Verfolgte Unschuld?

Cartoon: Rainer Hachfeld


Dieter Nuhr, kabarettistischer Hansdampf auf allen möglichen TV-Kanälen, liegt im Streit mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), weil die erst ein Internet-Statement von ihm zu ihrem hundertjährigen Bestehen erbeten und dieses dann nach Protesten im Netz vorübergehend von ihrer Website „Für das Wissen“ entfernt hatte. Der Autor ist nun beleidigt, fühlt sich von „Diskussionsverboten“ bedroht, von Gutmenschen verfolgt und ausgegrenzt. Angesichts des hitzigen Disputs könnte man sich fragen, ob Nuhrs mit einem Seitenhieb gegen seine Lieblingsgegner gewürzte Banalität tatsächlich solche Aufmerksamkeit verdient – und wie die DFG überhaupt dazu kommt, mit einer Blog-Kampagne hundert Jahre des eigenen kontinuierlichen Wirkens für die jeweilige Macht im Staate zu feiern.


Idol der schweigenden Mehrheit?


Kabarett galt einst als Ausdrucksform der Kritik an den Regierenden, Reichen und Eliten in satirischem Gewande. Insofern ist Dieter Nuhr mit seinen seichten Pointen und der sich der vermeintlichen Volksmeinung anbiedernden Vernünftelei eher dem Berufsstand der Comedians zuzurechnen. Eine sonore Stimme und das sympathisch-joviale Auftreten à la George Clooney haben ihn zu einem Fernsehstar werden lassen, der allwöchentlich augenzwinkernd kleine Wahr- und Weisheiten (wenigstens hält er seine Sottisen für solche) zwecks Unterhaltung eines geneigten Publikums zum Besten gibt. Die Strukturen der Macht stellt Nuhr lieber nicht in Frage, gesellschaftliche oder ökonomische Analysen sind seine Sache auch nicht, aber Feindbilder pflegt er schon.


Als die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreichte, outete sich Dieter Nuhr mutig als islamophob; er übte also nicht - durchaus legitime - Religionskritik, sondern überzog die muslimische Gemeinschaft hierzulande mit Klischees aus der Mottenkiste der gutbürgerlichen Fremdenfeindlichkeit. Wie sein bayerischer Kollege Helmut Schleich reiht sich Nuhr mittlerweile in die illustre Schar der Corona-Verharmloser sowie Klimawandel-Leugner ein und glaubt sich darin eins mit einer schweigenden Mehrheit, die seltsamerweise überwiegend weit rechts im politischen Spektrum siedelt. Über die etwas linkisch und stets übereifrig wirkende Greta Thunberg, deren Verdienst es gleichwohl ist, ein lange verdrängtes Schicksalsthema der Menschheit in den Fokus gerückt zu haben, reißt er gern primitive Witze, auf dass sich die Stammtischrunden deftig auf die Schenkel schlagen.


Als ihn aber die DFG um einige Gedanken zu Wissenschaft und Bildung bat, fielen ihm nur Plattitüden ein, die er allerdings mit einer Attacke gegen Fridays for Future aufpeppte.


Nichts Genaues weiß man nicht…


Die Nachdenklichkeit und Behutsamkeit, die Nuhr bei sensiblen Themen auf der Bühne abgeht, beschwor er nun in einem Text, der Tiefe vorgaukelt, in Wirklichkeit aber recht flach über die Klippen der Dialektik schwappt:

„Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu 100% sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein! Das ist normal! Wissenschaft ist gerade, DASS sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft "Folgt der Wissenschaft!“ hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“


Trotz Keppler, Galilei und wissenschaftlichen Konsorten können wir demnach nicht zu hundert Prozent sicher sein, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Auch wenn Darwin unverantwortlicherweise vollkommen überzeugt war, dass wir Menschen und unsere Brüder sowie Schwestern aus Flora und Fauna Kinder der Evolution sind, sollten wir vielleicht doch den evangelikalen Kreationisten eine Chance lassen, denen zufolge Gott vor ein paar tausend Jahren unsere Welt nach seinem Gutdünken zusammengebatzt hat. Schließlich ist laut Nuhr Wissenschaft „ja gerade, dass sich die Meinung ändert“. Und ein paar Gelehrte und kreative Fakten werden sich schon finden, die, von allen guten Geistern verlassen, die Geschichte der Menschheit und des Kosmos wieder ein bisschen mystischer umschreiben.


