Unmoralische Instanz

Das Skandalhaus Springer

Cartoon: Rainer Hachfeld


Dunkle Wolken der öffentlichen Empörung haben sich über dem Axel Springer Verlag und vor allem BILD, seiner Allzweckwaffe gegen Anstand, Toleranz und soziales Bewusstsein, zusammengezogen. Durch #MeToo-Enthüllungen wurden Machtmissbrauch und Chauvinismus innerhalb der Redaktion publik, und nun prangern diverse Journalisten auch die massive Desinformation sowie die Skrupellosigkeit an, mit der das Medienimperium seinen Einfluss auf Bevölkerung und Politik auszubauen sucht. Dabei hätten sie die Übergriffigkeit und die kontinuierliche Verbreitung von „alternativen Fakten“ schon seit Jahrzehnten kritisieren müssen.


Machismo, Machtspiele und Manipulation


Es mag sein, dass der kürzlich gefeuerte BILD-Chefredakteur Julian Reichelt der giftigste Pfeil im Köcher des Hauses Springer war, doch Deutschlands meinungsmächtigster Verlag verfügte schon etliche Jahrzehnte lang über genügend tödliche Geschosse in seinen Arsenalen, um humanitäre Gedanken zu unterdrücken, Linke und Humanisten zu diskreditieren und einfach denkende Menschen zum Hass anzustacheln. In die längst fällige Diskussion gerieten die internen Machtpraktiken, welche Rückschlüsse auf das vorherrschende Menschen- und Gesellschaftsbild und damit die Grundlage der publizistischen Kriegsführung der Zeitungsmacher zuließen, aber erst, nachdem sich Journalistinnen als abhängige Opfer Reichelts geoutet und sich im Frühling dieses Jahres an die Compliance-Abteilung des Verlags gewandt hatten.


Diesmal blieb der berechnende Machismo des Chefredakteurs, der offensichtlich die sexuelle Bereitschaft oder Ablehnung untergebener Mitarbeiterinnen ihm gegenüber mit Druck oder Beförderung sanktionierte, noch folgenlos, da die Betroffenen nicht wagten, gegen ihn auszusagen. Ein halbes Jahr später aber lagen der „New York Times“ (NYT) und der Ippen-Mediengruppe, die u. a. die Münchner Boulevardzeitung „tz“ herausgibt, schwer belastende Aussagen vor. Während aber Verleger Dirk Ippen, der an der Seite von BILD und „Welt“ gegen die öffentlich-rechtlichen Sender kämpft und Geschäftsbeziehungen zu Springer unterhält, seinen Redakteuren eine Veröffentlichung untersagte, berichtete die NYT in den USA, wo Springer gerade das Nachrichtenunternehmen „Politico“ übernommen hatte, ausführlich über Reichelts Verfehlungen.


Nun musste der Springer-Verlag reagieren und schasste den geilen Chefredakteur mit einer rigorosen Begründung: „Im Kontext jüngster Medienrecherchen sind dem Unternehmen seit einigen Tagen neue Anhaltspunkte für aktuelles Fehlverhalten von Julian Reichelt zur Kenntnis gelangt. Der Vorstand hat erfahren, dass Julian Reichelt auch aktuell noch Privates und Berufliches nicht klar trennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat. Deshalb hält der Vorstand jetzt eine Beendigung der Tätigkeit für unvermeidbar." Der SPIEGEL ergänzte die Liste von Reichelts Vergehen wenig später noch: Machtmissbrauch, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen, Sex mit einer ihm unterstellten Mitarbeiterin, dazu mutmaßlich Urkundenfälschung.


Der Mann scheint erledigt, doch ein ganz Mächtiger im deutschen Medienolymp, Springers Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner, hielt ihm die Nibelungentreue und verstieg sich zu einer quasi posthumen Würdigung des Entlarvten: „Julian Reichelt hat BILD journalistisch hervorragend entwickelt und mit BILD LIVE die Marke zukunftsfähig gemacht.“ In einer WhatsApp-Nachricht an den Schriftsteller Stuckrad-Barre hatte Döpfner, der zu Deutschlands bestbezahlten Managern gehört, Julian Reichelt bereits als heroischen Kämpfer wider das Merkel-Regime gelobt: „Er ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland der noch mutig gegen [den] neuen DDR Obrigkeits Staat aufbegehrt.“ Döpfner offenbart hier ein dystopisch-wirres Weltbild, wie es das Berliner Medienimperium seit den Tagen seines irrlichternden Gründers Axel Cäsar Springer pflegt und aus dem es die Kraft zu immer neuen Attacken auf Logik, kritisches Bewusstsein und Humanität schöpft.  


