Adel verzichtet (nie)

Cartoon: Rainer Hachfeld


Wer die Aristokratie als skurriles Relikt längst vergangener Zeiten belächelt und sie lediglich als Themenfabrikation für Frauenillustrierte und TV-Serien sieht, liegt daneben. Zwar wurde der europäische Hochadel durch bandenmäßige Inzucht geschwächt, doch halten sich etliche Monarchien hatnäckig und mischen sich bisweilen sogar in die Politik ein, während Herzöge wie Grafen weiterhin auf ihre Privilegien pochen. Erstmals in der Menschheitsgeschichte überlebten die Protagonisten einer untergegangenen Gesellschaftsform und ließen sich auch noch von den früheren Untertanen aushalten. Als besonders unverschämt erweist sich hierzulande das berüchtigte Geschlecht der Hohenzollern, das seine historische Rolle vergessen zu haben scheint, nicht aber seine Ex-Pfründen.


Blaublütig in zwei Weltkriege


Von Schwaben und Franken aus fielen die Hohenzollern in Brandenburg ein und raubten sich nach und nach etliche Gebiete in Ostpreußen zusammen, bis sich das damalige Oberhaupt der Sippe 1701 selbst zum König Friedrich I. von Preußen ernannte. Nachfolger Friedrich Wilhelm, der Soldatenkönig genannt, kaufte sich Söldner aus ganz Europa ein und alimentierte ein riesiges Heer – auf Kosten der Untertanen. Sein Sohn sollte als Friedrich der Große in die Geschichte eingehen, hatte er doch mit dem Bonmot, dass jeder nach seiner Faςon selig werden solle, ein Zeichen der Aufklärung und Toleranz gesetzt, das nur leider nicht für die Nachbargebiete galt, die er in 23 Jahre währenden Kriegen verwüsten ließ, und auch nicht für das eigene Volk, das in dieser Zeit heftig dezimiert wurde.


Nachfolger Friedrich Wilhelm II. nutzte die Zweite und Dritte Zerschlagung Polens, um das Herrschaftsgebiet noch weiter auszudehnen. Nach den Napoleonischen Kriegen wuchs das von den Hohenzollern regierte Territorium noch um das Rheinland, Westfalen und Sachsen, so dass sich die Keimzelle für ein zweites Deutsches Reich gebildet hatte. Nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 und einigen Kriegen stellten die Hohenzollern 1871 den ersten Kaiser. Als 1888 Wilhelm II. den Thron bestieg, war das bittere Ende von 1918 schon vorprogrammiert. Der großmannsüchtige Monarch war – wie später Hitler – von der deutschen Rassenüberlegenheit überzeugt, befahl eine beispiellose Aufrüstung, ließ die afrikanischen Kolonien mit härtester Hand ausbeuten – und verwendete die üppige Apanage zur Börsenspekulation. Als bedenkenloser Hasardeur führte er auch das Reich in den Ersten Weltkrieg.


Nach der Niederlage und dem Versailler Vertrag lauerte der in die Niederlande geflohene Ex-Kaiser auf eine Gelegenheit zur Rückkehr auf den deutschen Thron und biederte sich zwischen 1930 und 1934 den Nationalsozialisten an, um deren Machtergreifung zur Restauration nutzen zu können. Wilhelm II. setzte sogar ein NSDAP-Mitglied, den Admiral Magnus von Levetzow, als Generalbevollmächtigten ein. Es half alles nichts, Hitler hatte nicht vor, die Macht mit einem Monarchen zu teilen.


Aus dieser Missachtung seitens des Führers, aus privaten Sottisen über die plebejischen Nazi-Größen und aus einzelnen Kontakten zu Mitgliedern des Stauffenberg-Kreises konstruierten die Hohenzollern später eine angebliche Gegnerschaft zum Dritten Reich, die jetzt als Argument für die Klage ihres aktuellen Oberhauptes Georg Prinz Friedrich von Preußen auf Rückgabe einst enteigneter Kunstwerke, Möbel und Dokumente sowie auf Wohnrecht in verstaatlichten Schlössern herhalten soll. Doch in Wirklichkeit verhält es sich wohl so, wie das linker Sympathien unverdächtige Magazin Cicero die Beziehungen des Herrscherhauses zu den braunen Herrenmenschen beschreibt: „Gesucht und gefunden hatten die Hohenzollern die taktische und strategische Kollaboration.“


