Spätes Glück der APO?

Collage und Porträt: Rainer Hachfeld


„Enteignet Springer!“ Diese Forderung, die 1967 die Außerparlamentarische Opposition (APO) wegen der unsäglichen Berichterstattung der Zeitungen dieses Verlags und eines drohenden Presse-Monopols erhob, scheint ein halbes Jahrhundert nach dem Ableben der Studentenbewegung umgesetzt zu werden. Und zwar von den Eigentümern der rechten Kampfpresse selbst…

 


Ausverkauf in Raten


Bis Ende August dieses Jahres erwarb der New Yorker Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) 43,54 Prozent der Anteile am Axel Springer Verlag für knapp drei Milliarden Euro und ist damit größter Aktionär des ebenso legendären wie berüchtigten Medienkonzerns. Bereits 2014 hatte das Berliner Unternehmen unter der Springer-Witwe Friede etliche Blätter, darunter die Tageszeitungen Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt, die TV-Illustrierte Hörzu oder die Damen-Postille Bild der Frau, für 920 Millionen Euro an die Funke Mediengruppe verkauft.


Der Verlag sieht offenbar keine lukrative Zukunft mehr für papiergestützte Produkte und benötigt für digitale Journalismus-Projekte ordentlich Geld – und davon steht KKR, nach dem Branchenprimus Blackrock einer der größten Kapitalverwalter weltweit, mehr als genug zur Verfügung. „Das Ergebnis des Angebots ist ein sehr starkes Fundament für die geplante strategische Partnerschaft mit KKR“, flötete Konzernchef Mathias Döpfner.


Die Mitarbeiter werden wohl eher befürchten, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Zwar dürfte BILD als volksnahes Flaggschiff des publizistischen Rechtsdralls unantastbar sein, doch Die Welt, das Zentralorgan für den halbgebildeten Reaktionär, sieht der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler in Gefahr. Die Taktik von Finanzinvestoren wie KKR besteht nämlich darin, unprofitable Unternehmensteile zu schließen oder zu verscherbeln, Belegschaft abzubauen, notfalls die ganze Firma zu zerschlagen, mit den Einzelteilen Geld zu machen und nach fünf bis sieben Jahren und ordentlichen Gewinnen wieder auszusteigen.


Demnächst wird KKR den Springer-Verlag von der Börse nehmen, denn der Veröffentlichungszwang des Aktienmarktes stört die Private-Equity-Sachwalter generell bei ihrem undurchsichtigen Tun. Die Ausrichtung der Berliner Meinungsfabrik interessiert die US-Investoren dabei allenfalls hinsichtlich der kommerziell nutzbaren Massenakzeptanz. Dies widerspricht der Tradition des Hauses Axel Springer, denn dieser Verlag war nicht einfach ein Pressekonzern, er fungierte als ideologische Vorhut des rechtskonservativen Establishments.


Vorläufer der „sozialen“ Hass-Medien


Axel Cäsar Springer (1912 – 1985) war ein fanatischer Antikommunist und ein bedingungsloser NATO-Apologet. Die Verpflichtung zu pro-amerikanischer Gesinnung ließ er sogar in die Arbeitsverträge schreiben. Kein Wunder, dass seine Zeitungen die vorderste Propaganda-Front bildeten, als Polizisten am 2. Juni 1967 in Westberlin eine Demonstration gegen den iranischen US-Günstling Schah Reza Pahlavi niederknüppelten und der Beamte Karl Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg von hinten erschoss: BILD oder BZ nahmen nur skandalöse Ausschreitungen seitens der Demonstranten wahr.


Am 7. Februar 1968 forderte BILD: „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!“. Zwei Monate später schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann das APO-Idol Rudi Dutschke auf offener Straße nieder. Für die Aktivisten der Studentenbewegung wurde das Westberliner Springer-Hochhaus zum Hassobjekt Nummer eins. „BILD hat mitgeschossen“, skandierten sie.

Historische Collage vom 3. Juni 1967


In der Folge agierten die Boulevard-Blätter des Konzerns im Ton zwar ähnlich rüde, in der Sache aber subtiler. Clevere Schlagzeilen-Texter bedienten sich eines affirmativen Pidgin-Deutsches und verstanden es, die Aversionen der weniger denkfreudigen Bürger in die rechte Richtung zu lenken. Mochten Unternehmen den Fiskus um ungezählte Milliarden betrügen, Politiker sich bereits im Amt als Lobbyisten verdingen oder eine deutsche Regierung das Völkerrecht brechen – die Bösewichter der Nation blieben subversive Linke, finstere Kleinganoven mit Migrationshintergrund oder jener Hartz-4-Bezieher, der es nach Florida geschafft hatte.


