Ziege gegen Russland
Cartoon: Rainer Hachfeld


„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.“ Dieser zutreffende Satz lässt sich auch auf die Berichterstattung über die russische Invasion in der Ukraine anwenden. Nur offenbart sich schon bei der Zuordnung des Sinnspruchs ein Dilemma der Recherche: Dass zahlreiche Medien den griechischen Tragödiendichter Aischylos (525 - 456 v.Chr.) als Urheber nennen, hält die Internet-Plattform falschzitate.blogspot.com nicht für korrekt und erklärt, eine unbekannte Person habe während des Ersten Weltkriegs, vermutlich in England, die Weisheit von sich gegeben. Bleibt die Feststellung, dass nicht nur, aber vor allem der Kriegsjournalismus Probleme mit der objektiven Bestandsaufnahme hat.


„Ausgewogene Distanz“


Im Medienmagazin der Deutschen Journalistenunion (Ver.di) wägt die Kölner Kommunikationswissenschaftlerin Marlis Prinzing zwischen „humanitärer Solidarität“ und „ausgewogener Distanz“ ab. So sei Empathie für die Überfallenen (die Ukrainer) durchaus angebracht, und man müsse der Definition „Angriffskrieg“ nicht ständig den russischen Euphemismus „Militäroperation“ gegenüberstellen. Andererseits müssten die Reporter aber auch über die ausufernde Korruption und die Verehrung einstiger Nazi-Kollaborateure in der Ukraine berichten.


Wenn Mathias Döpfner, der Rechtsaußen unter den deutschen Großverlegern, in BILD fordert, die Bundesrepublik solle gegen alle NATO-Regeln in den Krieg ziehen, oder im Redaktionsnetzwerk Deutschland ein Psychiater per Ferndiagnose eine Wahnkrankheit bei Putin diagnostiziert, fehle die gebotene „professionelle Distanz“, schreibt Prinzing.


Auch warnt sie in ihrem Beitrag für das Ver.di-Blatt vor dem „Embedding“, dem sich Journalisten freiwillig unterwerfen und sich so zum Sprachrohr der ukrainischen Politik machen lassen. Dieses „Einbetten“ oder intensive Betreuen von Reportern durch fürsorgliche Militärs oder Diplomaten war von den US-Streitkräften im Irak kreiert worden, um die Sichtweise der Berichterstatter positiv beeinflussen zu können. Es sollte nicht wieder eine so „schlechte Presse“ geben wie im Vietnamkrieg. Dass die Propaganda der ukrainischen Regierung im Westen oft ungefiltert als Wahrheit durchgeht, hat zum Teil aber auch Putins Regime selbst zu verantworten.


Die einen mauern, die anderen fluten


Per Gesetz hatte die russische Regierung allen Kriegskorrespondenten, die der Lüge überführt würden (also eine Nachricht verbreiten, die von der Einschätzung des Oberkommandos abweicht), mit schweren Strafen gedroht. Verständlich, dass sich die Reporter nicht unter ein solches Damoklesschwert begeben wollten und deshalb jetzt nur noch von der ukrainischen Seite aus berichtet wird…


Während Moskau somit mauert, flutet Kiew die Weltöffentlichkeit regelrecht mit Horror- und Siegesmeldungen sowie Schuldzuweisungen an die feindlichen Truppen. Mit ziemlicher Sicherheit hat es Kriegsverbrechen durch russische Soldaten gegeben, doch fehlen letzte Bestätigungen, weil die internationale Presse nicht vor Ort war und sich auf ukrainische Darstellungen verlassen muss. Umgekehrt beklagen sich Journalisten, sie würden auch von der Kiewer Regierung in ihren Recherchen behindert.


Immerhin ergänzen die öffentlich-rechtlichen Sender die Faktenbehauptungen bisweilen wenigstens mit dem Hinweis, eine unabhängige Überprüfung sei nicht möglich gewesen.
Wie undurchsichtig die Faktenlage an der Front geworden ist, belegt die beiderseitige Schuldzuweisung für den Beschuss des größten europäischen Atomkraftwerks Saporischschja in der Südukraine. Moskau macht Kiew für einen Raketenangriff mit Streumunition auf das von russischen Soldaten besetzte AKW verantwortlich. Kiew wiederum beschuldigt die feindlichen Truppen, den Atommeiler selbst beschossen zu haben. Wer lügt, wer ist verrückt geworden? Kann man glauben, dass Russland die eigenen Leute in den nuklearen Äther blasen will? Ist es denkbar, dass die Ukraine die atomare Verseuchung weiter Landstriche selbst herbeiführt? Wer wäre durchgeknallt genug, ein AKW in unmittelbarer Nähe zu beschießen? So viele Fragen – und kein Hauch von Antwort!




















"Der war's!" "Nein, der!" In der Ukraine wird derzeit wieder einmal demonstriert, wie todsicher Atomkraftwerke sind.


Eine Ziege riecht nach Ente


Da war vor wenigen Wochen eine Geschichte der t-online-news, die den Printmedien häufig buntes Material für den nächsten Tag liefern, doch von leichterer, wenn auch skurriler Art: Unter Berufung auf den nationalen Geheimdienst habe die „Ukrainiska pravda“ („Ukrainische Wahrheit“) berichtet, dass eine Ziege 40 russische Soldaten ins Krankenhaus gebracht hat. Das Tier habe sich in den Stolperdrähten, die zum Schutz um deren Lager gespannt waren, verheddert und dadurch etliche Granaten zur Explosion gebracht.


Klingt ein wenig märchenhaft und riecht nach Zeitungsente, lässt zumindest die Frage offen, wie die Ukrainer die feindlichen Opfer so genau zählen konnten, zumal diese mit Sicherheit nicht in ein ziviles Hospital im angegriffenen Land eingeliefert worden wären.


Doch t-online-news schiebt eine „wissenschaftliche“ Erklärung für den heldenhaften Einsatz der Geiß nach: „Auch wenn nicht anzunehmen ist, dass die Ziege die russische Stellung bewusst angegriffen hat – zuzutrauen wäre es ihr. Forscher fanden vor einigen Jahren heraus, dass die Tiere deutlich intelligenter sind als bis dahin angenommen. Die kognitiven Fähigkeiten von Ziegen ähneln eher denen von Elefanten und Delfinen als denen anderer Huftiere wie Schafen und Rindern. Allerdings dürfte die Ziege auf dem Weg vom Wild- zum Haustier einen Teil ihrer Intelligenz eingebüßt haben, berichteten die Biologen.“


Naja, für die Russen hat der Grips scheinbar noch gelangt, wenn man dieser Mär Glauben schenken will.


08/2022


Dazu auch:


Qualitätsente im Archiv der Rubrik Medien (2014)