Zeit der Peinlichkeit

Cartoon: Rainer Hachfeld


Es ist verständlich, dass die Medien in Pandemie-Zeiten täglich über den Gesundheitszustand der Republik berichten. Viele Menschen möchten fortlaufend darüber informiert werden, wie viele Infizierte und Tote es in ihrer Region gegeben hat, wie viel Bewegungsfreiheit ihnen noch zugestanden wird, oder ob und wann sie mit einer Impfung rechnen dürfen. Geradezu peinlich aber nimmt es sich aus, wenn Funk und Presse in der Corona-Krise den Regierenden unendlich viel Raum für die Rechtfertigung ihrer teils überhasteten, teils verspäteten Maßnahmen und für die Legendenbildung in eigener Sache bietet – als hätten die Journalisten wieder einmal vor dem politischen Diktat „alternativlos“ kapituliert und würden die Apotheose der „Macher“ betreiben.


Auf allen Kanälen, aber vergesslich


Man schaltet den Fernseher ein: Söder, Spahn, Scholz und vielleicht noch Lauterbach sitzen in trauter Talkrunde zusammen; man schlägt die Zeitung auf, und schon springen einem austauschbare Schlagzeilen ins seuchenmüde Auge: Söder schließt aus, Spahn warnt, die Kanzlerin mahnt und der Bundespräsident appelliert an sein Volk. Selbst wenn die angstgeplagten Bürger, aus banger Wissbegier oder in Sorge um ihre Angehörigen alles Wesentliche über Covid-19 und die Ausbreitung/Eindämmung des Virus erfahren möchten, beginnen sich manche doch langsam zu fragen, ob sie deshalb immer dieselben Gesichter und die gleichen redundanten, aber bedeutungsschwanger gegrummelten Phrasen vorgesetzt bekommen müssen.


Der Erkenntnisgewinn ist gleich Null, doch scheint sich das Gros der deutschen Bevölkerung mit der Einsicht, dass eine Nachricht ohne Sinngehalt eine gute Nachricht sei, zu trösten und lässt sich vom landesväterlichen/-mütterlichen Gehabe der staatstragenden Politiker einlullen. Für diese wiederum bieten die ARD-Tagesschau, Anne Wills Plauderstündchen oder die vorderen Seiten der Tageszeitungen kostenlose Wahlkampfwerbung. Als Dauerredner sind sie allerorten präsent, und als gelernte Selbstdarsteller wissen sie, sich ins rechte Licht rücken und andere Ansichten wie berechtigte Zweifel mit viel Pathos und versteckter Rabulistik totzuschwallen. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender ermöglichen der Bundesregierung und den MinisterpräsidentInnen der Länder kostenloses Product Placement in einer Konzentration, die woanders zur strafbewehrten Sanktionierung durch die Freiwillige Selbstkontrolle oder den Fernsehrat führen würde.


Nur ganz vereinzelt, am Rande des medialen Geschehens, in den verbliebenen Nischen kritischen journalistischen Geistes, regt sich noch Widerspruch, werden die herrschende Politik und das so jäh erwachte und plakativ zur Schau gestellte Problembewusstsein der politischen Trendsetter hinterfragt, erlauben sich skeptische Beobachter die Überprüfung von Verantwortlichkeiten. Dann darf Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung in einem Kommentar darauf hinweisen, wie nonchalant mit den Grundrechten der Bürger hantiert wird, dann zählen ARD-Politmagazine mit niedriger Einschaltquote die früheren und gegenwärtigen Versäumnisse der vom Selbstlob besoffenen Kümmerer auf höchster Ebene auf.


Wie das Mikro die Sorgfalt ablöste


Wer denkt denn noch daran, dass einst Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Corona für ein harmloseres Grippe-Pendant hielt, dass Covid-Shooting-Star Markus Söder anfangs behauptete, Bayern habe die Verbreitung des Virus gestoppt, und sich trotz der österreichischen Erfahrungen zunächst gegen Abstandsregeln und Maskenpflicht aussprach. Auch als es ihm opportun erschien, sich an die Spitze der Besorgnisträger zu stellen, unterlief dem Freistaatsherrn einiger Unsinn. So erhielten in Bayern Leute, die sich allein mit einem Buch auf eine Parkbank setzten, Bußgeldbescheide, und das wenige Tage, nachdem Söder und die CSU-Spitze trotz deutlicher pandemischer Vorzeichen den Politischen Aschermittwoch im vollen Saal zur Stammtisch-Propaganda und als Virenschleuder genutzt hatten. Ein weiteres Beispiel aus dem bajuwarischen Absurditätenkabinett: Als gelockert wurde, durften in Bayern die Restaurants bis in die Nacht hinein Gäste in ihren stickigen Räumen bewirten, während die Straßencafés und Biergärten an der weitaus ungefährlicheren frischen Luft am frühen Abend schließen mussten.