BILD – analoge Mutter der Shitstorms


Mathias Döpfner (Günstling der Verlegerwitwe Friede S.), der fast 22 Prozent der Anteile am Konzern hält, bildete zusammen mit seinem BILD-Chefredakteur Reichelt ein duo infernale, das, aggressiv bis zur Tollwut, mit abseitigen journalistischen Mitteln alles bekämpfte, was die gesellschaftlichen Hierarchien, die nach Springer-Ideologie sakrosankt waren, in Frage zu stellen schien: den Virologen Drosten, den Kreml-Chef Putin (ein unangenehmer Zeitgenosse zwar, aber immer noch berechenbarer als Döpfner), die Chinesen oder angebliche sozialistische Tendenzen der Kanzlerin Merkel.


Der feingeistige Kunstkenner mit den düsteren Obsessionen verstieg sich nach den rechtsextremistischen Mordanschlägen von Halle sogar dazu, in einem Essay für die „Welt“ die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und die Realitätsferne der „Elite“ (der er selbst angehört) als „Hauptursachen für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ auszumachen. Die Verschwörungstheorien von Querdenkern und AfD-Anhängern sowie die Trump’schen Wahnvorstellungen lassen grüßen.


























Ritter Quijote Döpfner mit Friede Rosinante im Kampf gegen Linke, Riesen und Windmühlen, während Knappe Sancho Reichelt über Sauereien strauchelt...


Solch starker Tobak ging sogar dem früheren BILD-Politikchef Georg Streiter zu weit. In der SZ fasste er das heutige Kredo des Krawallblatts kurz und bündig zusammen: „ARD, ZDF und die großen Zeitungen belügen uns. Die Meinungsfreiheit ist abgeschafft. Das ist die Welt, die BILD uns zeigt.“ Reiter, der nach seinem Abschied von Springer acht Jahre lang als stellvertretender Regierungssprecher dem Pressevolk die Kabinettsbeschlüsse schmackhaft machen durfte, trauert der Vergangenheit nach: „In besseren Zeiten hatten wir mit BILD viel zu lachen. In der Sommerpause haben wir durchgeknallte Krokodile oder Bären als Nachfolger des Ungeheuers von Loch Ness gejagt.“


Nein, so lustig war BILD selbst damals nicht. Auch wenn die Gazette unter Döpfners Regie in nie gekannter Konsequenz die Schimäre einer völkisch angehauchten Parallelwelt unter die Leser bringt – das Säen von Hass, die Stärkung von Ressentiments, die Denunziation aller möglichen Minderheiten waren immer schon Teile des Geschäfts. Kriminelle „Gastarbeiter“, sinistre Migranten, betrügerische Hartz IV-Empfänger und niederträchtige Feinde der NATO nahmen stets den beträchtlichen Platz ein, den der Klatsch aus der Film- und Adelswelt oder die Fotos kaum bekleideter Models, die früh schon das Frauenbild der Machos und Voyeure in der dem gepflegten Herrenwitz zuneigenden Redaktion dokumentierten, übrigließen.


Insofern war BILD so etwas wie das analoge Vorläufermodell der Social Media im Netz. Shitstorms wurden kreiert, die keiner medialen Interaktion bedurften, um zu Orkanen zu werden, so durchschlagend waren die einfachen Botschaften in riesigen Lettern auf buntem Papier. Tiefe Gräben in unserer Gesellschaft hat es immer schon gegeben, aber BILD verwischte die Konturen, zog die Linien anders, ignorierte etwa die berechtigte Empörung gegen soziale Ungleichheit und ersetzte sie durch dumpfe Wut auf Minderheitenangehörige oder Linke. Und das konnte durchaus lebensgefährlich werden, da die permanente Indoktrination bisweilen ebenso zu brutalen Aktionen anspornte wie heute Shitstorms auf Facebook.


Als im Juni 1967 der iranische Schah Reza Pahlavi, ein grausamer Despot, aber Liebling der deutschen Boulevardpresse, auf Staatsbesuch auch Westberlin besuchte, demonstrierten die Studenten auf den Straßen. Benno Ohnesorg, ein junger Mann, der sich keinerlei Gewaltanwendung schuldig gemacht hatte, wurde von der Polizei erschossen. „Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen“, kommentierte die B.Z., Schwesterzeitung von BILD, zynisch.


