Das ewige Übel
Cartoon: Rainer Hachfeld


Noch wissen wir wenig über den Mordanschlag auf den Schriftsteller Salman Rushdie, doch es dürfte nicht voreilig sein anzunehmen, dass er aus religiösen Motiven begangen wurde. In einer von materieller Gier und imperialem Machtanspruch, also von primitivster Sachlichkeit, geprägten modernen Welt erleben wir wieder einmal, dass die alten, überkommenen Kulte immer noch als Brandbeschleuniger funktionieren. Man könnte fast vermuten, sie seien auf dem Vormarsch: in Amerika, Asien und Afrika vor allem.


Erste Sinnstiftung, letzter Aberglaube


Mag sein, dass der Steinzeitmensch, der sich Naturphänomene sowie Umweltkatastrophen nicht erklären und in seinem ständigen Existenzkampf keinen höheren Lebenssinn erkennen konnte, den Glauben an unsichtbare Mächte benötigte, um nicht zu verzweifeln, aber um abstrakt kreativ zu werden. Vielleicht erschuf er deshalb einen Parallel-Kosmos, der von Dämonen und Göttern bevölkert war, denen er menschliche Züge, Gefühle und Eigenschaften zusprach, wie es einst der Philosoph Ludwig Feuerbach beschrieben hatte.


Spätestens seit der Aufklärung und dem Beginn des technischen Fortschritts hätte man die maßgebliche Verantwortung für das weltweite Geschehen und die geschichtlichen Entwicklungen aber als genuin menschliche erkennen müssen. Dennoch halten sich die Religionen, die Sekten und Propheten, die einen mit geringer werdendem Erfolg, die anderen sogar auf originär säkularen Gebieten wie Politik und Staat expandierend.


Ein Opfer der mit immer größerer Brutalität und mit kriminellen Methoden operierenden Zeloten wurde nun Salman Rushdie, der während einer Lesung in den USA von einem offenbar durch geistliche Propaganda angestifteten Täter niedergestochen und lebensgefährlich verletzt wurde. Der in Bombay (heute Mumbai) geborene Schriftsteller hatte 1988 in seinem Roman „Die satanischen Verse“ die  skrupellosen Rankünen des Religionsstifters Mohammed (Pseudonym: Mahound) beschrieben und zugleich den göttlichen Ursprung des Koran in Frage gestellt. Das Buch reichte in der Qualität bei weitem nicht an die genialen „Mitternachtskinder“ heran, die Rushdie sieben Jahre zuvor verfasst hatte. Für Ajatollah Chomeini, Staatschef in Teheran, war jedoch die Blasphemie Anlass genug, die Fatwa zu verkünden, also zur Tötung des Autors aufzurufen und ein Kopfgeld von einer Million Dollar aussetzen zu lassen.


Auch wenn der Iran inzwischen jede Verbindung zu dem Messerstecher leugnet, bleibt doch der Fakt, dass die Hetze gegen Rushdie vom Mullah-Regime in Teheran ausging, das die Fatwa übrigens nie zurückgenommen hat. Andernorts wird die militante Intoleranz Atheisten, missliebigen Wissenschaftlern oder Menschen mit „abweichenden“ Vorstellungen von Sexualität gegenüber meist von Fundamentalisten an den Rändern der großen Glaubensgemeinschaften gepflegt. Im Iran indes handelt es sich um einen schiitischen „Gottesstaat“, in Radikalität und tödlicher Konsequenz der sunnitischen Wahhabiten-Diktatur in Saudi-Arabien ähnlich.


Weltreligionen mit Dreck am Stecken


Religiöser Fanatismus, der den Frieden zwischen Völkern und das Zusammenleben in einer Gesellschaft bedroht (oder wie in Afghanistan unmöglich macht) ist beileibe nicht nur im Islam zu finden. Die christlichen Kirchen haben in der Vergangenheit systemisch Andersdenkende verfolgt, grausame Machthaber unterstützt – und sie tun es zum Teil heute noch.
Als im Jahr 1099 das multinationale, von Papst Urban II. zum „Heiligen Krieg“ entsandte Kreuzfahrerheer Jerusalem erobert, lässt es die gesamte Einwohnerschaft – egal, ob Moslems, Juden oder Christen – über die Klinge springen. Zur religiösen Hysterie gesellte sich die Habgier der frommen Ritter. Nach der Reconquista in Spanien errichtete die „Heilige Inquisition“ ein Terror-Regime, das Andersgläubige einkerkerte, folterte, hinrichtete und so die Gräuel der Gestapo vorwegnahm. Noch im vorigen Jahrhundert verbündete sich dort der hohe Klerus mit Francos Faschisten, und über den klandestinen Laienorden Opus Dei half die Römisch-Katholische Kirche bei der blutigen Stabilisierung der Diktatur kräftig mit. Gegenwärtig segnet der Patriarch der russisch-orthodoxen Fraktion die Waffen für Putins Angriffskrieg.