Zwar behaupteten bei Umfragen beinahe alle Leser, sie würden nicht für bare Münze nehmen, was ihnen BILDung (so ein gar ziemlich zutreffender Spottname) tagtäglich vorsetze, doch bleibt von bösen Gerüchten immer etwas hängen. Keine andere Zeitung in Deutschland erhielt so viele Rügen des Presserates wegen unlauterer Berichterstattung, diskriminierender Kommentierung oder einfach wegen gedruckter Lügen. Durch bösartige Diktion, tendenziöse Desinformation und Minderheiten-Bashing avancierte die auflagenstärkste Zeitung der BRD zur Pionierin der rechten Facebook- und Twitter-Fakes, öffnete der Diffamierung Tür und Tor in die flächendeckende Verbreitung von Desinformation.

Springer-Porträt 1980: Seine vier Säulen der BILDung


 

Wer nur ausgesuchte und sorgsam bearbeitete Facetten der Realität serviert bekommt, verliert auf Dauer den Überblick über das Ganze und wird sich nicht mit Hintergründen beschäftigen wollen. Insofern ist die Bedeutung der Springer-Presse für das reaktionäre und xenophobe Klima in der Bundesrepublik gar nicht zu unterschätzen. Und eine solch erprobte Meinungsschmiede soll nun von Kapitaljongleuren aus New York ohne fachliches Know-how dominiert und womöglich filettiert werden?

 

Die Heuschrecke kontrolliert den Verlag


„Es geht nichts ohne Friede Springer“, wies eine Konzernsprecherin darauf hin, dass laut Vereinbarung mit KKR keine Entscheidung ohne die Verlegerwitwe getroffen werden könne. Die US-Heuschrecke wird aber wohl schon im Vorfeld die Bedingungen mit den anderen Beteiligten geklärt haben, die ihr die größtmöglichen Gewinne garantieren. Und da die großen Finanzinvestoren äußerst geschickt im Schmieden von Bündnissen oder kurzfristigen Koalitionen sind, dürfte wohl auch der Umkehrschluss gelten: Ohne KKR geht bei Springer nichts mehr.


KKR ist nicht gerade dafür bekannt, Qualitätsjournalismus oder gepflegte Unterhaltung zu fördern, dennoch stieg der Finanzinvestor hierzulande wiederholt bei Medienunternehmen ein. Vor einigen Jahren kaufte er Anteile von ProSiebenSat.1, nur um kurze Zeit später seine Anteile mit einer halben Milliarde Gewinn zu verhökern. Kürzlich erwarb KKR u. a. den Sender Tele 5 sowie ein Filmarchiv, wo er kurzzeitig investieren wird, um dann die Firmen oder Teile davon wieder profitabel abzustoßen. Das Handeln einer Heuschrecke kennt keine sozialen oder kulturellen Verpflichtungen, und erst recht keine Nachhaltigkeit.


Die Belegschaft des Springer-Verlages wird die neue Geschäftspolitik vermutlich bald zu spüren bekommen, während die Leser inhaltlich wohl zunächst keine Änderungen bemerken werden, ist doch die bisher vorherrschende Mischung aus neoliberaler Marktideologie und erzkonservativ-hierarchischem Gesellschaftsbild ganz im Sinne eines Private-Equity-Unternehmens.

  

Es kommt nichts Besseres nach


Der Springer-Clan kann also im eigenen Haus nicht mehr uneingeschränkt bestimmen – ein Wunsch der Alt-Achtundsechziger, zumindest der wenigen, die bei ihrem Marsch durch die Institutionen nicht von diesen absorbiert und in Sold genommen wurden, scheint wahr geworden zu sein. Doch es ist Vorsicht angebracht.


Dass eine Familie, die das rücksichtslose Streben nach Profit und Pressekonzentration aufs Innigste mit nationalistischer Indoktrinierung verband, nicht mehr schalten und walten kann, wie sie will, mag man begrüßen; dass aber Verlage zu Spekulationsobjekten mächtiger Schattenbanken werden, die als Avantgarde bedenkenloser Wachstumsprofiteure agieren und keinerlei Interesse an der Qualität der Veröffentlichungen oder der Validität der Recherchen haben, ist höchst gefährlich.


Der manchmal als lateinisches Zitat, dann wieder als pessimistisches Statement eines Philosophen oder schlicht als skeptische Bauernregel gehandelte Satz „Es kommt nichts Besseres nach“ könnte den Einstieg eines im Auftrag diverser geldschwerer Raffkes handelnden Firmensezierers in ein Unternehmen, das sein Geld mit medialer Manipulation verdient hat, am zutreffendsten kommentieren. KKR, Blackrock und andere fidele Konsorten würden aber vielleicht mit einem modifizierten Spruch des angesichts aller Katastrophen widersinnig optimistischen Professors Pangloss aus Voltaires „Candide“ antworten: „Wir leben in der besten aller möglichen Medienwelten.“

      

11/2019


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Etwas bleibt hängen im Archiv dieser Rubrik (2018)