Teuer macht gut

Cartoon: Rainer Hachfeld


In Gütersloh und anderswo holen sich in schäbigen Unterkünften zusammengepferchte Leiharbeiter aus Osteuropa das Corona-Virus, nachdem sie das erbärmliche Leben des Schlachtviehs beendet und die Kadaver zerlegt haben. Verantwortlich zu machen ist dafür zunächst einmal niemand, da sich hierzulande die Fleischbarone hinter einer Kette von kaum zu ermittelnden Sub-Sub-Sub-Unternehmern verschanzen können. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner verspricht Abhilfe, indem sie die Preise für Discount-Schnitzel und Billiggulasch anheben lässt, und die Medien diskutieren auch noch ernsthaft über eine solch dummdreiste Verschleierung von Ursachen, Schuld durch Unterlassung und Systemmechanismen.


Wird Tönnies zum Menschen- und Tierfreund?


Zunächst wäre es aus Umweltgründen gut, wenn generell weniger Fleisch konsumiert würde. Es fielen weniger Treibhausgas-Emissionen und Gülle sowie geringerer Landschaftsverbrauch an. Wer aber nicht gänzlich auf sein Kotelett verzichten mag, sollte hochwertiges sowie gentechnisch und antibiotisch unbelastetes Fleisch von Weiderindern oder freilaufenden Schweinen kaufen – wenn er es sich denn leisten kann.


Nach der enormen Aufregung infolge der Corona-Infektionen im Umfeld der Schlachtbetriebe in NRW fordert Julia Klöckner, rührige Lobbyistin des Großbauerntums und der Nahrungsmittelkonzerne im Ministerrang, dass Fleisch generell teurer werden müsse, und impliziert, die Verbraucher seien schuld daran, dass der unschuldige Markt Teile von totem Getier aus Qualzucht verramschen müsse, weil sie nach immer mehr für immer weniger Geld gierten. Und wie das neoliberale Märchen so geht, würde der freie Markt sich aufs Schönste selbst regulieren, wenn er nur ein bisschen höhere Erlöse auf seine Waren erzielte. Das Tierwohl wäre mit Hilfe einer vom Staat dekretierten Abgabe besiegelt, und vielleicht sprängen sogar noch menschenwürdige Unterkünfte für Leiharbeiter heraus.




















Mittendrin und bestens vernetzt: Ministerin Julia Klöckner

schaukelt das Ding schon für die Fleischindustrie.


Soweit die frommen Wünsche, aber nun zurück zur Realität: Besitzer der Fabrik in Rheda-Wiesenbrück, in der an die 1500 Covid-19-Infizierte arbeiteten, ist Clemens Tönnies, bis vor Kurzem im Nebenberuf Aufsichtsratsvorsitzender des Traditionsvereins Schalke 04. Der Milliardär, in dessen Unternehmen 17 Millionen Schweine im Jahr geschlachtet und verarbeitet werden, hat sich unlängst als Rassist geoutet. Vorher hatte der Mega-Verwurster, der auch über enge Polit-Kontakte verfügt (wie die Schmierspur seines Beraters Sigmar Gabriel belegt), immer wieder unter Beweis gestellt, dass er es mit Recht und Gesetz nicht so genau nimmt: So hatte er 2013 bei der Übernahme einer Konkurrenzfirma gegen kartellrechtliche Bestimmungen verstoßen, ein Jahr später hatte er sich laut Spiegel und Zeit bei Cum-Ex-Geschäften nie gezahlte Steuern zurückerstatten lassen. Als er 2016 eine Geldbuße von 128 Millionen Euro wegen verbotener Preisabsprachen hätte zahlen müssen, nutzte er eine Gesetzeslücke, die erst nach diesem Fall geschlossen werden konnte.


Vor diesem Hintergrund gewinnt der Text eines fröhlichen Liedes, das Tönnies auf einer Messe schmetterte, wie die Frankfurter Rundschau dokumentierte, einen ganz speziellen Sinn: „Ich mach mein Ding. Egal was die anderen labern, was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal.“ Tönnies ist ohne Skrupel steinreich geworden, für die Verbesserung der Schlachtbedingungen und die Errichtung hygienischer Unterkünfte wäre also Geld vorhanden gewesen. Es gehört schon ein gerüttelt Maß an Naivität dazu, der Klöckner`schen Logik zu folgen und anzunehmen, 40 Cent Tierwohlabgabe pro Kilo Fleisch oder Wurst, gezahlt von den Verbrauchern, würden aus dem Schlachtbaron, seinen Großzüchtern und seinen Partnern von den Discounter-Ketten bessere Menschen und verantwortungsbewusste Arbeitgeber machen.

  

Wer lenkt den Markt?


Ebenso unsinnig ist es, zu behaupten, König Kunde bestimme via Nachfrage das Angebot. Seit vielen Jahrzehnten arbeiten ganze Armeen von Werbefachleuten, Lebensmittelchemikern, Konzern-Lobbyisten und Designern fieberhaft daran, vorhandene Bedürfnisse der Konsumenten zu intensivieren und am besten gleich neue unechte Bedürfnisse zu wecken. Sie tun dies, um den Absatz von Waren anzuheizen, neue Verdienstquellen zu kreieren, vor allem aber, um mehr Umsatz als die Konkurrenz zu generieren.