Die Springer-Blätter hatten den Tathergang verfälscht dargestellt und liefen in der Folge zu großer Form auf. Sie diskreditierten die Studentenbewegung als „rote SA“, und hetzten ihre oft mäßig gebildeten Leser gegen Demonstranten („Kein Geld für langbehaarte Affen“) auf. Zehn Monate nach Ohnesorgs Tod schoss der arbeitslose Hilfsarbeiter Kurt Bachmann den SDS-Führer Rudi Dutschke nieder. Ein gängiger Slogan lautete damals, BILD habe „mitgeschossen“. Mag sein, dass der Vorwurf der Mittäterschaft überzogen war, dass jedoch die Springerpresse den Boden für die Gewalttat mit vorbereitet hatte, wurde nur von wenigen kritischen Zeitzeugen damals bezweifelt. Niemand aber weiß oder kann jenseits dieser spektakulären Fälle belegen, wie viele dunkelhäutige Mitbürger oder Flüchtlinge bis heute unter einem „Volkszorn“ zu leiden hatten, den BILD zu befeuern half.  


Dass der Konzern ein beinahe missionarisches Selbstverständnis bezüglich der strikt rechten Ausrichtung und der manipulativ implementierten Feindbilder, linke und emanzipatorische Bewegungen betreffend, entwickelt hat, ist das „Verdienst“ von Axel Cäsar Springer. Und es drängt sich der Verdacht auf, auch der Gründervater habe bereits unter kruden Phantasmagorien gelitten.      


Devote Intendanten, Verleger und Politiker


Der Mann ist leuchtendes Vorbild in der Adenauer-Ära. Die unverbrüchliche Treue zu den USA und der NATO gehört zu Springers Maximen, die er selbst in Arbeitsverträge hineinschreiben lässt. Die braune Vergangenheit streift er ab wie einst Paulus seine christenfeindliche Gesinnung und propagiert die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, wozu auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes gehört (was ja per se zu begrüßen ist). Nur fällt auf, dass die eigene Biografie und das Verhalten einiger Mitarbeiter im Dritten Reich nicht Gegenstand sachbezogener Nachforschungen werden sollten. So beschäftigt er ehemalige Nazi-Propagandisten in seinem Verlag und schweigt sich über seine früheren journalistischen Tätigkeiten aus.


Das Sendungsbewusstsein, das über Springer, der sich in den 1950er Jahren zeitweilig für eine Jesus-Inkarnation hält und an Horoskope glaubt, gekommen zu sein scheint, hat sich auch nach seinem Tod im Jahre 1985 im Unternehmen gehalten und sich wohl auf den geistigen Zieh-Enkel Döpfner vererbt. Über die Zeit festigte sich die publizistische Macht des Springer-Imperiums, vor der Kollegen, Konkurrenten und Politiker bis heute kuschen. So wie Verleger Dirk Ippen unlängst davor zurückschreckte, über den #MeToo-Skandal bei BILD berichten zu lassen, wagte es laut Jens Rosberg (Deutschlandfunk) selbst Rudolf Augstein 1979 nicht, im SPIEGEL Springers Beteiligung an antisemitischer Hetze in den „Altonaer Nachrichten“ während der Nazizeit aufzudecken.


Die Dogmen des charismatischen Axel Cäsar haben weiterhin Bestand, wurden fanatisch verteidigt und dabei derart übereifrig interpretiert, dass eine eigene Springer-Realität entstand. Den zweiten Staat auf deutschem Boden, die DDR, gab es schlichtweg nicht, Brandts Ostpolitik war des Teufels, und wer den internationalem Recht zuwiderlaufenden Siedlungsbau im Westjordanland kritisierte, musste ein Antisemit sein. Diese Schlussfolgerung führte zu dem Paradoxon, dass friedensbewegte Juden sich plötzlich in einem Topf mit Neonazis und arabischen Israelhassern wiederfanden.


In einem Artikel für die „Berliner Zeitung“ zeigt Hanno Hauenstein auf, wie souverän der Springer-Verlag mit seinem Sturmgeschütz BILD noch heute die Medienszene beherrscht: Das Blatt hatte dem Blog eines AfD-Sympathisanten entnommen, dass Nemi El-Hassan, mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Ärztin mit palästinensischen Wurzeln, vor sieben Jahren als Zwanzigjährige bei einer Al-Kuds-Demo mitgelaufen war, auf der von anderen Teilnehmern antisemitische Parolen skandiert wurden (was sie später ausdrücklich bedauerte). Nun hat sich El-Hassan stets für die Aussöhnung von Arabern und Juden eingesetzt, gegen Antisemitismus wie Rassismus Stellung bezogen und auch mit israelischen Künstlern und Organisationen zusammengearbeitet. BILD und „Welt am Sonntag“ aber bauschten den angeblichen Skandal so auf, dass der WDR, für den sie das Magazin „Quarks“ moderieren sollte, diese Entscheidung revidierte.


