Wiedersehen im TV                          

Wen erreicht dieser Blog wie?


Cartoon: Rainer Hachfeld

                  

Wer in der vorletzten Freitagnacht Jan Böhmermanns Late-Night-Show Magazin Royale im ZDF anschaute und zuvor zufällig das Dossier „Coburger Schande“ (Rubrik Medien) auf dieser Homepage gelesen hatte, mochte einen Déjà-vu-Moment erleben. In komprimierter Form, aber mit gleichem Tenor erzählte der Kabarettist bei seiner ansonsten wenig geglückten Hauptprogramm-Premiere nach, was ich bereits 2014 im Dossier „Coburger Schande“ (Teile 1 und 2 in der Rubrik Medien) über die Benennung einer Straße nach dem Nazi und Reichswirtschaftsführer Brose und den damit verbundenen Kotau der Coburger Stadtspitze vor dessen Enkel, dem Milliardär Stoschek, berichtet hatte. Reiner Zufall? Vielleicht, aber dann ist es beileibe nicht der einzige.


Arg viel Ähnlichkeit


Wer eine Homepage mit Infos, Essays oder Recherchen ins Netz stellt, möchte natürlich wissen, ob er überhaupt Interessierte erreicht und wenn ja, wie viele. Schließlich ist die Intention von Bloggern, anzuregen, aufzudecken, zu kritisieren oder zu warnen. Und da sollten zumindest ein wenig Publikum und Resonanz vorhanden sein. Bei ihrem Start im September 2012 verzeichnete diese Website 230 Besucher im Monat. Laut Telekom-Statistik waren es gut acht Jahre später 7320 Leser im Oktober 2020. Das war der höchste Stand seit Beginn, nach einem stetigen Zuwachs, dessen erhöhtes Tempo in den letzten eineinhalb Jahren wohl auch wesentlich den Cartoons von Rainer Hachfeld zu verdanken ist.


Für eine „private“ Homepage ohne kommerziellen Nutzeffekt oder Beratungsangebote und ohne Andocken an die (a)sozialen Medien ist das ziemlich viel, im Vergleich mit den Netz-Präsentationen der Pressegiganten SPIEGEL und BILD oder natürlich mit Online-Basaren wie Amazon bleibt walter-view freilich winzig. Doch zählen im Meinungsspektrum des Internets nicht nur numerische Fakten, es existiert auch eine inhaltliche, oft „latente“ Wirkweise, die sich kaum messen lässt.


Hat ein Beitrag Menschen zum Nachdenken gebracht, zum Handeln angeregt oder – ohne Verschwörungsrabulistik – die offiziöse „Wahrheit“ in neuem Licht erscheinen lassen? Ein Indiz für einen gewissen Effekt ist es, wenn andere die Themen und Thesen aufgreifen und sie weiter verbreiten. Manchmal glaube ich registrieren zu dürfen, dass Letzteres mit meinen Artikeln geschieht, und zwar auf einer größeren Bühne, auf der sich vor allem Kabarettisten und Satiriker tummeln, gerne vor der TV-Kamera. Diese launigen Interpreten des politischen Geschehens, ihre Redakteure und Zuarbeiter scheinen ab und zu auch in den Rubriken von walter-view zu schmökern und den einen oder anderen Gedanken dort für die eigenen Programme zu adaptieren.


Nicht nur bei Böhmermann fühlte ich mich an die eigene Schreibe erinnert, auch Uthoffs und von Wagners „Anstalt“ im ZDF, eine qualitativ gediegenere Variante des politischen Kabaretts, schien Anleihen bei walter-view genommen zu haben. In meinen Texten „Gemeiner Nutzen“ (2014) und „Schluss mit lustig!“ (2019), beide im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund, hatte ich die Aberkennung der Gemeinnützigkeit von kritischen NGOs durch den Bundesfinanzhof in München kritisiert. Dass ein Sketch in der „Anstalt“ meiner Argumentation und Gliederung ziemlich akribisch folgte, mag noch politischer Nähe oder sachlicher Koinzidenz zuzuschreiben sein. Aber für die weiterhin anerkannte Gemeinnützigkeit rechter, fragwürdiger oder sogar gesellschaftspolitisch bedenklicher Vereine und Institutionen, von Neonazi-Organisationen bis zu bankrotten Parteienstiftungen, hätte es Tausende von Beispielen gegeben, Max Uthoff indes wählte das gleiche Exempel wie vor ihm ich: ein Wehrkundemuseum.


Auch Markus Barwasser alias Erwin Pelzig argumentierte gegen die rechten Gerichtsentscheidungen derart geistesverwandt, dass es sich wie ein Stück von mir anfühlte. Der Fall des Bauunternehmers Peter Weber, eines Youtube- und Facebook-Stars der nationalistischen Szene, der dem fränkischen Dorf Schwarzenbruck ein PR-Konzert mit Jürgen Drews aufzwingen wollte und den Gemeinderat zu Kreuze kriechen ließ, wurde von mir in „Das große Einknicken“ (Archiv der Rubrik Politik und Abgrund 2019) abgehandelt. Christoph Süß hat für die BR-Sendung quer selbst recherchieren lassen. Als er aber das Thema eine Woche später nochmals aufgriff, war seine Wortwahl nahezu identisch mit der meines Beitrags auf walter-view. Dieser war übrigens von Schwarzenbrucker Bürgern auch dem Polit-Magazin Monitor zugespielt worden, und so gelangten Recherche-Ergebnisse meiner Website auch ins Abendprogramm der ARD.




















