Verblödungstheorien

Cartoon: Rainer Hachfeld


Myriaden von Infos, Fakten, Fakes und Halbwahrheiten erreichen uns via Internet, prägen oder unterwandern unser Bewusstsein, suggerieren uns einen Zustand des Globus, wie ihn andere sehen oder gerne hätten, extrem fürchten oder uns als real verkaufen möchten. Aus der schier unendlichen amorphen Masse von Äußerungen fischen sich am rechten Rand des Systems angesiedelte Netzwerker einzelne Sequenzen, verknüpfen sie sehr lose, füllen die beachtlichen Lücken mit dystopischen Phantasien und errichten so scheinbar logische, tatsächlich aber irrationale Gedanken-gebäude, genannt Verschwörungstheorien. Als ob die Welt nicht schon ohne solche Horrorszenarien fies genug wäre…


Aus Fakten Märchen erschaffen


Verschwörungstheorien sind Gedankenkonstrukte, mit deren Hilfe geschichtliche Entwicklungen, Gesellschaftsformen oder politische Ereignisse als Ergebnis der Konspiration einer Gruppe von Heimlichtuern, etwa einer „Elite“, eines Geheimbundes oder einer Glaubensgemeinschaft, erklärt werden sollen. Es handelt sich um Narrative, die mitunter einige plausible Partikel beinhalten, die mit dem Kitt der Mystifikation und der rigorosen Schuldzuweisung zu einem Gebilde zusammengeschweißt werden, das im Ganzen weder beweisbar noch logisch ist. Egal, kritische Revision und dialektisches Überdenken sind ohnehin nicht vorgesehen…


Damit wir uns recht verstehen: Es gibt Verschwörungshypothesen, und es gibt reale Verschwörungen. Erstere sind verifizier- bzw. falsifizierbare Anzeigen geheimer Missetaten, also auf ihren Tatsachengehalt hin zu überprüfen, während die tatsächlichen klandestinen Aktivitäten sich oft in Militärputschen oder mit bestimmter Intention begangenen Gruppenverbrechen manifestieren. Behauptungen von Zeitzeugen, wonach rechte US-Militärs und republikanische Politiker sich 1980 mit dem Mullah-Regime in Teheran verbündet hätten, um die Contras in Nicaragua mit Waffen zu versorgen und die Carter-Regierung zu schwächen („Irangate“), erwiesen sich als ebenso wahr wie Berichte über die CIA-Machenschaften in Guatemala, die 1953 einen Bürgerkrieg mit 200.000 Toten auslösten, oder über die infam inszenierten Schauprozesse, mittels derer Stalin in den 1930er und 1940er Jahren seine Gegner liquidieren ließ. Eine leibhaftige Verschwörung (mit einem Hauch kruder Phantasie) glückte der Bush-Administration, als sie dem Diktator Saddam Hussein den Besitz von Geisterwaffen unterstellte, um 2003 in den Irak einmarschieren zu können.


Derzeit haben Verschwörungstheoretiker wieder Hochkonjunktur, in den USA wie hierzulande. In Übersee interpretieren sie eine verlorene in eine gestohlene Wahl um, hierzulande glaubt man, die wahren Nutznießer der Corona-Krise entlarvt zu haben, und dämonisiert weltbekannte Kapitalisten, die doch nur so bedenkenlos und machthungrig taktieren, wie ihr Metier es ihnen vorschreibt.


Ein bisschen Wahrheit als Einstieg…     

  

Dass sich Microsoft-Gründer Bill Gates als Wohltäter der Menschheit und Bekämpfer von Krankheiten und Hunger auf aller Welt feiern lässt, ist dank allseits gewogener Berichterstattung mittlerweile internationales Allgemeingut. Dass er über sein Privatvermögen und seine Stiftungen aber Anteile an Pharma-, Chemie- und Agro-Konzernen hält, die in der Praxis seinen formulierten hehren Absichten entgegenarbeiten und mit partieller Naturzerstörung oder exzessiver Ausbeutung kleiner Pächter ordentlich Profit machen, hat einige Kritiker mit viel düsterer Phantasie und wenig analytischem Denkvermögen zu bizarren Spekulationen über seine wirkliche Verantwortung hinaus verleitet.


Gates trickst, manipuliert und monopolisiert nach Herzenslust – wie das seine Kollegen von Apple, Google, Facebook, aber auch Daimler und VW tun. Er strebt danach, sein digitales Monopol zu erhalten und  seinen politischen Einfluss auszubauen, vor allem aber will er den gesellschaftlichen Status quo, die Marktherrschaft der aktuellen Eliten zementieren. Das aber wollen Angela Merkel, Gerd Schröder oder Emanuel Macron auch, ohne dass ihnen deshalb jemand unterstellt, sie hätten Corona in die Welt gesetzt und wollten nun durch bei der Impfung implantierte Chips die Menschheit versklaven.