Dass tatsächlich häufig bloße Hypothesen als gesicherte Wahrheiten verkauft werden, lässt sich auf dem Feld der „Wirtschaftswissenschaften“ beobachten, und dass sich auch die „Rassenlehre“ der Nazis ein Forschungsmäntelchen umhängte, hätte Nuhr bei einem Blick in die Geschichte der DFG erkennen und benennen können (s. u.). Er aber warnt vor Schlüssen und Aktionen, die sich aus ziemlich harten metereologischen Fakten ableiteten.

  

Nahezu hundert Prozent aller ernstzunehmenden Klimaforscher haben unzählige Fakten zusammengetragen, deren Wechselwirkung untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch die Klimaerwärmung und die Umweltverschmutzung maßgeblich beeinflusst. Nur die deutschen Autokonzerne und Dieter Nuhr sind da anderer Meinung. Deshalb denunzierte er die Jugendlichen, die zaudernden und korrupten Politikern „Folgt der Wissenschaft!“ zurufen, als Ignoranten. Das ist lächerlich und wäre nicht weiter diskutabel, würde sich der Comedian nicht plötzlich als Märtyrer der Meinungsfreiheit gerieren.


Nachdem ihm die geschmacklosen Scherze über Greta Thunberg einige aufgeregte und böse Stellungnahmen im Internet eingetragen hatten, erklärte Nuhr: „Heute kein Wort über Greta. Wer Witze macht, spürt heute die Macht der Inquisition.“ Der eingebildete Verfolgte wähnt sich im finsteren Mittelalter oder zumindest in der McCarthy-Ära, als in den USA der 1950er Jahre zur Hexenjagd (auf Linke!) geblasen wurde: „Das ist nicht nur erstaunlich, sondern ängstigt mich, da ich inzwischen eine McCarthyartige Stimmung im Land wahrnehme und im Zuge der Cancel culture auch die Freiheit des Denkens und der Forschung im Allgemeinen in Gefahr sehe.“


Damals verloren in den USA linksverdächtige Regisseure, Schauspieler und Autoren ihre Jobs oder Publikationsmöglichkeiten, einige, darunter Dashiell Hammett („Der Malteser Falke“) oder Folksänger Pete Seger, wanderten sogar wegen „Missachtung des Kongresses“ ins Gefängnis, weil sie niemanden denunzieren wollten. Und was die Inquisition, deren Macht der verfolgte Witzbold zu spüren meint, betrifft: Die Folterexperten der Katholischen Kirche entließen keinen unversehrt an Gliedmaßen und Seele aus ihren Krallen, und oft sorgten sie sogar für eine Feuerbestattung bei lebendigem Leib. Dieter Nuhr hingegen kann überall auftreten, der „Hysterie“ seiner Kritiker im Rampenlicht trotzen, seine Meinung wird auch allerorten in der Presse nachgedruckt.


















Macht sich gern zum Opfer einer imaginären Inquisition: D. Nuhr


In der Frankfurter Rundschau charakterisierte Stephan Hebel die selbstmitleidige Masche und das Kalkül dahinter: „Nur eine Frage ist offen: Warum tut Dieter Nuhr sich diese Heldentaten an? Warum verstößt er ständig todesmutig gegen ,Diskussionsverbote`? Nun ja, es ist ja auch ganz praktisch, dauernd im Fernsehen das zu erzählen, was angeblich verboten ist, um anschließend zu beklagen, das, was man gerade gesagt habe, sei verboten. Damit ist Nuhr nicht allein, das ist tägliche Übung von rechts bis rechtsextrem.“

 