Als nach der Premiere der Dreigroschenoper der Kritiker Alfred Kerr dem Intimfeind Bertolt Brecht vorwarf, von Francois Villon abgekupfert zu haben, räumte dieser eine gewisse "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums" ein. Einige Kabarettisten heutzutage scheinen wenigstens in diesem Punkt von dem großen Literaten gelernt zu haben.  


Ein wenig kulturelle Reichweite


Schon vor einigen Jahren hatte mir der inzwischen emeritierte Berliner Kabarettist Martin Buchholz gesagt, er greife ab und zu Themen und Versatzstücke aus meiner Website auf und baue sie für seine Programme um. Immerhin revanchierte er sich, indem er walter-view den Lesern seines populären Newsletters Wochenschauer empfahl. Von nichts kommt nichts, das gilt auch für die Protagonisten der Brettl-Bühnen. Es ist durchaus legitim, fremden Fundus zu durchstöbern, und Quellenangaben würden den Rahmen sprengen – eine Kabarettnummer ist schließlich keine Doktorarbeit. Aber es sei mir nachgesehen, dass ich die ansonsten stille Genugtuung über die Verbreitung des eigenen Senfes durch Stars der Szene zumindest einmal in acht Jahren auf meinen Seiten zum Ausdruck bringe.


Eigentlich wichtiger ist mir die Aufmerksamkeit, die den Autorenporträts in der Rubrik Literatur gewidmet wird. Die Intention war, Schriftstellern von Rang, die in den Oberflächenstrudeln des Kulturbetriebs unterzugehen bzw. der multimedial überforderten Rezipienten-Aufmerksamkeit zu entgleiten drohen, wieder einen ordentlichen Platz einzuräumen – unabhängig von Zeitgeist und Aktualitätsgebot. Die Wiederentdeckung eines William Faulkner etwa erscheint mir wichtiger als die Beschäftigung mit vielen Trägern deutscher Buchpreise der Gegenwart; den Australier Patrick White oder den Uruguayer Juan Carlos Onetti überhaupt erst an den Leser zu bringen, ist für mich ebenso ein Anliegen wie die Würdigung der weithin vergessenen Neuseeländerin Katherine Mansfield. Und von den Konterfeis eines Georges Simenon oder Ambrose Bierce sollte endlich das irreführende Etikett der Trivialität entfernt werden.


Dass alle zehn derzeit unter Literatur auf der Startpage geführten Autoren bei Google unter den ersten fünfzig Suchergebnissen rangieren, einige unter den ersten zehn, drei sogar unter den ersten fünf, freut mich, auch wenn natürlich die inhaltliche Relevanz mit diesem Instrument nicht zu messen ist.

  

Stachel im Speck bürgerlicher Hybris


Worum geht es beim Gestalten und Publizieren eines gesellschaftskritischen Blogs? Um Selbstverwirklichung? Sicherlich auch, immerhin ist es hilfreich, angesichts nationaler wie globaler Verfehlungen sowie von Kommerz und rechtsbürgerlicher Deutungshoheit glattgebügelten Mainstreams etwas äußern und veröffentlichen zu können, um nicht in der privaten Kammer ersticken zu müssen.


Selbstredend sollte aber diese Selbstbeschäftigung auch mit dem hehren Anspruch einhergehen, Informationen, die in den Massenmedien keine Rolle spielen oder zumindest nach meiner Einschätzung „untergewichtet“ werden, dem überschaubaren Publikum dieser Website bekannt zu machen, die selbstgefällige, systemimmanente Position bürgerlicher Kommentatoren zu konterkarieren, Sachverhalte aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten. Vor allem handelt es aber auch darum, elementare Menschenrechte aus den Ablagen von Bürokratie und Parteipolitik in die Öffentlichkeit zu zerren und den dicken Speckrand deutscher Hybris, der sich um die Kernelemente einer sozialen und aufgeklärten Gesellschaft gelegt hat, mit spitzem Stift aufzustechen.


Kann eine Homepage mit relativ überschaubarer Verbreitung solchen Ansprüchen gerecht werden? Immer nur unzureichend, für auch nur die kleinste signifikante Veränderung fehlt es an Reichweite. Und ob sie bei dem einen oder anderen User Meinungsänderung oder Wissenszuwachs bewirkt, ist nicht festzustellen, weil kaum Rückkoppelungen und schon gar keine Befragungen existieren. Aber ich halte es mit den progressiven Kabarettisten, Flüchtlingshelfern oder Umweltschützern: Wir versuchen es wenigstens.


Für die nächsten Jahre ist eine eher melancholische Reflexion wie diese auf walter-view nicht mehr zu erwarten. Schon nächste Woche widme ich mich wieder der politischen Geisterbahn mit Figuren wie den Scheuers, den Merkels, den Trumps, sorry: Bidens, den Soros und den Zuckerbergs – business as usual.

 

11/2020