Spreader in Uniform?

Cartoon: Rainer Hachfeld


Die Nachricht kam aus dem bayerischen Innenministerium und hätte eigentlich Besorgnis, Nachforschung und rasches Handeln initiieren müssen: Im Freistaat sind noch knapp 20 Prozent der Polizisten nicht gegen Covid-19 geimpft. Erstaunlicherweise blieb die relative Unwilligkeit einer relevanten Personengruppe unkommentiert, wurde die Information vom Dienstherrn nicht weiter präzisiert, fehlten Analysen und  Rückschlüsse auf dienstliches Gebaren. Anlass für uns, zumindest drei Aspekte, die sich aus der kargen Faktenlage ergeben, ein wenig näher zu beleuchten.


Wer sollte eigentlich müssen?


Während das künftige Bundeskabinett die obligatorische Immunisierung von Berufstätigen in sensiblen Bereichen, etwa in Altenheimen, im Gesundheitswesen oder in Schulen, ankündigt, die rechtlichen Voraussetzungen für eine allgemeine Impfpflicht prüfen will und bereits jetzt von schärferen G-2-Kontrollen spricht, scheint bislang eine Personengruppe, die für die Überprüfung dieser Maßnahmen zuständig wäre, nach dem Laissez-faire-Prinzip zwischen Virenschutz und Unversehrtheit des Oberarms wählen zu dürfen.


Der Presse erklärte jedenfalls das Münchner Innenministerium, eine „aktuelle Abfrage in Bezug auf die 3-G-Regelung am Arbeitsplatz vom 19. November 2021 hat ergeben, dass den Angaben nach eine 2-G-Quote von ca. 81 Prozent für die Bayerische Polizei vorliegt“. Jeder fünfte Beamte tut also ohne ausreichende Corona-Prävention Dienst. Ob draußen im Einsatz oder im Innendienst, wisse es nicht, teilte das Ressort mit. Nun könnte man die Zahl ja schönreden (höher als der Anteil Geimpfter und Genesener in der Gesamtbevölkerung), doch würde man dabei übersehen, dass es sich bei den Ordnungshütern um Arbeitnehmer in besonderer Verantwortung und mit zahlreichen, oft sehr intensiven Kontakten und mit der Lizenz zur Überprüfung anderer handelt.


Ob Beamte auf dem Revier Zeugen, Beschuldigte oder Opfer von Unfällen wie Straftaten verhören, ob sie sich auf der Straße als Freunde und Helfer „handgreiflich“ um Alte und Gebrechliche kümmern, als Rechtsschützer Verhaftungen in engem Clinch durchführen oder in Einsatzkommandos physisch mit Demonstranten aneinandergeraten – die Gefahr, sich durch intensiven Kontakt zu infizieren, oder (möglicherweise  im Fall der 20 Prozent Ungeimpften)  als Superspreader von Viren aufzutreten, ist latent vorhanden. Dieses Problem dürfte nicht auf die bayerische Polizei beschränkt sein, ist doch wohl kaum anzunehmen, dass die hessischen Kollegen mit ihren berüchtigten rechten Netzwerken oder die sächsischen Gendarmen in einer notorisch impfunwilligen Umgebung freudiger Schlange für den Pieks gestanden haben als ihre Kollegen im Freistaat.


Gedankengänge von Ungeimpften


Geht man also davon aus, dass Polizisten im Kontakt mit „Klienten“, aber auch im Umgang mit nicht immunisierten Kollegen einem besonderen Risiko ausgesetzt sind, jedoch auch selbst als potentielle Gefährder dastehen, nimmt wunder, wie nonchalant von offizieller Seite über dieses spezielle Defizit der Impfkampagne hinweggegangen wird. Welche Motive aber könnte ein Beamter haben, der die Ansteckung riskiert und die Vakzine scheut?