Natürlich mag es einem seltsam vorkommen, dass die DFG ausgerechnet einen Flachdenker als Wissensanalytiker haben wollte. Felix Hutten fand es in der Süddeutschen Zeitung „grotesk“, dass jemand, der Klima- und Corona-Verharmlosern Munition liefere, als DFG-Botschafter den Wert von Spitzenforschung betonen solle. Ob es nötig war, nach Protesten aus der Öko-Szene den eigentlich belanglosen Text zu löschen, soll hier nicht geklärt werden, interessanter ist es zu beobachten, wie sich Nuhr zum Opfer hochstilisierte, selbst nachdem die Organisation eingeknickt war und ein Friedensangebot gemacht hatte: „Die DFG bietet Herrn Nuhr aber sehr gerne eine im Lichte der aktuellen Debatte kommentierte Wieder-Online-Stellung seines Statements an.“


Dieter Nuhr aber schmollt trotz Wiederveröffentlichung seines Textes weiter und fühlt sich „denunziert“. Da wird es Zeit, sich seinem einstigen Auftraggeber zuzuwenden, der DFG, die immerhin 3,4 Milliarden Euro an Bundes- und Ländermitteln jährlich zu verteilen hat. Wenn in Deutschland eine Institution auf hundert Jahre Tradition ohne nennenswerte Zäsur zurückblicken kann, beschleicht einen unversehens ein ungutes Gefühl.


Verein mit übler Vergangenheit


Die 1920 noch als Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft gegründete und 1929 umbenannte DFG residiert in Bonn und fördert Studienprogramme, Forschungsprojekte oder wissenschaftliche Netzwerke mit Mitteln aus ihrem riesigen Etat. Das Mitgliederverzeichnis liest sich wie ein Who`s Who der deutschen Geisteselite: So ziemlich alle bedeutenden Hochschulen sind neben den nobelsten Forschungsinstituten von Helmholtz über Fraunhofer bis Max-Planck vertreten.


Eigentlich ist es ja zu begrüßen, dass Wissenschaftler über Gelder für die wissenschaftliche Grundlagenarbeit entscheiden und nicht chronisch inkompetente Politiker, doch scheint es dabei nicht immer ganz fair zuzugehen. So kritisierte u. a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die DFG zeichne sich insbesondere durch fast völlige Intransparenz bei der Vergabe von Fördermitteln aus.


Hätte Dieter Nuhr die Geschichte der DFG einer kritischen Würdigung unterzogen, statt manisch auf Fridays for Future herumzuhacken, wäre er auf ein düsteres Kapitel gestoßen, das einen heute daran zweifeln lässt, ob man das Jubiläum der Organisation mit naiven Elogen auf Wissen und Wissenschaft feiern darf: Die meisten Mitglieder der DFG begrüßten 1933 die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sogleich wurden die Fördermittel für das Forschungsgebiet „Rassenhygiene“ signifikant erhöht.

Später flossen 1,2 Milliarden Reichsmark in die „Volksforschung“, eine euphemistische Bezeichnung für die theoretische Vorbereitung des Massenmordes an der polnischen Intelligenz und den europäischen Juden. Historiker wie Götz Aly und Ulrich Herbert fanden heraus, dass die DFG entscheidend an der Erarbeitung des „Generalplans Ost“ mitgewirkt hatte, in dem die Vernichtung von Millionen Menschen in Osteuropa als „bevölkerungs-, betriebs- und volkswirtschaftlich“ notwendig legitimiert wurde.


Hier und nicht in Bezug auf die Klimaforschung hätte Dieter Nuhr Gefahren durch eine sich als Wissenschaft tarnende Rassistenideologie oder durch blinde Forschungsgläubigkeit thematisieren können. Doch als Narzisst sucht er sich seine Freunde und Feinde, wie und wo es ihm beliebt – und nicht, wie es gesellschaftliche Verantwortung vielleicht erfordern würde.

 

08/2020

 

Dazu auch:

Easy way out… (2017) und Comeback der Narren (2014) im Archiv dieser Rubrik