Aus dem AfD-Gruselkabinett kam der Vorwurf des Nürnberger MdB Martin Sichert, die Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock sei eine Marionette des Multi-Milliardärs George Soros, weil sie ein Foto mit ihm von der Münchner Sicherheitskonferenz auf Instagram  veröffentlicht hatte. Nun ist der greise Investor und Finanzjongleur tatsächlich eine Reizfigur – nicht nur für Rechten: Er wettete erfolgreich gegen Währungen, etwa das britische Pfund, dann gegen den thailändischen Baht, stürzte so Asien in eine schwere Währungs-krise, vernichtete die Existenzen Zehntausender von Einzelhändlern, trieb unzählige kleine Sparer in den Selbstmord und verdiente damit ein Riesenvermögen. Weil er heute in mehreren Ländern Institute und Privat-Unis, an denen strenger Wirtschaftsliberalismus gelehrt wird, unterhält und – wie Bill Gates – NGOs Spenden zukommen lässt, wurde er von den Medien zum „Philanthropen“ geadelt.


Dass Soros die geopolitischen Geschicke mitbestimmen möchte, obwohl er sich eher als Zerstörer denn als Förderer von Volks-wirtschaften geoutet hat, entspricht strikt kapitalistischer Logik sowie Vorgehensweise und darf nicht zur fiktionalen Verzerrung seiner Person führen. Soros strebt nicht die Weltherrschaft an, er will das Stück daran verteidigen, das ihm der „freie“ Markt zugespielt hat, und dies ist vom kapitalismusfrommen Wirtschaftsprogramm der AfD voll gedeckt. Der Vorwurf, Baerbock lasse sich als Strohfrau missbrauchen, ist regelrecht absurd. Die Grünen brauchen keinen George Soros als Paten, um unser gegenwärtigen Macht- und Wirtschaftssystem verinnerlichen zu können, sie haben sich ihm bereits längst mit Inbrunst ergeben. Ein System übrigens, das auch viele Verschwörungstheoretiker nicht rundherum ablehnen, dessen sozialdarwinistischen Charakter sie nur gern geschärft sähen.


Wenn rechtsradikale Phantasten aber Soros attackieren, rekurrieren sie oft auf einen Umstand, der in der Sache bedeutungslos ist, im Kontext von Hass, Rassismus, Minderwertigkeitskomplexen und Zukunftsängsten jedoch aus Verschwörungstheorien Zeitbomben von vernichtender Sprengkraft machen kann, wie die Vergangenheit belegt: Obwohl dies mit seinem Geschäftsgebaren nicht das Mindeste zu tun hat, wird immer wieder darauf hingewiesen, dass George Soros Jude ist.

      

Von der Verleumdung zum Massenmord


Die systematische Verdrehung von Tatsachen ist nur in Schelmen-romanen, etwa im „Gargantua und Pantagruel“ von François Rabelais (daher rabulistisch), originell und lustig, in der Realität kann sie hochgefährliche Situationen heraufbeschwören, wie wir nicht erst seit dem Aufmarsch rechter Milizen nach Trumps absurder Behauptung, er sei um den Wahlsieg betrogen worden, wissen. Kamen in früheren Krisenzeiten frei erfundene Bezichtigungen auf der Suche nach einem Sündenbock hinzu, war dem Massaker durch den fanatisierten Pöbel der Boden bereitet.


Im Mittelalter wurden während der Pestepidemien die Juden völlig grundlos beschuldigt, die Seuche entfesselt, die Brunnen vergiftet und christliche Kindlein gemeuchelt zu haben. Die fürchterlichen Pogrome, die darauf folgten, machten ganze Regionen zu „judenfreien Zonen“. Berufen konnten sich die frommen Henker auf das Wort Gottes, speziell das Matthäus-Evangelium, in dem der Befehl des Herrschers Herodes, alle männlichen Babys im Heiligen Land umbringen zu lassen, um so den kleinen Jesus zu liquidieren, kolportiert wird. Dass diese Begebenheit nie stattgefunden hat, ficht wehrhafte Christen bis in unsere Gegenwart hinein nicht an. Für sie waren (und für einige sind) die Juden per se Gottesmörder, was wieder einmal nahelegt, dass klassische Religionen und Sekten mit der für sie typischen deterministischen Auslegung der Wirklichkeit und ihrer zweckgerichteten Geschichtsklitterung zumindest in ihrer Genese den Verschwörungstheorien doch sehr ähnlich sind.