Natürlich gibt es körperlich und psychisch labile Menschen, die sich aus purer Angst vor (weitestgehend auszuschließenden) Folgewirkungen einer Impfung drücken wollen, dazu kommen noch Sektenangehörige, Anthroposophen oder manche Homöopathen, die sich in einer Welt mit eigenartigen metaphysischen Regeln eingerichtet haben. Der Anteil von Polizeibeamten in diesen Gruppen dürfte aber verschwindend gering sein.


Eher ist eine gewisse Nähe zur Mehrheitsfraktion der Impfgegner, die sich vor allem aus Ultra-Nationalisten, sogenannten Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern rekrutiert, zu vermuten. In dieser Szene gelten wissenschaftliche Forschung, empirische Erhebungen, signifikante Statistikvergleiche (etwa zwischen Regionen und Nationen mit hoher bzw. geringer Impfquote) oder Appelle an die gesellschaftliche Verantwortung nichts mehr. Fakten werden zu Manipulationen umgedeutet, sobald sie von offizieller Stelle kommen, die Diktatur der Weißkittel, der „Eliten“ oder des Weltjudentums droht; ganz so, als bräuchte unser System, das auch schon ohne all dies intransparent genug ist, noch das Brimborium eines Schauermärchens in Fantasy-Kulisse. Seltsamerweise tauschen die Corona-Leugner ihre klandestinen Botschaften ganz offen in jenen sozialen Netzwerken aus, deren Betreiber mit ihren auf den gläsernen Bürger abzielenden Intentionen auch bei besonnenen Menschen Horrorvisionen hervorrufen.


Querdenker mit und ohne Uniform


In diesem Zusammenhang hätte die von vielen Fachleuten geforderte Studie zu rassistischen Strukturen im Polizeiapparat, die Horst Seehofer mit fadenscheiniger Begründung verhinderte, Hinweise liefern können. Offener Rassismus ist nämlich ein Privileg der extremen Rechten (wohingegen von weiten Kreisen der Bevölkerung die latente Spielart der Diskriminierung bevorzugt wird), und so wäre es interessant gewesen, ob sich zahlenmäßige Übereinstimmungen beim Abgleich von ungeimpften und chauvinistischen Beamten ergeben hätten. Denn dass deutsche Sicherheitskräfte die Welt häufig aus dem rechten Blickwinkel wahrnehmen, weiß man aus Hass-Mails, die aus Frankfurter Polizeiwachen zu stammen schienen, oder durch die permanenten „Irrtümer“ während der NSU-Fahndung.



















Covid-Leugner und Gendarm auf der Demo: unterschiedlich kostümiert, aber häufig die gleiche Denke... 


Ungeimpfte Polizisten überprüfen derzeit die Einhaltung der 2G-Regeln in Bayern, und wenn sie diese Kontrollen gewissenhaft durchführen, mag sich der eine oder andere Ertappte fragen, wie es eigentlich um den Corona-Schutzstatus seines Häschers steht. Im „Streiflicht“ der SZ wurden die Seuchenleugner als „gedankliche Falschparker“ bezeichnet. Muss man nun befürchten, dass solche ideellen Verkehrssünder künftig von Ordnungshütern aufgeschrieben werden, die selbst nicht mehr genau wissen, wo man sein Geistesvehikel abzustellen hat, ohne dass es andere gefährdet?


Was aber wird erst geschehen, wenn sich auf einer gewalttätigen Kundgebung ein Polizist, der die „Corona-Lüge“ für sich selbst entlarvt hat, und ein Querdenker ohne offizielle Uniform (zu der ja ein Alu-Hütchen nicht gezählt werden darf) gegenüberstehen? Erkennt der/die eine den anderen als Bruder/Schwester in der Gesinnung? Und wenn ja, tauschen die beiden dann einvernehmlich ihre Ansichten aus – und vielleicht ein paar Viren dazu?


12/2021


Dazu auch:


Verblödungstheorien (2021) sowie Nazi und Gendarm (2016) im Archiv der Rubrik Medien