Ein Weihnachtsmärchen

Textcollage: Rainer Hachfeld


Das Internet und die sozialen Medien haben Verschwörungstheorien nicht in die Welt gesetzt, sie verhalfen diesen abwegigen Phantasmagorien aber zu rasend schneller und flächendeckender Verbreitung. Tatsächlich dienten viele Legenden, Sagen und politische Erzählungen (heute ein wenig entlarvend als „Narrative“ bezeichnet) seit Menschengedenken der Machtdurchsetzung, der Diskriminierung bis hin zur Eliminierung verhasster Nachbarn oder ganzer Völker. Auch die Vorgeschichte zu Weihnachten, aus unterschiedlichen Texten des Neuen Testaments (NT) zusammengeklaubt, lädt nicht nur zum „Fest der Liebe“, sondern brachte uns eine besonders böse Mär, wenn auch nicht unbedingt vom Himmel her…


Wenn aus Geschichten Geschichte wird


Mögen heutzutage die Social Media auch dafür sorgen, dass krude, als Fakten und Wahrheiten getarnte Meinungen raffinierter unters Volk gebracht werden können – etliche Fabeln, Märchen und Heldenepen der Vergangenheit besaßen ebenfalls eine immense Suggestivkraft und verstanden, die Absichten ihrer Erzähler und Initiatoren geschickt zu verschleiern. Zeitgenössische Abhandlungen stellten etwa im Mittelalter die Raubzüge normannischer sowie bretonischer Barone, einer abendländischen Soldateska und landgieriger Ritterorden ins Heilige Land als frommes Werk zur Rückeroberung Jerusalems unter dem Zeichen des Kreuzes dar, trotz aller dabei begangenen Vertragsbrüche und Massaker.


Bis ins Unterbewusstsein können düstere Stereotypien einsickern und sich dort einnisten, wenn sie in der Kindheit verabreicht werden. Vielleicht hätte der Wolf heute einen besseren Ruf, wäre er nicht in „Rotkäppchen“ als Menschenfresser verleumdet worden. Auch physische Abweichungen von der Norm in Form einer Warze, eines Buckels oder einer Gehbehinderung treten in Volksmärchen häufig als Symptome charakterlicher Defizite und offen ersichtlicher Bösartigkeit auf. Die Hexe oder das Rumpelstilzchen mögen sich manchen Heranwachsenden so eingeprägt haben, dass sie Probleme haben, Körperbehinderten unvoreingenommen zu begegnen.


Besonders gefährlich aber wird historisierende Prosa, die schwere Anschuldigungen gegen Individuen und Ethnien verbreitet, immer dann, wenn sie im (himmlischen) Sold einer Religion, also eines Großgebäudes der Fiktion, als Stützpfeiler und gleichzeitig Dekor steht. Ein Beispiel für die verheerenden Weiterungen eines anrührend wirkenden Märchens liefert das NT mit der Story von Jesu Geburt in einem Stall zu Bethlehem.


Eine folgenschwere Fake-Botschaft


Warum mussten die platonisch gesinnten Eltern des Gottessohns überhaupt im Winter durchs Land wandern? Weil Kaiser Augustus seinem Landpfleger Cyrenius befohlen hatte, eine Volkszählung durchzuführen. (Adoptiv-)Vater Joseph, der mit der schwangeren Gattin Maria in Nazareth lebte, sollte dazu ordnungsgemäß mit seiner Familie in die Heimat zurückkehren. Auf dem Weg waren alle Herbergen gerammelt voll, so dass die Eheleute in einem Stall mit Ochs und Esel nächtigen mussten, wo Maria prompt einem Knaben im lockigen Haar das Leben schenkte. So weit, so harmlos, auch wenn als Anlass der Reise eine Fehlinformation kolportiert wird: Der erste von Rom angeordnete Provinzzensus fand erst im Jahr 6 n. Chr. statt, als Jesus schon im schulreifen Alter war.