Egal ob sie Kretschmann, Kretschmer oder Schwesig heißen, in Schleswig-Holstein, Thüringen oder Berlin regieren, eine ordentliche oder traurige Bilanz bei der Krisenbewältigung vorweisen können – die Ländervorsitzenden reagieren wie Süchtige auf jedes Mikrofon, würden am liebsten jede gesetzgebende Sitzung schwänzen, wenn der TV-Talkmaster ruft. Und sie wetteifern untereinander, wer die drastischsten Ankündigungen zur besten Sendezeit unters Volk bringt. Bei so viel Medienpräsenz, kann der Blick aufs Detail schon mal abschweifen, scheitern die kühnsten Pläne an sagenhafter Inkompetenz. Wenn etwa Bayern die Heimkehrer an den Grenzen testen lässt, den Infizierten aber die Ergebnisse nicht mitteilt, auf dass sie ihre mikroskopisch kleinen Mitbringsel fröhlich mit Verwandten und Bekannten teilen können; wenn Maskenpflicht herrscht, aber Masken fehlen; wenn keine Schutzkleidung für die Pfleger von Corona-Patienten vorhanden ist, dann würde man gern von Schildbürgerstreichen reden, nur enden diese womöglich tödlich.


Wie soll man auch alles im eigenen Apparat im Griff haben, wenn man pausenlos damit beschäftigt ist, in Interviews zu erklären, dass man alles im Griff habe. Wichtig ist die klangvolle Verkündigung segensreicher Maßnahmen in der Öffentlichkeit, die Pannen bei der Ausführung geraten sowieso schnell in Vergessenheit. Und ein Spitzenpolitiker hat sich um die Außenwirkung zu bemühen, die Petitessen bei der Realisierung wird er doch wohl seinen Subalternen überlassen dürfen.



















Zum Mikro drängt, am Mikro hängt... Auch Heribert Prantl von der SZ vermag den Geist der talentierten Selbstdarsteller nicht zu erleuchten.   


Pudelwohl in der Existenzkrise


Am deutlichsten scheint der Ausdruck der Selbstzufriedenheit in den Mienen von Spahn und Söder auf (vielleicht noch in der S/M-Variante bei Lauterbach). Ihre bedeutungsschwangeren Plattitüden überzeugen den verschreckten Bürger davon, die in Teilen notwendigen, oft aber unlogischen und manchmal willkürlich anmutenden Beschränkungen seiner persönlichen Freiheiten als gottgegeben hinzunehmen. Es hat Charme, ein wenig autoritär regieren zu können, manche Dekrete am Parlament vorbei zu erlassen.


Da werden Expertise, Empathie und Umsicht vorgegaukelt, während über die Fehler eines auf Profit getrimmten Gesundheitswesens und die Unzulänglichkeiten bei der Nachverfolgung, beim Testen sowie beim Impfen den Mantel des kollektiven Schweigens gebreitet wird. Die Aufmerksamkeit gehört dem Aktionisten, nicht dem Ergebnis.

Die Medien sollten ihrer Informationspflicht nachkommen, indem sie die wichtigsten Corona-Statistiken veröffentlichen und erklären, den Anspruch der deutschen Politik mit der Wirklichkeit abgleichen und die zahllosen Ungereimtheiten bei Beschaffung und Verabreichung von Medikamenten und Seren untersuchen. Für den Platz aber, den sie zusätzlich für die Selbstdarstellung wahlkämpfender Corona-Gewinnler freischlagen, gäbe es wahrlich genügend relevanteren Stoff: Setzt sich die Bundeswehr aus Afghanistan ab, wo sie 20 Jahre lang ohne erkennbaren Nutzen, aber zum Schaden mancher Zivilisten präsent war? Sie hat die Taliban, die dem Chaos, das Russen und US-Amerikaner anrichteten, entsprossen, lau und folgenlos bekämpft. Macht sich das deutsche Kontingent jetzt aus dem Staub, opfert es seine afghanischen Mitarbeiter und Dolmetscher der Rache der Islamisten. Wird das Mandat aber verlängert, vergammelt es in streng geschützten Lagern, ohne das vom Westen halbherzig alimentierte Kleptokratenregime in Kabul beschützen zu können.

   

Und in den USA ernennt die aus der Obama-Ära recycelte  Lichtgestalt Joe Biden mit Antony Blinken einen Falken zum Außenminister, auf dass der neue Kalte Krieg bald auch eine heiße Komponente bekommen könnte. Währenddessen sorgt ein Bürgerkrieg in Äthiopien zuverlässig für weitere Hungersnöte und „Flüchtlingswellen“, konvertiert die Republik Indien, das demnächst volkreichste Land der Erde, zur fundamentalistischen Hindu-Diktatur (mit Atombombe), bedrohen in Myanmar Militärs, zu denen deutsche Rüstungsfirmen beste Kontakte unterhielten, ihre Gegner und die Rohingya-Minderheit mit Völkermord. Und der Krieg im Jemen und die „offensive“ neue NATO-Doktrin im Pazifikraum und …


Wenn es denn noch mehr um Corona gehen soll, wären gründliche Erklärungen vonnöten, warum sich die EU, die USA und Großbritannien um Impfstoff prügeln und gleichzeitig zulassen, dass sich Pharmakonzerne die potentielle Lebensrettung zwecks lukrativen Monopols patentieren lassen. Als würden nicht sogar die oft betriebsblinden Virologen darauf hinweisen, dass die seuchentechnische Vernachlässigung Afrikas die Pandemie global verewigen wird.


Nein, wichtige Themen gäbe es genug auf der Welt. Doch lassen sich die meisten eben schlecht für die Image-Kampagne unserer Polit-Koryphäen nutzen und für Anne Will telegen aufbereiten.

 

02/2021

 

Dazu auch:

Von Bayern lernen? im Archiv von Politik und Abgrund (2020)