Wissen an die Macht?
Cartoon: Rainer Hachfeld


Wie tickt ein Wissenschaftler, der unter die Politiker gefallen ist? Die SPIEGEL-Redakteure Markus Feldenkirchen und Martin Knobbe wollten das in einem Gespräch mit Karl Lauterbach herausfinden. Der Bundesgesundheitsminister forderte viel Verzicht vom Volk, etwa beim Fleischkonsum, zugleich aber eine enorme Aufstockung des Gelehrtenanteils in Parlament und Regierung. Dies impliziert die Frage, ob eine zahlenmäßig hohe Repräsentanz von Forschung und Lehre tatsächlich Lösungen für die gigantischen nationalen und globalen Probleme generieren könnte.


Fachidioten der Wissenschaft


In seinem Buch „Bevor es zu spät ist“ macht Lauterbach eine Reihe von Vorschlägen, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Auf sein Patentrezept, das der Minister immer wieder für ein effektiveres und umweltbewussteres Regieren angewendet sehen möchte, sprachen ihn die beiden Interviewer gezielt an: „Sie wollen den Anteil von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in der Politik erhöhen. Wie soll das gelingen?“ Lauterbach brachte daraufhin eine neue Art von Quote ins Gespräch, die Parteien sollten Listenplätze für Gelehrte freihalten.


Die SPIEGEL-Journalisten, die ansonsten nicht sehr tief schürften, stellten dazu immerhin fest, dass die Regierungszeit der promovierten Physikerin Angela Merkel, einer Naturwissenschaftlerin also, dem Klima und somit der Natur nicht viel geholfen habe – was der SPD-Gesundheitsguru auch zugab. Dennoch blieb er bei seiner Eingangsthese und bekräftigte diese auf leicht absurde Weise, als er gefragt wurde, ob er denn von einer „Expertokratie“ träume: „Ich würde es anders nennen, aber: Ja, wir brauchen viel klarere Verankerung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in den politischen Prozess. Und da muss man alles nutzen, was geht. Mehr Wissenschaftler in den Parlamenten.“


Benennen würde Lauterbach also eine „Gelehrtenrepublik“, wie sie Arno Schmidt ironisch in seinem gleichnamigen Roman beschrieb, nicht ganz so plakativ, aber haben möchte er sie schon. Nun wären mehr Sachverstand und Hintergrundwissen in der Politik durchaus wünschenswert, und der Austausch mit Forschern und Wissenschaftlern müsste dringend intensiviert werden. Auch ist es für einen Abgeordneten oder Minister legitim, Mitstreiter aus dem eigenen Metier als Weggenossen um sich zu scharen – ein in den Bundestag gewählter Agrarfunktionär würde sich sicherlich mehr Bauern im Parlament wünschen –, doch setzt die damit verbundene Beschränkung auf Personal mit gleicher Erfahrung und Perspektive dem geistigen Horizont enge Grenzen.


Im legendären Jahr 1968 schlugen sich in einem Streitgespräch der Studentenführer Rudi Dutschke und der FDP-Star sowie Soziologe Ralf Dahrendorf die Verbalinjurien „Fachidioten der Politik“ und „Fachidioten des Protests!“ um die Ohren. Beide meinten damit jeweils Spezialisten, die auf ihrem Gebiet versiert waren und dabei den Rest der Gesellschaft aus den Augen verloren hatten. Wäre letzteres nicht zu befürchten, wenn die akademischen Geister den Elfenbeinturm ihrer „reinen Lehre“ verließen und sich in die Niederungen praktischer Politik begäben?


Eine unglückliche Zwangsehe


Universalgelehrte wie Leonardo da Vinci oder Aristoteles kann es heute nicht mehr geben, zu viele neue Disziplinen und zu viele Verästelungen und Interdependenzen hat das exponentielle Wachstum unseres Wissens inzwischen bedingt. Und leider wohnen den Ergebnissen der modernen Forschung oft gleichzeitig das Potenzial der Lebensverbesserung und das der Lebensvernichtung inne. Wofür er gerade arbeitet, muss ein Naturwissenschaftler selbst entscheiden, wenn er denn die Konsequenzen seines Tuns überhaupt abschätzen kann.


Die einen feiern mittels agrarischer Diversifizierung kleine Siege gegen den Hunger in der Welt, die anderen schaffen in der Pharmaindustrie die Voraussetzungen für profitträchtige Monokulturen, die den Boden ausgelaugt und unkultivierbar hinterlassen. Konnten die Physiker, die 1942 in Los Alamos an der Atombombe arbeiteten, das Ausmaß des Schreckens, den sie auf die Menschheit losließen, richtig vorausahnen – und später ertragen? J. Robert Oppenheimer offenbar nicht. Sein Kollege Edward Teller hingegen machte sich 1950 ungerührt daran, die noch fürchterlichere Wasserstoffbombe zu erschaffen.


