Alle in die Wüste?

Cartoon: Rainer Hachfeld


Dass die Weltklimakonferenz in Dubai für die meisten Länder und für fast alle Fachleute sowie Umwelt-NGOs höchst unbefriedigend endete, ist eigentlich keine Überraschung; schließlich behält der Hausherr stets das letzte Wort. Allerdings sei die Frage erlaubt, ob es Sinn macht, immer mehr Kongresse, Events und Sportturniere von globaler Bedeutung an Fürstentümer auf der arabischen Halbinsel zu vergeben. „Doch, macht es!“ würden Organisatoren unterschiedlicher Couleur entgegnen, denn dort gebe es Geld wie Sand in der Wüste.


Geld lässt spielen


Die Geschichte der Menschheit kennt die Tragik von Personen, die zur falschen Zeit am falschen Ort die falsche Rolle spielen mussten. Seit einiger Zeit jedoch beschleicht den aufmerksamen Beobachter das Gefühl, dass der Beauftragung völlig inkompetenter, ja sogar destruktiv wirkender Figuren und Staaten durch internationale Institutionen eine gewisse Systematik innewohnt.


Vor gut einem Jahr fand eine Kicker-WM, die weltoffen und tolerant sein sollte, in einem arabischen Emirat statt, das durch Frauenunterdrückung, Homophobie sowie durch Sklavenhalter-Attitüde punktete. Die Leichen asiatischer Bauarbeiter pflasterten den Weg zu den Fußballstadien, die in Katar, einem Staat, in dem Profi-Sport fast ausschließlich von zusammengekauften afrikanischen Athleten betrieben wird, nach dem Event in den Dornröschenschlaf des kollektiven Vergessens gefallen sind.


„Geld schießt keine Tore“, hatte der erfolgreiche Trainer Otto Rehagel einst getönt, und tatsächlich schied das Nationalteam des öl- und steinreichen Katar bei seiner Heim-WM bereits in der Vorrunde sang- und klanglos aus. Aber Geld lässt spielen – und  zwar, wann und wo es will, wenn es dem internationalen Renommee und dem Glanz des Regimes dient. Deshalb wird allem Anschein nach die FIFA die Saudis mit der Ausrichtung der Fußball-WM 2034 betrauen, obwohl deren Menschenrechtsstandards als unterirdisch gelten, der Hang zur Kicker-Kunst auf der arabischen Halbinsel eher mondäner Langeweile als gewachsenem Enthusiasmus entspringt und die klimatischen Verhältnisse dort erneut zu einer erratischen Verlegung des Turniers in die Wintermonate zwingen dürften.


Mekka der Lobbyisten


Die finanziellen Möglichkeiten der auf gigantischen Öl- und Erdgasvorkommen sitzenden Herrscher dürften auch den Ausschlag für den Tagungsort des überdimensionierten Weltklimagipfels in Dubai gegeben haben. Aus allen Nähten platzte die sich im Ungefähren verlierende Konferenz, auf der nichts weniger als die nähere Zukunft verhandelt wurde, nicht etwa, weil zu viele Betroffene in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) reisten, sondern weil die Hüter der fossilen Rohstoffe laut dpa mindestens 2456 Zugangspässe an Lobbyisten der die Welt mit CO2-Schmutz versorgenden Branchen ausgestellt hatten. Die zehn am stärksten vom Klimawandel gebeutelten Länder hingegen durften nur 1509 Delegierte entsenden.


Sicherlich war es auch kein Zufall, dass als Konferenzvorsitzender ausgerechnet Al-Dschaber, der Chef des staatlichen VAE-Ölkonzerns Anoc, fungierte. Ungeachtet aller Forderungen und Warnungen der Klima-Wissenschaftler will das Unternehmen seine Förderung bis 2030 um 25 Prozent erhöhen. Mit List und Geschick setzte Al-Dschaber eine vom britischen Guardian geleakte Forderung des Opec-Kartells weitgehend um, der zufolge Beschlüsse, die ein Aus für Kohle, Öl und Gas beinhalteten, blockiert werden sollten.


Im ersten Entwurf des von Al-Dschaber verantworteten Protokolls fehlte jeglicher Hinweis auf das Ende der fossilen Energien. Als die Mehrheit der anwesenden Ländervertreter, angeführt von den dem buchstäblichen Untergang geweihten Inselstaaten des Pazifik, meuterte, wurde der Text ein wenig geschönt, enthielt am Ende jedoch immer noch keinen konkreten Ausstiegsplan. Es blieb bei einer unverbindlichen Absichtserklärung ohne konkrete Pläne und Sanktionen.


Welch köstlicher Spaß! Ab jetzt bewerben wir uns für jede Weltklimakonferenz...


Optionen für den Politikerversand?


Dass sich dies auf der nächsten Weltklimakonferenz ändert, ist eher unwahrscheinlich, findet sie 2024 doch im korrupten und autokratisch regierten Aserbaidschan statt, also erneut einem Erdölstaat. Das mutet an, als solle den Wölfen die Rettung der Lämmer übertragen werden.


Andererseits könnte die Praxis, Übeltäter auf verantwortungsvolle Positionen zu hieven, am besten weit entfernt von ihrem bisherigen Wirkungsfeld oder gar im Widerspruch zur bisherigen Position, Schule machen: Dann dürfte Olaf Scholz nach seinem absehbaren Scheitern als Bundeskanzler die Leitung der Bankenaufsicht übernehmen. Friedrich Merz wäre als Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands sicherlich ein Hingucker, Annalena Baerbock wird zur Äbtissin eines Schweigeklosters geweiht und Christian Lindner gestaltet als neuer Vorsitzender des BUND die Natur endlich autogerecht um.


Zu Nobelpreisen würden verurteilt: Donald Trump (alle möglichen Wissenschaftsdisziplinen) und Wladimir Putin (Frieden) sowie Robert Habeck (Literatur). Die Verpflanzung der auffälligsten Protagonisten müsste nicht zwangsläufig in die arabische Wüste erfolgen, es reicht schon das Land, wo der Pfeffer wächst.


12/2023


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Fußball über Gräbern im Archiv der Rubrik Medien (2021)