This will be the last

Gedanken zum 50. Todestag von Jimi Hendrix

























Cover des Live-Albums "Band Of Gypsys" (1970)



Als am 18. September 1970 James Marshall (genannt Jimi) Hendrix in London nach exzessivem Konsum von Alkohol und Schlaftabletten an seinem Erbrochenen erstickte, befiel nicht wenige Menschen die Ahnung, dass damit der Anfang vom Ende der (relativ) unabhängigen Ära des progressiven Rock eingeläutet worden sei. In den kurzen vier Jahren seines Erfolgs hatte Hendrix das E-Gitarrenspiel revolutioniert wie kein anderer und avantgardistische Meilensteine gesetzt in einer Musik, die in der Epoche von love, peace and happiness, aber auch des Vietnamkriegs noch als Sound des gesellschaftlichen Aufbruchs verstanden wurde. Ernüchtert kann man inzwischen feststellen, dass es heute einen Star wie ihn im dressierten Pop-Business nicht mehr geben könnte.


Phönix aus dem Sumpf


Wer sich die exaltierte, manchmal aggressive, dann wieder nachdenkliche bis melancholische Musik, die alle Konventionen des Pop- und Showbusiness konterkarierenden Bühnenauftritte des Mannes aus Seattle und seinen permanenten Konsum von Alkohol und Drogen vergegenwärtigt, wird auch ohne viel Einfühlungsvermögen auf eine wenig harmonisch verlaufene Kindheit und Jugend schließen können. Tatsächlich spiegeln die ersten Jahre nach seiner Geburt am 27. November 1942 in Seattle die deprimierenden Erfahrungen vieler junger Schwarzer, die in einem miesen sozialen Milieu fast ohne Chancen auf Emanzipation oder gar Aufstieg groß werden müssen.


Seine Eltern James Allen Hendrix und Lucille Jeter, beide mit afroamerikanischen und indianischen Vorfahren, hatten ein beträchtliches Alkoholproblem. Jimi war ein schüchternes und sensibles Kind, das unter der Atmosphäre von Suff-Eskapaden, häuslicher Gewalt und ständigen Wohnungswechseln litt. Nachdem sich die Eltern 1951 scheiden ließen, wuchs er beim Vater auf. Immerhin scheinen Al und Lucille Hendrix, die als Tanzpaar gearbeitet hatten, ihrem Sohn musikalisches Talent vererbt zu haben. Umso seltsamer wirkt die jahrelange Weigerung des Vaters, Jimis sehnlichsten Wunsch zu erfüllen und ihm eine Gitarre zu besorgen. Erst 1957 kaufte Al dem Sohn für fünf Dollar eine gebrauchte akustische Klampfe, auf der der linkshändige Junge die Saiten verkehrt herum aufziehen musste.


Den Rest seiner Jugend verbrachte Jimi Hendrix weiterhin freudlos an falschen Orten: Von der Garfield High School flog er 1959 wegen schlechter Leistungen. Nach einem Autodiebstahl stand er vor der Wahl, zwei Jahre im Gefängnis abzusitzen oder sich „freiwillig“ zur Army zu melden. Er verpflichtete sich 1961 für drei Jahre und landete in der 101. US-Luftlandedivision, die in Fort Campbell stationiert war. Seine Vorgesetzten bemängelten seine fehlende Motivation, die Missachtung von Befehlen und kritisierten, er interessiere sich einzig und allein für das Gitarrenspiel. Seine Kameraden wiederum litten darunter, dass er auch Musik machte, wenn sie schlafen wollten. Nach dreizehn Monaten wurde Hendrix vorzeitig entlassen. Eine Army-Website bemerkt lakonisch über den mittlerweile berühmten Veteranen, die Luftwaffe habe einen schlechten Soldaten verloren, die Rock-Musik einen exzellenten Gitarristen gewonnen.


Nach seinem „Militärabenteuer“ gründete Hendrix eine eigene Band, verdiente sein Geld aber hauptsächlich als Begleitmusiker von Größen wie Little Richard, The Supremes oder Ike & Tina Turner. Schließlich verpflichteten ihn 1964 die Isley Brothers, eine über Generationen hinweg bekannte Soul- und Funk-Band, als Gitarristen. Ein Jahr später schloss er sich dem Rhythm & Blues-Star Curtis Knight an. Den Durchbruch, sozusagen die Auferstehung des Phönix aus dem Sumpf beliebiger Auftragsmusik, sollte Hendix 1966 erleben, als ihn der Engländer Chas Chandler in New York hörte.