Ein Sechsjähriger empfindet nicht per se heftige Begierde nach einem Schoko-Ei namens Kinderüberraschung, sie ist ihm durch ständige Reklame eingetrichtert worden. Dazu animiert ihn zudem die Platzierung im Supermarkt, etwa als Stolperfalle vor der Kasse, dazu, die Mutter weich zu quengeln. Dass wir die in Plastik verpackte Wurst aus Formfleisch und Schlachtabfällen als wohlschmeckend empfinden, ist der gewissenhaften Arbeit mit künstlichen Aromastoffen zu verdanken, und die sind noch relativ harmlos, verglichen mit anderen Ingredienzien, etwa Zucker, Fetten, Antibiotika oder sogar suchterregenden Substanzen.


Damit Umsatz und Wachstum von Herstellern und Handelsketten permanent gesteigert werden können, erzieht man die Kunden zu Sinnesbehinderten, die auf einen gewissen Geschmack, eine bestimmte Form oder ein überdimensioniertes Quantum konditioniert werden, auch wenn sie dadurch ihrer Gesundheit oder der Umwelt schaden. Das gilt für den Erdbeer-Joghurt, in dessen Nähe nie eine Frucht kam, ebenso wie für den SUV, für den man in der Stadt kaum eine Parklücke findet, mit dem man aber auf der Suche danach die Luft verpestet. Das gilt auch für das Fleisch, nach dessen Herkunft oder Nährwert niemand fragt, das aber auch noch in größeren Mengen erschwinglich sein soll.


Nicht die Konsumenten bestimmen den niedrigen Fleischpreis, es sind die Produzenten und Verkäufer, die immer Dubioseres immer billiger offerieren, weil sie im „freien“ Wettbewerb des Marktes den maximalen Profit durch Niedriglöhne für prekäre Arbeitsplätze,

fragwürdige Produktion und bloße Quantität anstreben, indem sie ihre Konkurrenten unterbieten und damit überflügeln. Es ist das System, Frau Klöckner, nicht der Geiz unwissender Kunden!


Berliner Prinzip Ablenkung  


Natürlich könnte man Essentielles ändern, ohne den Kapitalismus zu überwinden, man müsste ihm solche Einschnitte aber abtrotzen. Nach Corona müsse alles anders werden, hieß es in den Medien, ein „Weiter so!“ dürfe es nicht geben. Die frohe Botschaft, die sich so leicht formulieren lässt, hört man wohl, allein es fehlt einem der Glaube an die etablierte Politik. Wie viele Parlamentarier wollten in Berlin schon ernsthaft den Kampf gegen Lebensmittel- und Pharmakonzerne, die Handelsgiganten und die Agrarindustrie aufnehmen und deren Lobbyisten Tür und Tor verschließen?


Vielleicht gelingt es Arbeitsminister Hubertus Heil tatsächlich, das Beschäftigungsgeflecht in der Fleischverarbeitung ein wenig zu entwirren, aber damit ist die Ära der riesigen zentralen Schlachthöfe, der Massentransporte von Rindern, Folter-Haltung von Schweinen und Mega-Hühnergefängnissen noch lange nicht vorbei. Da sei schon Kabinettskollegin Julia Klöckner vor, die stets gutgelaunte Ex-Weinkönigin und Fürsprecherin der Ernährungsoligarchen. Mit ihr ist nur ein unverbindliches Tierwohl-Label zu machen, nicht aber ein Subventionsstopp für Großzüchter und Anbauer von Monokulturen, noch nicht einmal die klare Kennzeichnung von Herkunft, Produktionsweise und Zusammensetzung eines Erzeugnisses, erst recht nicht die verständliche Warnung vor dessen potentieller Schädlichkeit.


Die deutsche Landwirtschaft müsse konkurrenzfähig bleiben, lautet Klöckners Mantra. Tatsächlich meint sie aber, für unsere Agrar- und Fleischindustrie sollten sich weiterhin die von der EU subventionierte Exporte in Drittweltländer, deren Kleinbauern ihr Auskommen verlieren, weil sie eben nicht konkurrenzfähig sind, lohnen.


Klar, man könnte die Landwirtschaft entzerren und diversifizieren, kleine Höfe fördern, auf denen das Vieh so gehalten wird, dass es ein Leben vor dem Schlachten hat, und die Gemüse wie Getreide in zertifizierter Bio-Qualität anbauen. Und man müsste die Massentierhaltung abschaffen, gleichzeitig den agrarischen Flächenfressern die Überdüngung und den Gebrauch von gefährlichen Insektiziden verbieten, aber man wird das nicht tun. Zu mächtig sind die Konzerne und Bauernverbände, und sie haben ihre Agenten längst in den Bundestag und die Regierung eingeschleust. Da lenkt Klöckners 40-Cent-Vorschlag doch angenehm von der Notwendigkeit grundlegender Maßnahmen ab.

 

Und so kann Frau Klöckner ihr Pferd von hinten aufzäumen und nach der Corona-Krise geschwind rückwärts in die profitable Vergangenheit der Versorgungsmonopolisten galoppieren. Nach Covid-19 wird dann wieder vor Covid-19 sein. Die allgemeine Empörung über die Behandlung der ausländischen Hilfskräfte ist längst der persönlichen Sorge, die tägliche Wurst auf dem Teller sei von Infizierten zusammengemantscht worden, gewichen. Als Upton Sinclair 1905 in seinem Roman „Der Dschungel“ die Zustände in den Schlachthöfen von Chicago anprangerte und feststellen musste, dass seine Mitbürger zwar gegen die hygienischen Verhältnisse bei der Produktion Sturm liefen, die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen sie jedoch kaltließen, schrieb er resigniert: „Ich habe auf das Herz der Amerikaner gezielt, aber nur ihren Magen getroffen.“

  

07/2020


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Unser täglich Aldi in der Rubrik Helden unserer Zeit