Enteignung der Feudalherren


Diese Annäherung des Herrscherhauses an die Nazis könnte vor Gerichten, vor allem in den neuen Bundesländern, noch von ausschlaggebender Bedeutung sein. Nachdem der Preußenprinz und Ururenkel des letzten Kaisers mit seiner Klage auf die Rückgabe der Burg Rheinfels vor dem Landgericht Koblenz gescheitert ist, versucht er jetzt, in den Ländern Berlin und Brandenburg an frühere Beute zu kommen. In den Gebieten der einstigen sowjetischen Besatzungszone wurde im Herbst 1945 allerdings die Enteignung der Gutsbesitzer, die Anhänger des NS-Regimes waren (sowie aller Junker mit Ländereien von über 100 Hektar), per Gesetz durchgeführt.


 Um die „Aushändigung des kriminell zusammengerafften Reichtums“ (so der Dramaturg Bernd Stegemann in Cicero) zu verhindern, hat Brandenburgs Finanzminister Christian Görke ein Gerichtsverfahren wieder aufnehmen lassen, in dem geklärt werden soll, ob die Hohenzollern Hitlers Machtergreifung Vorschub geleistet haben. In diesem Falle wäre jede Art von Entschädigung und Restitution ausgeschlossen


Bitte erst die alte Schuld begleichen, Durchlaucht!


Dann wären auch die Forderung des Hauses Hohenzollern, der Familie solle ein lebenslanges unentgeltliches Wohnrecht im Schloss Cecilienhof oder in der Potsdamer Villa Liegnitz oder im Schloss Lindstedt eingeräumt werden, obsolet und die Chance des Hochadels, zu hochwertigen Sozialwohnungen zu kommen, perdu.


Gier statt Reue


Der deutsche Adel, eigentlich von der Geschichte hinweggefegt, hat als anachronistische Erbenelite in einer luxuriösen gesellschaftlichen Nische überlebt. Zwar gab es auch blaublütige Widerstandskämpfer gegen Hitler, aber das historische Wirken der Aristokratie nach 1918 in Deutschland wurde mehr von Junkern und Baronen, die rechtsextreme Freikorps gründeten und gegen die Weimarer Republik konspirierten und so den Nazis den Weg ebneten, etwa jenen Graf Arco, der den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner erschoss, oder durch treue adlige Gefolgschaft dem Führer gegenüber definiert.


Ungeachtet ihrer Vergangenheit, blieben viele Adlige wohlhabend, verkehrten im selbstgewählten Edel-Ghetto untereinander und schickten ihre Kinder auf teure Schulen, wo ihnen zwar Etikette, aber offenbar kein Anstand und kein verantwortliches Denken beigebracht wurden. Wie erklärt sich sonst, dass ein Fürst, dessen Clan Millionen in einen ersten Weltkrieg und viele damit in den Tod geschickt hat und den Initiatoren eines zweiten Weltenbrands zumindest zeitweise nahestand, aberkanntes Gut zurückverlangt, statt bei Opfern, Überfallenen und Hinterbliebenen um Verzeihung zu bitten?


Georg Prinz Friedrich von Preußen weiß wohl, dass man Menschenleben nicht mit Geld aufwiegen kann (auch wenn der Bayer-Konzern derzeit in den USA eine andere Erfahrung zu machen scheint), dass er aber nach all den Verfehlungen der Vorfahren als Hüter einer gottgewollten Ordnung die unter dubiosen Umständen erworbenen Güter wieder in seinen Besitz bringen will, als habe es Aufklärung, bürgerliche Demokratie, aristokratische Schuld und Wiedergutmachung nie gegeben, ist Ausdruck seiner schamlosen Hybris: Noblesse oblige, Adel verpflichtet? Zu gar nichts. Adel verzichtet? Mitnichten, selbst wenn viel zu viele Untertanen die Objekte der noblen Begierde, die einst fürstlichen Latifundien, mit ihrem Schweiß und Blut gedüngt haben.

 

09/2019