaten bestehenden Sanktionen den Export von Düngemitteln aus Russland, das zu den weltgrößten Produzenten zählt, nach Afrika verhindert hätten, und gelobte Besserung. Im Dezember kündigte Brüssel an, die Sanktionen gegen sechs Oligarchen (wie im Westen ist auch im Osten das Agrar-Business in wenigen Händen) zu lockern, damit die Kleinbauern im Süden den kargen Boden anreichern könnten. Geschehen ist seitdem fast nichts, die Katastrophe nimmt ihren Lauf.


Wir erinnern uns: Als sich unter Erdoğans Vermittlung Moskau und Kiew auf die Verschiffung ukrainischer Getreideexporte übers Schwarze Meer einigten, wurde das in Brüssel als längst fälliger humanitärer Akt eingestuft. Doch dann griffen zunächst einmal mehrere EU-Staaten, dazu die Türkei und Ägypten tüchtig zu und sicherten sich ein Großteil des Korns. In die besonders darbenden Südsahara-Staaten oder nach Somalia gelangte fast nichts.


Unter den westlichen Sanktionen leiden sicherlich auch die Russen, selbst wenn deren Wirtschaft längst Vertriebswege nach China und in andere Länder gefunden hat und übrigens auch Unmengen Erdöl an die Bundesrepublik verkauft (über Indien). Wegen jahrzehntelanger Versäumnisse in der Energiepolitik stöhnen auch die Deutschen, die einen aus Sorge um ihren Komfort, die anderen vor Zukunftsangst; den Löwenanteil der Zeche aber zahlen wieder einmal die unter Dürre, Bodenerosion, Viehsterben und zwangsläufig unter Hunger leidenden afrikanischen Kleinbauern.


Gute Röhre, schlechte Röhre


Lediglich 20.000 Tonnen Düngemittel sind zu Jahresbeginn im Hafen von Beira in Mosambik eingetroffen und werden von dort nach Malawi verfrachtet, ein Land im Süden des afrikanischen Kontinents, das mehr als dreißigmal so viel benötigt. Die Ladung entstammt einer Menge von insgesamt 360.000 Tonnen, die bei Beginn der Sanktionen in europäischen Häfen festgesetzt wurden und dort vor sich hin gammeln, während sie in den Tropen dringend benötigt würden.


Die EU boykottiert nämlich nicht nur ein paar Oligarchen (was ja ganz sympathisch daherkäme, würde es in diesem Falle nicht schlimme Folgen zeitigen), sie blockiert auch die russische Transportbranche. So müssen die Bauern halt warten, bis die nächste kleine Charge im Februar den schwarzen Kontinent erreicht. Aber auch die ukrainischen Behörden offenbaren ein recht eigenwilliges Rechtsverständnis, scheinbar unterscheiden sie zwischen guten und schlechten Pipelines.


Wie die kritische Net-Plattform German-Foreign-Policy berichtet, blockiert Kiew seit Beginn des Krieges eine Pipeline, durch die russisches Ammoniak  (essentiell für die Düngermittelproduktion) zur Verschiffung in den Hafen von Odessa geleitet wird. Dagegen strömt in anderen Röhren weiterhin Erdgas von gleicher Herkunft in die EU – und die Ukraine kassiert Transportgebühren dafür. Wie erklärt sich diese Handlungsdiskrepanz? Ganz einfach, was den westeuropäischen Ländern zum Erhalt ihres Lebensstandards nützt, wird von Sanktionen ausgenommen (siehe auch die einstigen Gasimporte über die Nord-Stream-Pipeline nach Deutschland), was dagegen die unterentwickelten Staaten des Südens dringend zur Sicherung ihrer Ernten benötigen, ist für die EU-Strategen Manövriermasse im Kampf gegen Putin. Sie scheren sich nicht um die existenziellen Nöte eines ganzen Kontinents, solange sie selbst die eigene Landwirtschaft mit Dünger versorgen können.


Was schert uns Afrika? Die böse Pipeline wird gekappt!


Hunger billigend in Kauf genommen


Versuche der Vereinten Nationen, die Ukraine zur Aufhebung der Blockade zu bewegen, wobei es um Ammoniak in der Größenordnung von 2,5 Millionen Tonnen geht, sind bislang gescheitert.


Aus den EU-Hauptstädten hört man nichts und in den westlichen Medien liest man wenig, was die Misserfolge der Sanktions- und Blockadepolitik angeht, doch kristallisieren sich allmählich schwere Verwerfungen heraus:
Russland ist nicht insolvent und kann weiter Krieg führen, gerät allerdings in die ökonomische Abhängigkeit von anderen Welt- und Mittelmächten, China und Indien zuallererst.


Eine Solidarität der Schwellenländer, Regionalmächte und an Rohstoffen reichen Staaten mit NATO und EU existiert nicht, schon gar nicht, wenn die Beteiligung an Sanktionen eingefordert wird.


Das Beispiel der Pipelines für Öl und Ammoniak belegt, dass die Abriegelung Russlands nur partiell funktioniert, und dann offenbar mit fürchterlichen Konsequenzen für am Krieg gänzlich unbeteiligte Drittstaaten. Statt die Bestrafung neutraler Länder für einen Krieg, den Putin vom Zaun gebrochen hat, in dessen Vorfeld die NATO aber auch recht dubios agiert hatte, zu thematisieren und nach Auswegen zu suchen, reist die unbedarfte Annalena Baerbock durch Sahara sowie Sahelzone und bietet failed states in Mali oder Niger sinnlose Bundeswehreinsätze wie Sauerbier an.


Sollte der Düngermangel das prognostizierte Elend auslösen, was sich nach der nächsten Erntesaison herausstellen wird, kann sich unsere kriegerische Außenministerin wieder auf den Weg machen, um Partner zu kaufen, die Hundertausende von Hungerflüchtlingen internieren, versklaven oder einfach verschwinden lassen, damit sie nicht an Europas Grenzen gelangen – wie es in der Vergangenheit ja schon prächtig mithilfe von Verbrechern und Autokraten wie den sudanesischen Milizen, der libyschen Küstenwache oder dem bisweilen recht nützlichen Recep Erdoğan gelungen ist.


01/2023


Dazu auch:


Seltsame Wohltäter im Archiv der Rubrik Medien (2022)


Charme der Ignoranz in der Rubrik Helden unserer Zeit