    

Die Entdeckung eines Neutöners


Chandler war gerade als Bassist bei den Animals ausgestiegen und wollte nun andere Musiker beraten und produzieren. Er erkannte sofort Hendrix‘ einzigartiges Talent und das Potential zu einer großen Karriere. Chandler nahm ihn unter Vertrag und spannte ihn mit dem englischen Drummer Mitch Mitchell und dem irischen Bassisten Noel Redding zur Jimi Hendrix Experience zusammen, einem Trio, wie es die Welt noch nicht gehört hatte.


Kurz darauf wurde Hendrix mit der von dem US-Folksänger Billy Roberts geschriebenen Ballade „Hey Joe“ einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Die Geschichte des Mannes, der seine untreue Frau erschießt und nach Mexiko fliehen will, wird von dunklen Gitarrenläufen, die mal drohend anschwellen, dann wieder wie in Resignation in sich zusammensinken, untermalt und akzentuiert. Bereits mit dem ersten Hit macht Hendrix klar, dass er sein Instrument anders einsetzte als all die diversen virtuosen Solo-Gitarristen der Rock-Musik.


Das erste Album „Are you experienced?“ erreichte Platz 2 der britischen Charts. Als Jimi Hendrix im renommierten Club Bag O’Nails auftrat, saßen die Beatles, The Who und Donovan im Publikum. Nur wenige Tage, nachdem die vier Liverpooler am 26. Mai 1967 ihre bahnbrechende LP „Sergeant Pepper`s Lonely Hearts Club Band“ veröffentlicht hatten, präsentierte die Experience in London den Titelsong live in einer härter akzentuierten Version. Jahrzehnte später erzählte Paul McCartney in einem ARTE-Interview, die Beatles seien stolz darauf gewesen, dass ein solcher Musiker ein Stück von ihnen gecovert habe. John Lennon wiederum soll den Veranstaltern des Monterey Pop Festival in Kalifornien den in den USA noch relativ unbekannten Hendrix empfohlen haben. So trat der am 18. Juni 1967 auf dem musikalisch wichtigsten Gipfeltreffen der Rock-Geschichte auf, spielte wie entfesselt, setzte seine Gitarre in Brand und schaffte mit einem einzigen Auftritt den Durchbruch in seinem Heimatland.


Als bestimmte zunächst spontane Showeffekte, etwa das Saitenspiel mit Zähnen und Zunge oder das Abfackeln des Instruments, von ihm als Auftrittsroutine erwartet wurden, verzichtete Hendrix, den Bekannte abseits der Bühne als freundlichen und zurückhaltenden Menschen wahrnahmen, darauf. Nur vier Alben waren tatsächlich von ihm autorisierte Werke, eine weitere LP „The Cry of Love“ stand bei seinem Tod kurz vor der Veröffentlichung. Aber es existieren unzählige Kompilationen mit mal schlechterem, mal besserem Material, darunter etliche Live-Mitschnitte. Die noch seriösesten posthum erschienenen Aufnahmen wurden von seinen Verwandten zusammengestellt.


Neben dem experimentellen Doppelalbum „Electric Ladyland“ von 1968 mit zwei Versionen von „Voodoo Child“, dem sinistren „Burning Of The Midnight Lamp“ oder „House Burning Down“, einem Kommentar zu den Aufständen in den Schwarzen-Ghettos von Watts, Newark und Detroit, gehört die Live-LP „Band Of Gypsys“ zu den herausragenden Beispielen für Hendrix‘ Kreativität. Dazu hatte er ein neues Trio mit den beiden schwarzen Musikern Billy Cox am Bass und dem Funk-Schlagzeuger Buddy Miles, der als hervorragender Lead- wie Hintergrundsänger Soul-Feeling in den zwingenden Bluesrock mischte, zusammengestellt. In der Neujahrsnacht 1970 attackierte Hendrix mit „Machine Gun“, das er in dem New Yorker Konzert, aus dem das Material für das Album stammt, den GIs in Vietnam widmet, textlich und akustisch die inhumane US-Kriegspolitik in Indochina.


Was aber machte den Sound von Jimi Hendrix so einzigartig? Es gab eine ganze Reihe begnadeter Leadgitarristen in der Rock-Musik, von Jimmy Page (Led Zeppelin) über Eric Clapton bis zu Jeff Beck, der in seiner Suche nach neuen Wegen und Techniken dem Mann aus Seattle noch am nächsten kam. Sie alle brillierten mit rasanten Läufen, ihre Soli waren raffinierte Phrasierungen des Grundthemas, ihre Fingerfertigkeit galt als legendär. Hendrix aber fegte über die Saiten wie eine Urgewalt und interpretierte die E-Gitarre als völlig neues Instrument; wo andere ein Thema versiert variierten, zerlegte er es, schuf neue Formen aus den Bestandteilen, lauschte jedem Ton, jedem Schrillen seiner Fender Stratocaster nach und fügte es einem Inferno hinzu, aus dem sich eine gleichzeitig kompromisslose und psychodelische (= bewusstseinserweiternde) andere Musik herauskristallisierte.