Nicht nur die Politik, auch die Naturwissenschaft benötigt also die Einsicht, dass man alles machen kann, aber nicht alles tun sollte. Leider können aber auch die Geisteswissenschaftler, Philosophen, Politologen oder Soziologen keine Hilfestellung liefern, zu verliebt sind sie in ihre bevorzugten Denkschulen – von jener Disziplin, die zu einem großen Teil aus Markt-Astrologie besteht und sich „Wirtschaftswissenschaften“ nennt, ganz abgesehen. Und wenn sich ein inzwischen emeritierter Historiker wie Gregor Schöllgen, der in seinen Unternehmerbiografien reihenweise Alt-Nazis gegen gutes Honorar reinwusch, hinstellt und öffentlich postuliert, Geschichtswissenschaft müsse „sich kapitalisieren“, dann zeigt dies nur, dass auch aus dieser Richtung wenig Erhellendes und Verantwortungsbewusstes zu erwarten ist.


Also bleibt nur, die validen Informationen aus Forschung und Lehre der taktischen Durchsetzungsfähigkeit der Politik zur Verfügung zu stellen und – meist vergeblich – darauf zu hoffen, dass letztere aus den Erkenntnissen die richtigen Schlüsse zieht und sie anschließend nicht dem üblichen Opportunismus opfert. Wenn aber Wissenschaft und Politik eine direkte Zwangsehe eingehen, sozusagen zur Personalunion verschmelzen, geht das oft recht unglücklich aus. Karl Lauterbach selbst mag als Beispiel für eine solche Mesalliance dienen: Als unbestechlicher und unermüdlicher Mahner agierte der SPD-Gesundheitsexperte vor der Wahl, als zögerlicher Minister, der wegen der Kabinettsdisziplin öffentlich Entscheidungen, die er für falsch hält, verteidigen muss, verspielt er gerade seine Glaubwürdigkeit. Vorher der Heilige Georg im Kampf gegen den Corona-Drachen, wird er jetzt eher als Marionette an den Fäden des Machtapparats wahrgenommen.




















Wissenschaftler Lauterbach: einst und jetzt



Im Netz der Wirtschaft


Dass im Kräftespiel der Verpflichtungen, Interessen und Absichten nichts ohne die Wirtschaftseliten geht, zeigte sich auch bei der Pandemie-Bekämpfung. Forscher entwickelten Vakzine, die eine gewisse Immunität gegen das Virus boten oder zumindest einen milden Krankheitsverlauf wahrscheinlich machten. Die Menschheit konnten sie damit dennoch nicht retten, sie haben vielmehr die Spaltung der Welt weiter vertieft. Hier die Bürger der ökonomisch potenten Nationen, die allenfalls Disco- oder Stadionbesuche vermissten und ein paar Tage Quarantäne fürchteten, dort die Menschen in den Slums von Afrika oder Südasien, denen Tod oder wenigstens Verlust der beruflichen Existenz drohten.


Denn Corona-Impfstoffe wurden sogleich als begehrte Ware vermarktet und mit Hilfe der Politik an die Meistbietenden losgeschlagen. Die Freigabe von Patenten, die einzige Chance zur globalen Ausrottung der Seuche, wurde verweigert, da sie die Profite gemindert und den Höhenflug von Aktienkursen gebremst hätte. Wissenschaftler durften zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr mitreden.
Der deutschstämmige US-Milliardär Peter Thiel, als Investor im Silicon Valley reich geworden, propagiert auf eine spezielle Weise formal etwas Ähnliches wie Lauterbach. Für ihn stehen „Firmen über Staaten“, deshalb sollten nach seinem Plan „kreative Monopole“ die Macht im Staat übernehmen. „Vor allem glaube ich nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie kompatibel sind“, erklärt der Trump-Unterstützer (der allerdings radikal über den Neoliberalismus des Ex-Präsidenten hinausgeht) und fordert de facto eine Herrschaft der Elite, allerdings nicht der Cracks aus der Wissenschaft, sondern der Entscheider aus den Technologiekonzernen. Oligarchitur statt Expertokratie? Die blanke Macht in den Händen auserlesener Grüppchen hat eben immer etwas Bedrohliches…


Um sich auf unterhaltsame Weise klarzumachen, wohin ein ungehemmtes Forschungsprimat auch führen kann, sollte Karl Lauterbach mal wieder in ein Programmkino gehen und sich Stanley Kubricks Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ anschauen.


04/2022


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