Den Nazis galten die 1903 aufgetauchten Protokolle der Weisen von Zion, ein Kompendium von Fälschungen aus der Feder verschiedener Autoren, als Beweis für ihre krude These von der jüdischen Welt-verschwörung – und so mancher Reichsbürger oder rechte Antisemit hierzulande glaubt noch heute an diesen Unsinn. Gefährlich jedoch können Verschwörungstheorien (oder sollte man angesichts der Schlichtheit der meisten Horror-Kreationen lieber von Konspirations-legenden sprechen?) auch für die eigenen Anhänger werden, wie sich in der jetzigen Pandemie erweist.

   

Von der Politik inspiriert


Wenn sich Zehntausende von Impfgegnern und Corona-Leugnern ohne Masken und Sicherheitsbestand versammeln, handeln sie nach eigener Überzeugung konsequent – und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen fahrlässig. Politiker haben den individuellen Spielraum eingeschränkt, und Politiker lügen. Letzteres ist nicht unbedingt von der Hand zu weisen, spielt aber in Covid-19-Zeiten eine untergeordnete Rolle. Die Verantwortlichen im Bund und in den Ländern handeln manchmal ungeschickt, oft zu langsam, bisweilen übereilt, je nachdem, wie sie sich mehr Zuspruch des Volkes erhoffen, und einige, vornehmlich in der Union, tricksen sogar, um sich ein wenig zu bereichern: bestimmte Alpha-Männchen wie Söder und Spahn haben sogar sichtbar Spaß an ihrer Lizenz, restriktive Maßnahmen zu verkünden und das öffentliche Leben ein wenig zu reglementieren. Und doch man kann ihnen allen nicht unterstellen, dass sie Corona erfunden hätten oder die Seuche nutzen würden, um eine Diktatur zu errichten.


Unehrlichkeit, Korruption, Intrigen und Absprachen werden in der bundesrepublikanischen Politik fast täglich aufgedeckt, doch sie dienen ganz prosaisch den Karrieren, dem Machterhalt und der Bedienung wirtschaftlicher Interessen. Sicherlich inspirieren diese Affären und Skandale Menschen, denen das System zu trocken und kompliziert erscheint, dazu, der kalten Berechnung einen mystischen Mantel umzuhängen, doch das von diesen Apokalyptikern heraufbeschworene Böse stammt weder aus Fantasy-Games noch aus dem Herrn der Ringe, es tummelt sich als informeller Austausch in Statistiken, Buchhaltungssoftware oder den Think Tanks der global agierenden Lobbyisten.


Die wirren Verschwörungsdetektive der Rechten mit dem Konfusionsmulti Ken Jebsen an der Spitze finden häufig ein Körnchen Wahrheit in umstrittener Materie, das sie dann mit der Besessenheit von Religionsstiftern und bedeutungsschwangerem Brimborium zu einem schillernden Ballon aufblasen und diesen vorzugsweise über Youtube, gern auch in Russia Today (Putin glaubt den Quark nicht, schätzt aber Verunsicherung) auf die Öffentlichkeit loslassen.

Seriöse Kritiker der NATO-Strategie oder der israelischen Siedlungspolitik finden sich plötzlich als Sympathisanten rechtsextremer Märchenonkel und Putin-Fans diffamiert, auch wenn ihre Analyse auf Tatsachen basiert und ihre Schlussfolgerungen in eine ganz andere, jedenfalls nicht völkisch-mythische Richtung gehen.













Respekt, Jebsen! Mit Ihrer Erfindungsgabe hätten wir die Weimarer Republik schneller erledigt...  


Eine Gefahr, die Verschwörungstheorien mit sich bringen, besteht also darin, dass Menschen, die ernsthaft über strittige Themen recherchieren und in vielen Fällen Glaubwürdigkeit, Integrität oder Effizienz der maßgeblichen Politik aus gutem Grund (und nicht von Aversionen und Hassgefühlen geleitet) anzweifeln, mit sachlichen Argumenten und Fakten gegen die hysterische Meinungsmache in den social media kaum mehr durchdringen.


Das andere Dilemma ist, dass angesichts der aktuellen Verschwörungsinflation die Warnungen vor tatsächlichen konspirativen Aktivitäten, wie sie gerade im rechtsextremen Umfeld, das so gerne Angehörige ethnischer Minderheiten und politische Gegner als finstere Illuminaten denunziert, verstärkt zu beobachten sind, nicht mehr ernstgenommen werden. Das braune Netzwerk des NSU aber war keine kranke Fiktion, sondern mörderischer Ernst, und die Vorbereitung der Prepper, der Munition hortenden Elite-Soldaten, der Uniter-Mitglieder und wohlbewaffneten Reichsbürger auf einen Tag der Abrechnung könnte unversehens von der bloßen „Putsch-Theorie“ zur blutigen Realität werden.

 

05/2021

 

Dazu auch:          

 

Die Gottgleichen im Archiv von Politik und Abgrund (2020)

„Reichsbürger“ im Archiv der Rubrik Medien (2017)