Im Matthäusevangelium, einem von vier Legendenzyklen, die den von Jesus zu Aposteln bestimmten Lieblingsjüngern zugeschrieben werden (obgleich beispielsweise Matthäus wohl erst sechzig Jahre  nach dem Abendmahl zu fabulieren begann), ist nun die Rede von Sterndeutern aus dem Osten, die Herodes, einem Monarchen von Roms Gnaden, von der Geburt eines neuen Königs der Juden berichteten. Da er um die eigene Macht fürchtete, befahl der böse Herrscher seinen Soldaten, alle Säuglinge männlichen Geschlechts abzuschlachten. Das Bemerkenswerteste an dieser Schauergeschichte ist dabei, dass Herodes dieses Massaker offenbar nach seinem Tod anordnete, da er bereits im Jahr 4 v. Chr. verschieden war.

















Das NT (sprich: Ente) beweist: Die Bibel hat doch recht!


Über diese Ungereimtheiten könnte man schmunzeln, hätte der Fake-Report nicht das Zeug dazu gehabt, Vorurteile zu verstärken und unvorstellbare Grausamkeiten zu initiieren und zu rechtfertigen. Die Darstellung, der Pöbel von Jerusalem habe die Hinrichtung eines sanften Aufrührers, den die Christen posthum zum Sohn Gottes erkoren, gefordert und durchgesetzt, machte die Juden in aller Welt zu Ausgestoßenen und Verfolgten; die unzutreffende Behauptung, ihr König habe alle Bübchen in Reichweite über die Klinge springen lassen, fachte das Feuer des Hasses weiter an.


In der griechischen Kirchenhistorie ist von 14.000 abgeschlachteten Knaben die Rede, im religionshysterischen Mittelalter wuchs die Zahl der Opfer auf 144.000 an. Seltsam nur, dass bis heute kein Historiker auch nur einen einzigen Beleg für den Massenmord aufspüren konnte. Die Weihnachtsgeschichte handelt also von einem bluttriefendem Spektakel, das realiter nie stattgefunden hat, aber frommen Christen die Rechtfertigung für grausame und gründliche Pogrome lieferte. Abgesehen von den maurisch besetzten Teilen Spaniens, waren die heimatlosen Juden bis zum Anbruch der Neuzeit nirgends in Europa sicher vor Vertreibung oder Ermordung. Schließlich warf man ihnen in effektivster Fake-Manier nicht nur vor, Brunnen zu vergiften und die Pest einzuschleppen, sondern auch, sich an rechtgläubigen Kindern zu vergreifen.


Oh, du fröhliche Ignoranz


Olle Kamellen aus dem finstersten Mittelalter, werden jetzt einige Leser denken. Doch die damals verbreiteten Verschwörungstheorien überstanden die Zeit der Aufklärung sowie den Aufstieg der Wissenschaften spielend und stärkten alte Vorurteile und verliehen ihnen in aktualisierter Form neuen Talmi-Glanz. So erschienen 1903 im russischen Zarenreich die Protokolle der Weisen von Zion, eine antisemitische Fälschung, die ein jüdisches Komplott zur Erringung der Weltherrschaft suggerierte. Trotz Holocaust und Hitler (der von solchen „Vorlagen“ profitierte) hält sich dieser Konspirationsunsinn bis heute – nicht zuletzt in deutschen Querdenkerkreisen.


Auch der „Kindermord von Bethlehem“ ist nicht in die Abstellkammer der Geschichtslügen verbannt worden. In den USA bilden die Evangelikalen mittlerweile vor den Katholiken und den (klassischen) protestantischen Kirchen die größte christliche Glaubensgemeinschaft. Für die meisten dieser frommen Eiferer ist die Bibel Wort für Wort wahr, folglich wird auch die frei erfundene Räuberpistole über die Untaten des Wiedergängers Herodes für bare Münze genommen.


Muss denn das alljährliche Fest des leichtsinnigen Konsumrauschs, des häuslichen Unfriedens und der unmäßigen Völlerei unbedingt von bluttriefendem Schmonzes aus dem NT garniert werden? Eine Geschichte aus der Feder von Charles Dickens oder Antoine de Saint-Exupéry hätte es doch auch getan – ein wenig sentimental vielleicht, aber ungefährlich.


12/2022


Dazu auch:


Die Christuskrieger im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2015)