Universal Soldiers
Cartoon: Rainer Hachfeld


Als typischer Failed State, der ohne Perspektive am Tropf ausländischer Mächte hängt, darf ein westafrikanisches Land in der Sahelzone gelten. Vorgeblich, um Jihadisten und Tuaregs zurückzudrängen, operieren westliche Staaten, insbesondere Frankreich und Deutschland, zur Wahrung eigener Interessen, aber mit dem Segen der UNO, in Mali. Mittlerweile sehen sie sich mit russischen Soldaten und Söldnern konfrontiert, die von der Militärjunta in Bamako zur Hilfe gerufen wurden. Die unklaren Ziele, die merkwürdigen Allianzen und Aktionen und die undurchsichtige Lage lassen immer häufiger die Frage aufkommen, was die Bundeswehr in der Region denn tatsächlich erreichen will.


Wozu 1400 deutsche Soldaten?


Über Mali berichten die hiesigen Medien meist nur, wenn dort wieder einmal geputscht wird, wenn Islamisten auf dem Vormarsch sind oder Berliner Politiker Markantes dazu äußern. Die Frage, warum die Bundeswehr dort ihre derzeit größte Auslandsmission bestreitet und 1400 Soldaten in den Sahelstaat entsandt hat, wird dabei selten gestellt und kaum jemals befriedigend beantwortet. So ist es ratsam, auf die Aktionen und Motive des französischen NATO-Partners zu schauen, denn der hat für sein Engagement in dem bettelarmen Land ökonomische Gründe und handfeste Interessen vorzuweisen.


Als 2012 ein Zweckbündnis aus islamistischen Terrorgruppen und den recht- sowie staatenlosen Tuareg-Nomaden aus dem Norden in die Mitte Malis vorstieß und u. a. die legendäre Weltkulturerbe-Stadt Timbuktu eroberte, griff die französische Armee ein und trieb die Angreifer zurück in die Wüste. Paris ging es in erster Linie um seinen strategischen Einfluss in der Sahelzone und um die Uranvorkommen im Norden des Landes, die für die heimischen Atomkonzerne von entscheidender Bedeutung sind. Da die Franzosen es leid waren, sich – von den unzuverlässigen Mali-Streitkräften kaum unterstützt – allein mit den Jihadisten herumzuschlagen, initiierten sie die mit UN-Mandat versehene Stabilisierungsmission MINUSMA, in der auch bis 1400 deutsche Soldaten afrikanische Luft schnuppern sollten, denn die BRD begreift sich mehr und mehr als Global Player, auch auf militärischem Gebiet und nun auch in Afrika.


Mittlerweile hat SPD-Verteidigungsministerin Christine Lambrecht gegenüber der dpa die Aussetzung der Aufklärungs- und Transportflüge durch die deutsche Luftwaffe angekündigt und sogar den gesamten Bundeswehreinsatz in Frage gestellt. Viel bewirkt haben die deutschen Soldaten ohnehin nicht, sieht man von bedenklichen Vorfällen bei der Ausbildung malischer Streitkräfte ab. Die Musik spielte längst woanders: Frankreich zog sich weitgehend aus der MINUSMA-Mission zurück und kocht militärisch nun sein eigenes Süppchen. In der Hauptstadt Bamako hatten im Vorjahr Militärs gegen die Übergangsregierung geputscht, die ihrerseits von der Armee eingesetzt worden war, nachdem diese den 2020 gewählten Präsidenten Keϊta gestürzt hatte. Die aktuelle Junta verweigerte aber MINUSMA und damit auch der Bundeswehr wegen fehlender Formulare Überflugrechte, sodass die Kontingente zeitweise nicht ausgetauscht werden konnten, und holte auch noch die Russen nach Mali.


Seltsame Verbündete, dubiose Gegner


Die Bevölkerung scheint die Option der von den Putschisten in Gang gebrachten Ablösung der NATO-Soldaten durch Militärberater und Söldner (vor allem von der berüchtigten Gruppe Wagner) aus Russland zu begrüßen; die Überheblichkeit und Ignoranz der westlichen Truppen kennt sie zur Genüge, die der neuen Interventionskräfte aus dem Osten (noch) nicht.