Intendant Tom Buhrow schob einen weiteren von BILD lancierten Grund nach: El-Hassan habe auf Instagram mehrere „Likes“ auf dem Account der Gruppe „Jewish Voice for Peace“, die Israel kritisiert, gleichzeitig aber zu den größten jüdischen Friedensorganisationen der USA zählt, platziert. „Ein Triumph der BILD-Zeitung“ betitelte Hauenstein seinen Kommentar zu dem devoten WDR-Verhalten und riet den Kollegen in der rechten Ecke: „Für Springer-Journalisten wäre es jetzt vielleicht auch ein sinnvoller Moment, sich mit der eigenen Betriebsgeschichte auseinanderzusetzen. Axel Cäsar Springer war in der NS-Zeit für antisemitische Propaganda

mitverantwortlich.“


Bleibt die Frage, wie ausgerechnet ein Schmuddelblatt die Deutungshoheit in komplizierten Angelegenheiten gewinnen, ja sogar zur scheinbar omnipotenten moralischen Instanz im Lande aufsteigen konnte. Ein Teil der Antwort ist sicherlich im berechnenden oder unterwürfigen Verhalten deutscher Spitzenpolitiker gegenüber dem Gossen-Boulevard zu sehen: Von Friedrich Merz über Olaf Scholz bis hin zu Jürgen Trittin und Sahra Wagenknecht, von der Kanzlerin bis zum Bundespräsidenten – alle drängen zum Exklusivinterview in die BILD-Redaktionsstuben, um dort ihre Pläne und Träume zu offenbaren (einzige Verweigerin kürzlich Annalena Baerbock). Sie machen so eine Zeitung, der kein denkender Mensch Seriosität unterstellen würde, zur meinungsbildenden Supermacht. Und das, obwohl die verkaufte Auflage von mehr als vier Millionen 2001 auf gut eine Million 2021 gefallen ist, der Internet-Auftritt nur weitere 500.000 User beisteuert und sich der neu gegründete Fernsehsender BILD TV als Rohrkrepierer erweist…


BILD dir meine Meinung!


Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) ist ein honoriger Club, der stets die verantwortungsvolle und verpflichtende Tätigkeit seiner Mitglieder betont. Warum war aus diesem erlesenen Kreis eine ganze Weile nichts zu den sexistischen Verfehlungen in der BILD-Redaktion und den abstrusen Kommentaren des Springer-Chefs zu vernehmen (ehe man geruhte, sich an dessen DDR-BRD-Vergleich zu stoßen)? Die Antwort ist so simpel wie schockierend: Der Präsident des BDVZ heißt Mathias Döpfner.


Es gab stets Bestrebungen, BILD & Co salonfähig bzw. die Grenzen zu noblerer Pressearbeit für bei Springer sozialisierte Journalisten durchlässig zu machen. So wechselte etwa Nikolaus Blome von der BILD-Chefredaktion in die des SPIEGEL, Georg Streiter wiederum verließ das Revolverblatt, um Vize-Regierungssprecher zu werden. Umgekehrt übernahm nun Johannes Boie, bislang Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, die Springer vergeblich in die Premier League von SZ, FAZ und ZEIT führen wollte, den Posten des Sexisten Reichelt bei BILD. Qualifiziert dafür scheint er, sinnierte er doch unlängst in Döpfer’schem Tenor darüber, dass der Attentäter von Hanau möglicherweise kein Rechtsextremist, sondern ein verirrter Einzeltäter gewesen sei.


Vorgeblich glauben nicht einmal die Leser den BILD-Geschichten. Doch von den einfachen Wahrheiten mit den groben Rückschlüssen, vor allem aber von den raffinierten Fälschungen mit den subtilen Generalisierungen bleibt immer etwas hängen. Das Gift verflüchtigt sich nicht, macht blind oder fühllos für dialektisches Denken und differenzierende Kritikfähigkeit, es ist nur schwer abbaubar.


Die Journalisten in den BILD-Redaktionen verdienen gut und sind häufig gewiefte Stilisten, denn es ist nicht leicht, das eigene Sprachniveau  gezielt so zu senken, dass jeder Satz dumpfe Emotionen auslösen kann. Einige scheitern an der geistfeindlichen Aufgabe, andere werden zu routinierten Zynikern. Vor langer Zeit arbeitete ich in Westberlin bei der linken Tageszeitung DIE NEUE, die sich in ständigen Geldnöten befand. Zu den (anonymen) privaten Spendern gehörte ein BILD-Redakteur, der so wohl sein Gewissen besänftigen wollte.


10/2021


Dazu auch:


Spätes APO-Glück? (2019) und Etwas bleibt hängen (2018) im Archiv der Rubrik Medien