Auf protestantischer Seite sieht es nicht besser aus: Der erklärte Antisemit Martin Luther forderte seine Mitmenschen dazu auf, jeden aufsässigen Bauern zu erwürgen. Die Puritaner in New England wiederum wussten, nachdem sie den Indigenen das Land geraubt hatten, nichts Besseres, als Hexen zu verbrennen und die Angehörigen der friedliebenden Quäker-Sekte zu verfolgen, sodass letztere laut Nathaniel Hawthorne in die Wälder zu den „Wilden“ flohen, weil sie von denen nicht umgebracht wurden. Fast könnte man mutmaßen, dass die Wurzeln der rechtsradikalen Gemeinschaft von US-Evangelikalen, allesamt Trump-Unterstützer und Evolutionsleugner, in dieser fernen Vergangenheit zu orten sind.


Wer in die vermeintlich gewaltlose Mythologie der polytheistischen Religionen Asiens eintauchen möchte, ist ebenfalls schlecht beraten. Indiens Präsident Modi diskriminiert und schikaniert Moslems und Naturvölker derart konsequent, dass nicht wenige Experten ihm unterstellen, er wolle einen rassistischen Hindu-Faschismus etablieren. Auch der als pazifistisch missverstandene Buddhismus, dessen Mönche in Myanmar zu Massakern an den islamischen Rohingya aufriefen, dessen politische Repräsentanten auf Sri Lanka die Unterdrückung von tamilischen Hindus und Moslems forcierten, bildet leider keine rühmliche Ausnahme.



















Die vier apokalyptischen Reiter? Nein, nur ein katholischer Kreuzzügler-Kardinal, Hindu-Präsident Modi, Schiiten-Ajatollah Khamenei und der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill auf der Jagd nach Ungläubigen. Der Bauernwürger Luther trabt hinterher.


Das Comeback der Fundamentalisten


Glaube und Religionszugehörigkeit sollten jedermanns/frau Privatangelegenheit sein, politische Einflussnahme auf Seiten der Macht und staatliche Alimentierung sakraler Institutionen sprengen allerdings den gesellschaftlichen Konsensrahmen. Es sei nicht verschwiegen, dass von den großen Religionen bisweilen positive Initiativen ausgehen, etwa wenn die Jesuiten in Kolumbien Slums sanieren (und dabei selbst ins Fadenkreuz rechter Paramilitärs oder der Kokainkartelle geraten), wenn sich Bischöfe für die Rechte der Indigenen engagieren – oder wenn der Hindu Gandhi sich für die Unabhängigkeit seines Landes und die Aussöhnung seiner Glaubensbrüder mit den Moslems einsetzte (weswegen er prompt von einem Hindu-Nationalisten ermordet wurde).


Doch derzeit mehren sich die Anzeichen, dass die religiösen Fundamentalisten überall an Boden gewinnen: Der Anschlag auf Salman Rushdie ist nur die Spitze eines aus Kälte gegenüber Andersdenkenden und tödlichem Eifer im Dienste irgendwelcher Götzen-Stellvertreter auf Erden geformten Eisbergs. Im Jemen stehen die Verbündeten der iranischen Theokratie den Söldnern des wohl rigidesten und mächtigsten Gottesstaates auf Erden, Saudi-Arabien, gegenüber. In Somalia, Nigeria und der Sahelzone marodieren islamistische Terrormilizen, die in Al Qaida und dem Islamischen Staat ihre Vorbilder sehen.


In den USA werden die Evangelikalen des Bible-Belts, die fest glauben, die Welt sei vor ziemlich genau 6000 Jahren erschaffen worden, mit ziemlicher Sicherheit die Aufstellung des republikanischen Kandidaten für 2024 und dann möglicherweise die Wahl des nächsten Präsidenten entscheidend beeinflussen. Ihre Einpeitscher, die geistig schlicht gestrickt sind, aber allerhand von digitaler Meinungsmanipulation verstehen, haben bereits in Lateinamerika erfolgreich missioniert: in Guatemala zum Beispiel oder in El Salvador, wo sie Abtreibungsverbote selbst bei Lebensgefahr für die Schwangere und nach Vergewaltigungen durchsetzten, vor allem aber in Brasilien, wo ihr Glaubensbruder Bolsonaro derzeit in Amazonien die „Schöpfung“ zum Vorteil befreundeter Konzernchefs abfackeln lässt.


In Europa driftet derweil Polen in einen extremen Klerikal-Rechtskonservatismus, als Pressure-Group dient  hierfür die reaktionäre katholische Geistlichkeit. Voltaire hätte sich vor 250 Jahren wohl ebenso wenig wie Tucholsky vor 100 und Simone de Beauvoir vor 40 Jahren vorstellen können, welche eminente Rolle die religiöse Restauration im 21. Jahrhundert noch spielen könnte.


Angesichts solcher Szenarien ist man versucht, in kindliche Muster zurückzufallen und inniglich zu seufzen: „Himmel, hilf!“


08/2022


Dazu auch:


Die Christuskrieger im Archiv von Politik und Abgrund (2015)