Harte Riffs, Stakkato-Drive, brutale Breaks und anarchische Gitarrengewitter charakterisierten eigene Lieder wie „Purple Haze“, „Gypsy Eyes“ oder „If 6 Was Nine“, und aus „All Along The Watchtower“, einem eher unauffälligen Song von der Dylan-LP „John Wesley Harding“, wurde ein düster-surreales Opus. Aber er schrieb auch einige der schönsten lyrischen Stücke des Rock, etwa das magische „Little Wing“, „The Wind Cries Mary“ oder „Angel“, feine Melodien, bei denen seine Fender ihre Sprengkraft einer melancholischen Grundstimmung unterordnete. Auch dem Blues verschaffte Hendrix in „Red House“ mehr Fülle und Resonanz, indem er sein Instrument tiefer stimmte und Akkorde mit dem Daumen der Griffhand um eine Bass-Komponente erweiterte. Das Wah-Wah-Pedal und der Verzerrer waren vor seiner Zeit Hilfsmittel für kurze exotische Effekte gewesen, er integrierte sie als wichtige Stilmittel durchgängig in die Musik („Who Knows“, „Voodoo Child“). Selbst die ungeliebten elektrischen Rückkoppelungen verarbeitete er zu musikalischen Echos, als sei jeder Ton in seiner expressiven Dimension willkommen.

 

Von seinen Managern Chandler und Jefferey, die ihn später übers Ohr hauen sollten, wurde er immerhin einmal zu seinem Glück gezwungen: Jimi Hendrix mochte seine Stimme nicht, die tatsächlich kein großes Volumen hatte und ein wenig tief war. Seine Produzenten aber zwangen ihn zum Leadgesang – und sie taten recht damit. Er klang ehrlich und ausdrucksstark, und kein geschliffener Vokalist hätte das atemlose Gefühl oder die subtile Trauer mancher Songs authentischer wiedergeben können. Zudem sang Hendrix in Improvisationen an den Gitarrenklängen entlang und führte so den dem Jazz entlehnten Scat-Gesang nebenher in die Rock-Musik ein.


Zeit der unbegrenzten Kreativität


Hendrix‘ größte Erfolge fielen in die wohl kreativste (wenn auch reichlich kurze) Phase der Rock-Musik. Die Beatles hatten mit „Sergeant Pepper’s“ quasi den Startschuss gegeben, viele andere brachen in den nächsten vier, fünf Jahren ebenfalls zu neuen Ufern auf. Die Sitar und die Tabla hielten ebenso Einzug in die Künstlerkommunen von London bis San Francisco wie die ersten Salsa-Rhythmen, die Jazz-Arrangements, das Soul-Feeling, die Folk-Ballade oder der Moog-Synthesizer.


In Großbritannien mischte das Speed-Trio Cream den elektrischen Blues auf, während Led Zeppelin Heavy Metal zur diffizilen Kunstform erhoben, Pink Floyd sich in den Sphärenklängen des Kosmos verloren, die Beatles sich mit dem Klassiker der modernen E-Musik, Karlheinz Stockhausen, beschäftigten und King Crimson psychodelische Soundorgien feierten. In den USA erreichten Janis Joplin und Jim Morrison die künstlerischen Höhepunkte ihrer kurzen Leben, hielten Frank Zappa und seine Mothers Of Invention der Nation den in intelligenten Rock mit Jazz-Ingredienzen gepackten Spiegel vor, heulte erstmals Neil Young zum schleppenden Rhythmus von Crazy Horse über vergebliche Liebe und das Unrecht auf der Welt. Das war die Zeit, in der Hendrix‘ revolutionäre Gitarre die Konventionen des Easy Listening sprengte und er viele enthusiastische Hörer und Epigonen fand.


Eine kurze Weile schien im Rock‘ n‘ Roll alles möglich, als wären kreativen Musikern keine Grenzen durch den Kommerz gesetzt, als könnten nur sie selbst entscheiden, was sie spielten, aufnahmen und veröffentlichten. Bereits Anfang der 1970er Jahre aber begannen wieder die Bosse der Plattenfirmen, die Produzenten, Manager und Show-Veranstalter die Kontrolle zu übernehmen. Eine kurze Phase weitgehender künstlerischer Freiheit wich der bis heute anhaltenden bleiernen Periode glattgebügelter, vorhersehbarer Event-Kultur, in der sich der Wert eines Stücks oder einer Performance in Dollars und Werbetauglichkeit bemisst.