Die MINUSMA-Kräfte hatten sich im Luftverkehr über alle nationalen Formalitäten hinweggesetzt und auch intensiv Spionage aus der Luft betrieben. Die Junta in Bamako befürchtet wohl nicht ganz zu Unrecht, dass ein erneuter, diesmal pro-westlicher Umsturz vorbereitet werden soll. Französische Drohnen spähen malische und russische Militärlager aus, und auch die deutschen Soldaten scheinen mittelbar mehr mit Regime Change als mit dem Kampf gegen Jihadisten befasst zu sein, wie ein Bericht des kritischen Mediendienstes German-Foreign-Policy nahelegt: Derzeit stehen 49 Soldaten aus der von einem frankophilen Regime regierten Elfenbeinküste, die illegal ins Land gekommen waren, in Mali vor Gericht. Sie hatten ein von der Bundeswehrtruppe genutztes Camp bewachen sollen, das von der privaten (!) Firma Sahel Aviation Services (SAS) betrieben wird. Das Unternehmen wurde von einem deutschen Hauptmann der Reserve gegründet. Zur Vorbereitung eines neuerlichen Staatsstreichs, mutmaßen die malischen Behörden – immerhin erinnert die Konstellation ein wenig an Söldnerunwesen und fremdgesteuerten Coup d‘etat…




















Die russische Gruppe Wagner, deren Gründer Dimitri Utkin den Opernkomponisten Richard W. sowie Adolf Hitler verehrt, sieht sich in Mali möglicherweise mit deutschen Kombattanten konfrontiert, die sich ihrerseits nach Paul Lincke, dem Schöpfer leichter Operetten und des Marsches "Unsere braunen Jungens", benennen könnten.


Inzwischen soll MINUSMA ein mutmaßliches Massaker an 300 Zivilpersonen, das malische Streitkräfte gemeinsam mit russischen Söldnern Ende März in der Ortschaft Moura begangen haben sollen, untersuchen. Denkbar wären solche Grausamkeiten angesichts der Vergangenheit beider Alliierter durchaus, auch wenn die Junta in Bamako von 207 getöteten Terroristen spricht. Bemerkenswert ist der Aufklärungseifer der UN-Militärs dennoch, wurde über frühere dokumentierte Kriegsverbrechen durch malische Soldaten, die von der EU-Truppe EUTM ausgebildet worden waren, doch stets der Mantel des Schweigens gebreitet. Auch dem Vorwurf, Bundeswehrsoldaten hätten bei ethnischen Säuberungen in der Provinz Gao tatenlos zugesehen, war nie ernsthaft nachgegangen worden.


Präsenz in allen Ecken der Welt?


Was also rechtfertigt den Einsatz deutscher Truppen in Mali? Humanitäre Anliegen können es nicht sein. Der Kampf gegen islamistischen Terrorismus scheint auch eher lasch geführt zu werden. Ist es die neu erwachte nationale Hybris, die militärische Präsenz in allen Winkeln der Welt verlangt, weil ja „geostrategisch“ wichtig so ziemlich jede Ecke ist? Oder ist es der Versuch, unseren westafrikanischen „Hinterhof“ gegen russische und chinesische Begehrlichkeiten zu verteidigen. Vermutlich sind es die beiden zuletzt erwähnten Gründe.


Während Verteidigungsministerin Lambrecht zum Abzug des Bundeswehr-Kontingents tendiert, hält der CDU-Politiker Henning Otte, Vize des Verteidigungsausschusses, das Banner hoch. Es widerspreche den deutschen Sicherheitsinteressen, wenn Westafrika weiter in den Machtbereich offizieller und inoffizieller Truppen Russlands und vor allem islamistischer Terroristen falle. „Die Sicherheit Deutschlands endet eben nicht am Mittelmeer“, stellte er kategorisch in einem dpa-Interview fest. Wir entsinnen uns eines ähnlichen Merksatzes des einstigen SPD-Kriegsministers Peter Struck, dem zufolge die Sicherheit Deutschlands auch im Hindukusch verteidigt werde. Wenn die Gefahrenabwehr am Südrand der Sahara ebenso erfolgreich verläuft wie in Afghanistan, gnade uns Gott!


Gleichzeitig werden sechs Kampfflugzeuge (von denen nur fünf ankommen) und die Fregatte Bayern in den pazifischen Raum entsandt, um an der von den USA orchestrierten Einkreisung Chinas mitzuwirken, sollen Bundeswehrsoldaten die baltischen Grenzen gegen Russland schützen helfen. Offensichtlich reichen unseren Militärglobalisten solche Aufgaben noch nicht und sie schicken Truppen in die Wüste, wo sie genauso ineffektiv operieren wie in den afghanischen Bergen, gehören sie doch zu einer Armee, die schlecht ausgerüstet ist und die recht perspektivlos operiert. Zudem sind ihre Spezialeinheiten nachweislich von Neonazis infiltriert. In Mali zeichnet sich das nächste Debakel ab. Doch die Welt ist groß, es gibt also noch viele andere Länder.


Mitte der 1960er Jahre beschrieb der britische Folkrock-Barde Donovan in seinem Protestsong „The Universal Soldier“ den Prototyp des Soldaten ohne jedes Bewusstsein, der überall auf der Erde kämpft, ohne zu fragen, warum, wofür oder für wen, und ohne den kein Krieg geführt werden könnte. Mir scheint, maßgeblichen Politikern in Berlin schwebt ein großes omnipräsentes Heer von Universal Soldiers vor.


09/2022


Dazu auch:


Die Lehren von Kabul im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2021)