Der Autor Uwe Friesel schlüpfte kurz vor der jüngsten total solar eclipse in die Rolle eines multitaskenden Touristenbetreuers auf des Germanen liebstem Eiland und ließ diesen darüber räsonieren, dass wir eine Sonnenfinsternis eigentlich gar nicht mehr nötig haben, weil es um uns herum ohnehin gerade zappenduster wird.


Sonnenfinsternis


Gedanken eines Malle-Profis


Totale! Absolute und totale Sonnenfinsternis! Völlige Dunkelheit!
Doch nicht überall: denn manche Örtlichkeiten, sonst eher für sehr laute Deutsche und Engländer unter dem Namen Ballermann bekannt, werden vom Wegsehen der Sonne bevorzugt.


Ich spreche hier ganz allgemein von der Sonne auf der Sonneninsel Malle. Dort bin ich Fremdenführer und Bademeister, ja nachdem, wo Not am Mann ist. Im Winter bin ich Skilehrer in Davos.


Die Sonne soll sich also besonders komplett verfinstern, hier auf Malle? Wahrscheinlich hat sie genug von all der 50%-Lichtschutzcremes und den nordeuropäischen Samenergüssen, deren Folgen von unterbezahlten Zimmermädchen weggemacht werden müssen, aber bitte so, dass es keiner merkt. Wir sind schließlich ein seriöses Hotel, mit fast 47% Meerblick.


Wenn Sie mich fragen: Ich bin misstrauisch. Wer weiß schon, ob dieser ganze Hype namens Sonnenfinsternis nicht ein Fake ist, von interessierter Seite lanciert? Da passiert doch gar nichts, in Wahrheit! Es gibt Zwischeneiszeiten, aber keinen Klimawandel, weder in Amerika, noch in Europa, noch hier auf unserer Sonneninsel. Es könnte z. B. sein, dass ein Golfball vor die Linse eines I-Phone fällt oder sonst irgendeine optische Täuschung stattfindet.


Es könnte ja auch sein, dass die Sonne von uns genug hat. Also von der Erde, nicht von einzelnen Personen. Ich will hier weder Anspielungen machen noch behaupten, ich wüsste irgendwas. Da oben sind ja überall diese Schwarzen Löcher, und irgendwelche Galaxien treiben seit dem Urknall ständig auseinander. Ob sich da die Sonne selbst überhaupt zurechtfindet, inmitten all ihrer Protuberanzen oder wie die Dinger heißen?


Auf Arte habe ich neulich gesehen, wir sind die letzten Wasserträger mit Vergangenheit aus der analogen Welt. Wasserträger im doppelten Sinne: nämlich um die 60 Prozent sind wir Wasser, das heißt, in den Augen etwas mehr, und wer zu lange in der Sonne liegt und sich nicht richtig eincremt, merkt das gleich.


Und bekommt Durst. Nicht nur Caipirinha Pitú hat hier jüngst einen neuen Rekord aufgestellt, sondern auch Sinalco, Coca Cola – Markengesöff aus Übersee ist eben angesagt. Dafür mussten mehrere (vermutlich nicht sehr klimafreundliche) Sonderflüge eingerichtet werden, denn selbst die schnellsten Frachtboote sind viel zu lange unterwegs und kommen so dem Steigen und Fallen der Modedrink-Aktienkurse nicht hinterher. Container-Schiffe wären natürlich wesentlich billiger als Frachtflugzeuge, nur, die können hier nicht anlanden. Und das, obwohl Mallorca von Wasser umgeben ist, wenn auch inzwischen vor allem von weggeworfenen Plastiktüten oder Getränkeflaschen oder abgerissenen Fischernetzen, die, obwohl auch aus Plastik, aber viel schwerer, immer tiefer absinken.


Und langsam erwärmt sich sogar die Tiefsee. Die Tierwelt da unten merkt das natürlich am eigenen Leibe, besonders, wenn sie sich in den sinkenden Netzen verfängt und oft schon tot oben ankommt. Da treibt sie dann, Bauch oder Tentakel oder Gallertmasse zuoberst, und stinkt vor sich hin.
Schuld sind natürlich die diversen schwimmenden Fischerei-Fabriken weiter draußen. Und das Jahr 2026. Das ist nämlich ein starkes El-Niño-Jahr.
Ab vier Uhr morgens fahren wir dann mit unseren Traktoren raus und sammeln alles ein. Gleichzeitig wird der Strand chemisch desinfiziert. Wer statt zu schwimmen in den Bergen wandert, kann in der Ferne diese Riesen-Fischerei-Trawler sehen. Das sind ganze Produktionsstraßen vom Fang bis hin zum fertigen Gefrierstäbchen.


Unsere einheimischen Fischer fangen ja kaum noch was mit ihren kleinen Booten; also, sie fangen schon was, aber meist nur ihre eigenen alten Netze, die sie früher ins Meer geworfen haben, weil die Reparatur zu teuer geworden ist. Kann ja auch keiner mehr, Fischernetze reparieren. Dazu braucht man Nadeln aus Walknochen. Aber Walfang ist ja verboten, jedenfalls in unseren Breiten. Dafür machen unsere alten Fischerboote jetzt entlang der Küste romantische Ausflüge für Touristen: Delfine und Sonnenuntergänge. An Deck müssen aber überall noch Netze zum Trocknen hängen und Angeln aufgereiht sein, damit es echt aussieht.
Also, zum Schutz der Augen haben wir heuer jede Menge Pappbrillen bestellt, pro Stück 5,00 €, das ist mehr als ein Eis am Stiel, aber vor allem weit mehr Nervenkitzel nach all der Sonne.


Ich erinnere mich noch an die letzte Sonnenfinsternis, die nicht mal total war, sondern nur partiell. Sie glauben gar nicht, was unsere Polis damals zu tun hatten, um die oberen Straßen für den Busverkehr freizuhalten. Na gut, Polis ist nicht höflich, aber Sie sagen ja auch Bullen oder Cops zu den Beamten. Und das, obwohl sie uniformiert sind und bewaffnet, also Staatsorgane! Das Gefühl für seriöse Sprache kommt eben abhanden bei all dem TV und den Social Media.


Dagegen auf unserem riesigen Monitor hier in der Lobby, da können Sie unsere spezielle Malle-Finsternis so richtig miterleben, ganze zwei Minuten lang. Besser als vom Straßenrand oder sonst in freier Natur. Wir sind ja klimatisiert. Draußen soll es nämlich spürbar kühler werden, in diesen zwei Minuten.


Uwe Friesel