Seltsame Wohltäter
Cartoon: Rainer Hachfeld


Mit ein bisschen gutem Willen geht alles: Unter Vermittlung von Recep Erdoğan, dem Ehrenmann vom Bosporus, haben sich die beiden einsichtigen Kriegsparteien Ukraine und Russland darauf geeinigt, die darbenden Staaten der Dritten Welt weiter mit Weizen, Gerste, Mais und Hülsenfrüchten zu versorgen. So stand es wenigstens in der Presse. Merkwürdigerweise muss man nun jedoch konstatieren, dass – in entferntem Anklang an das Märchen vom Aschenputtel – die guten Körner zwar in gewisse Töpfchen gelangen, die Kröpfchen in etlichen armen Ländern aber leer bleiben werden.


Weihnachten mitten im Sommer


Die Nachricht las sich zu schön, um wahr zu sein: Ein Funken Vernunft (oder handelte es um einen Hauch von menschlicher Verantwortung?) schien sich in den Köpfen der Kriegsherren ausgebreitet zu haben. Nach Verhandlungen, die vom türkischen Präsidenten Erdoğan moderiert worden waren, hob Putin die Abriegelung von drei ukrainischen Schwarzmeerhäfen teilweise auf, und die Kornkammer Europas konnte fürderhin Getreide, Mischfutter oder Ölsamen, soweit die Bestände noch nicht von den Invasoren geklaut worden waren, ausführen. Um den Hunger in den Entwicklungsländern zu lindern, so glaubte man wenigstens.


Denn in zahllosen Kommentaren hatten die westlichen Medien auf einen besonders perversen Nebenaspekt der russischen Aggression hingewiesen. Arme Staaten, vor allem afrikanische südlich der Sahara, würden durch die Seeblockade von dringendst benötigten Nahrungsmittellieferungen aus der Ukraine abgeschnitten. Hungersnöte und chronische Unterernährung drohten, weil Putin skrupellos die Gebote der Menschlichkeit verletze, um seinen Krieg zu gewinnen. Aber nun war ja alles gut. Oder etwa nicht?

Manchmal lohnt es sich, in ein Branchenblatt wie agrarheute zu schauen. Dr. Olaf Zinke ist als Crossmedia-Redakteur Betrieb und Markt für das Fachmagazin tätig und hat genauer nachgefragt, wohin die Schiffsladungen mit der lebensrettenden Fracht von den drei Häfen in und um Odessa geschippert wurden. Die Ergebnisse seiner Recherche dämpfen die allgemeine Euphorie beträchtlich.


Der eigennützige Altruist


Erster Nutznießer der Exporte über See war der unversehens zur Lichtgestalt avancierte Autokrat Erdoğan selbst: Als größte Abnehmerin der Lieferungen erwies sich nämlich die Türkei. Allein 16 von 36 Schiffsladungen, die im Juli und August die Ukraine verlassen durften, wurden in anatolischen Häfen gelöscht.



















Der kluge Mann denkt an sich selbst zuerst, dann bedient er die zahlungskräftige Kundschaft. 


Weizen wurde nach Ägypten, Israel und Rumänien verkauft, Länder also, die nicht gerade unter einem akuten Hungerproblem leiden. Mais ging an den Iran, aber auch nach Italien, Irland und – Deutschland. Der Sudan war das einzige Land der Subsahara-Region, das auch einen kleinen Anteil erhielt.


Davon abgesehen, dass es der Ukraine zupass kommt, die Kriegskasse mit Devisen aus zahlungskräftigen Wirtschaften zu füllen, erschwert auch ein Mechanismus des „freien Marktes“ die Exporte in Gegenden, wo sie dringendst gebraucht würden: Die Schiffsrouten zwischen Jemen und Somalia sowie vor der westafrikanischen Küste sind gefährlich. Die großen Versicherungsunternehmen verlangen folglich hohe Risikoprämien von den Reedereien und Händlern, die deshalb wiederum weniger Gewinn einstreichen könnten. Fazit: Erst müssen die Säckel in der Ersten Welt gefüllt werden, bevor die Bäuche in der Dritten drankommen.


Laut geklagt, stillschweigend eingesackt


Es sei daran erinnert, mit welch selbstgerechter Empörung die Politik und Medien hierzulande die Verschlechterung der Ernährungslage vor allem in Afrika durch Putins Invasion anprangerten. Jetzt wäre zumindest ein Teil der Nahrungsmittel verfügbar, um die Situation in den ärmsten Ländern zu verbessern, doch nun zweigt man erst einmal Getreide für sich selbst und sein liebes Vieh ab.


Es war die EU, die mit Ausfuhren minderwertigen Fleisches die Hühner- und Viehzüchter in Westafrika ruiniert und Staaten im Osten des Kontinents „Freihandelsverträge“, die jeden Schutz für die dortige Wirtschaft aushebelten, aufgezwungen hat. Es waren die westlichen Getreidebörsen, die mittels Terminverträgen, Wetten und Spekulationen Nahrung verknappten oder verkommen ließen. Und das alles längst vor dem russischen Angriff auf die Ukraine!


So laut manche EU-Staaten, allen voran Deutschland, die zusätzlichen, durch den Krieg in der Ukraine bedingten Versorgungslücken beklagen, so diskret sichern sie sich nun Kontingente an Weizen und Mais, die anderswo menschliche Leben retten können, bei uns aber wohl teilweise an Rind und Schwein verfüttert werden, um den billigen und massenhaften Fleisch- und Milchkonsum, der den Klimawandel enorm beschleunigt, weiter garantieren zu können.


09/2022


Dazu auch:


Die Erpressung im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2015)