Zwei ideell diametral entgegengesetzte Ereignisse prägten vor allem in den USA diese wilde Zeit der populären Musik: Da war einmal das Aufkommen der sympathischen, aber gesellschaftspolitisch naiven Hippie-Bewegung mit ihren Träumen von Frieden und freiem Grass; und da war der Vietnamkrieg mit seinen Millionen Opfern, der die Gesellschaft spaltete und für viele junge Menschen zum entscheidenden Faktor ihrer politischen Sozialisation wurde. Hendrix mag auch ein Blumenkind gewesen sein, aber sein Stil verband das Sehnen nach einer besseren Welt mit der lauten Härte industrieller Fabrikation, und sein musikalischer Kommentar zum US-Imperialismus erreichte eine nie gehörte Schärfe.

         

Das Guernica der Rock-Musik


Eigentlich hätte das legendäre Woodstock-Festival nur drei Tage dauern sollen. Doch amateurhafte Organisation und schlechtes Wetter verzögerten den Ablauf, und so war der vierte Tag angebrochen, als die letzten Musiker, Jimi Hendrix mit neuer Band, endlich die Bühne betraten. Vor der Rampe lagerten nur noch 25.000 hartgesottene Fans von zuvor mehr als 400.000, und um sie herum hatte sich ein gigantischer Ring aus Müll und Morast angehäuft.


Schon zuvor war in Woodstock über Vietnam gesprochen und gesungen worden, etwa von Country Joe McDonald oder Crosby, Stills, Nash & Young, doch jetzt hämmerte Hendrix das Grauen des Krieges und die Verbrechen des Land of the Free direkt in die Gehörgänge der noch von Flowerpower träumenden letzten Festivalbesucher. Er verzerrte „The Star-Spangeled Banner“, die pathetische Nationalhymne der USA, bis zur Kenntlichkeit und „nahm damit in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu ausnahmslos auf akustische Weise Stellung zur in den USA ständig präsenten US-Kriegsführung in Vietnam“, wie es der deutsche Musikwissenschaftler Martin Geck formulierte. Und im MDR sagte Markus Escher: „Durch Spieltechnik und den Einsatz von Effekten ließ er zwischen den bekannten Motiven der Hymne auch Kriegsszenen hörbar werden, darunter verblüffend deutlich Maschinengewehrsalven, Fliegerangriffe und Geschosseinschläge.“


Ein Kritiker verglich Hendrix‘ Interpretation des „Star-Spangeled Banner“ sogar mit Pablo Picassos Monumentalgemälde „Guernica“, der vielleicht berühmtesten Anklage gegen Kriegsverbrechen in der Bildenden Kunst. Das Motiv des Spaniers war die Zerstörung der baskischen Kleinstadt durch die Bombenflugzeuge der deutschen Legion Condor als besonders grausames Beispiel für die Massaker an der Zivilbevölkerung im Spanischen Bürgerkrieg gewesen.


Ein Leben implodiert


Anfang 1969 war Jimi Hendrix bei der Einreise nach Kanada zu einer Tournee mit Haschisch und Heroin erwischt worden. Sein Bassist Noel Redding erzählte später, das Experience-Trio sei zunehmend unter Drogen gestanden und Hendrix selbst habe begonnen, LSD schon vor dem Konzert einzuwerfen, und nicht erst danach wie früher. Dazu kam des öfteren noch jede Menge Whiskey. Manche Auftritte absolvierte der als Spross einer Suchtfamilie Vorbelastete beinahe apathisch, dann wieder begeisterte er 600.000 Zuhörer auf der Isle of Wight kurz vor seinem Tod.


Bis zum Schluss entwickelte Jimi Hendrix seine musikalischen Ideen weiter, aber ein geschwächter Körper und ein überdrehter Geist ließen keine vielleicht rettende Ruhephase zu. Als am 19. September 1970 die Nachricht von seinem Tod um die Welt ging, ahnten schon die ersten, dass das internationale Musikgeschäft eine solch exaltierte und künstlerisch eigenwillige Gestalt wohl nicht mehr zulassen würde. Insofern klingen die letzten Verse von „The Wind Cries Mary“ beinahe wie eine Self-Fullfilling Prophecy:


Will the wind ever remember?
The names it has blown in the past
And with its crutch, its old age and its wisdom
It whispers "no, this will be the last"

                  

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09/2020