Die Wandlung der Viper


Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg einer Partei, die ganz offen mit einem rassistischen Menschenbild, einer sozialdarwinistischen Gesellschaftdefinition und einer faschistoiden Geschichtsrevision liebäugelt, ängstigt Politiker, die an diesem Erfolg nicht ganz unschuldig sind, lässt aber auch Nachdenkliche resignieren und allmählich verstummen; schließlich ist zur AfD von allen schon fast alles gesagt worden. Um das Ungeheuerliche in seiner Genese und Konsequenz dennoch (be)greifbar darstellen zu können, wurde hier die Form der Fabel gewählt.


Von Jägern zu Hegern


An die dreizehn Jahre ist es her, dass die gefährliche Viper erstmals im bundesrepublikanischen Garten Eden gesichtet wurde. Sie war damals noch klein, und ihre Stimme klang dünn, aber was sie zu sagen hatte, rührte an die Herzen derer, die eine vage Unzufriedenheit mit den Gärtnern verspürten. Denn sie suchten Schuldige für die eigene Misere und zürnten den Lehrern, die ihnen den Stolz auf ihr Land nahmen, nur weil sich einst ein Vogelschiss der Geschichte von dort weit über die Kontinente ausgebreitet hatte. Die Viper aber versprach, ihnen die nationale Hybris, die sie Patriotismus nannte, zurückzubringen und dafür das ganze schwarze, gelbe, undeutsch sprechende und kriminell veranlagte Pack kurzerhand abzuschieben.


Die Ratsversammlung der Gärtner und ihrer Jäger kam zu dem Schluss, dass die Schlange ein Gift aus braunen Urzeiten versprühe und man sie deshalb bekämpfen müsse – wobei die Hüter weniger die Zusammensetzung der toxischen Substanz fürchteten als vielmehr die Gefahr, durch diese von ihren Posten und Pfründen hinweggerafft zu werden. Ja, einigen von ihnen zischte die Viper fast aus der Seele, doch mochten sie ihre im Proporz erworbenen Privilegien nicht wegen ihrer latenten Sympathien aufs Spiel setzen.


Die Räte wiesen die Jäger an, ein erprobtes Mittel gegen giftiges Gewürm anzuwenden: Man nehme ein paar Tropfen des tödlichen Geifers aus der Schlange hohlem Zahn und bereite ein Serum daraus. Mit dem somit gewonnenen Gegengift gingen die Vipernbändiger höchst verschwenderisch um. Doch in das vermeintliche Heilmittel gerieten Ingredienzien mit Pestizid-Eigenschaft, basierend vor allem auf Hass gegen Ausländer, Queere, Linke, kritische Journalisten, Klimaschützer und Umweltaktivisten. Dennoch wurde es landauf, landab in die Gegend gesprüht. Dies wiederum gefiel der Schlange, musste sie sich doch nicht mehr mühsam Opfer suchen und mit braunen Gedanken infizieren, sondern konnte sich in Ruhe auf die Lauer legen, sich an wohlfeiler Beute sattfressen und auf künftige Triumphe vorbereiten.


So gedieh die Viper prächtig, legte an Länge und Gewicht zu, und dankte insgeheim den Jägern, die mit den Waffen des Reptils das Reptil bekämpfen wollten, dabei aber unversehens zu Hegern geworden waren. Aber auch die Giftschlange selbst stand vor einer entscheidenden Metamorphose.


Genese einer Boa Constrictor


Von all der Bosheit, die der üble Wurm in die Hirne der Menschen injiziert hatte, hielt sich am hartnäckigsten die unfromme Legende, dass die Flüchtlinge, die nach Eden gekommen waren, um ihre Zukunft oder das bloße Leben zu retten, an allen Plagen schuld seien und nur ihre Entfernung die paradiesischen Zustände von einst wiederherstellen könne.

Dass es gerade diese Migranten waren, ohne die eine Existenz mit Pflege, Heilung, Warenüberfluss und neuen Ideen nicht mehr vorstellbar war, dass die Bundesrepublik Eden mit ihrer Außen- und Handelspolitik nicht ganz unschuldig war an dem Hunger und den Kriegen, vor denen so viele flohen, spielte im vom Gift der Schlange gegen Humanität immunisierten Denken der Altbürger keine Rolle. Hatte sich doch auch Kalif Friedrich schon über die dunklen Gestalten auf den idyllischen Plätzen des Landes beschwert.


Sein Wesir Al-Dobrindt, der den unheilvollen Seim der Viper aufgesogen hatte wie weiland die Dichter den Nektar der Götter, goss den gleich dem mittelalterlichem Veitstanz um sich greifenden Fremdenhass in Vorschriften und Regierungsdekrete, um alle Exoten ausweisen zu können. Und störte ihn ein Gericht bei seinem Tun, umging er es einfach. Um die Illegalen, wie er Flüchtlinge gern nannte, allesamt abzuschieben, verhandelte er sogar mit den Taliban-Teufeln. Irgendwo musste die Bagage ja hin – selbst wenn man sie ins ferne Afghanistan, nach Ruanda zum mörderischen Despoten Kagame oder nach Uganda, wo jedes queere Subjekt vogelfrei war, verfrachten würde.


Ein wenig zierten sich die Genossen und die Grünen in der Ratsversammlung, aber ihr Widerspruch war mehr für die Galerie gedacht, hatten sie doch auch schon von dem Gift genascht und – als sie selbst  den Herrscher stellten – ebenfalls die Flüchtlingskonvention tüchtig missachtet. Denn wie Kalif Friedrich dachten sie: Wenn die Leute das Gift der Schlange so sehr mögen, sollen sie auch von uns ein bisschen davon bekommen, auf dass wir dadurch unser Stück Macht behalten können.


Es blieb aber nicht bei einem Bisschen, Schritt für Schritt verwirklichten sie die heimtückischen Vorschläge, welche die Otter den Bürgern Edens ins Ohr geträufelt hatte. Die aber konnte die mühselige Giftproduktion nun weitgehend ihren früheren Jägern überlassen und sich ganz der eigenen Mast widmen. Und so wurde, gut genährt von ihren unfreiwilligen Hegern, aus der kleinen Viper eine mächtige Riesenschlange, eine Boa Constrictor oder meinetwegen eine Anaconda, die das ganze Eden nicht mehr zu vergiften, sondern zu erwürgen drohte.


Kaninchen will ein wenig Schlange sein


Fabeln und Märchen gehen nicht immer gut aus, aber sie haben meist eine einfache Moral, wollen also lehrreich wirken. Da macht unsere kleine Allegorie keine Ausnahme – wenn sie auch vielleicht schon zu spät für die Republik Eden kommt.


Von Anfang an hatten die biederen Sultane und ihre Wesire samt ihrer Parteien auf die liederliche und hässliche kleine Viper gestarrt und nicht begriffen, dass sie so lange von dieser hypnotisiert wurden, bis sie deren Gerede für logisch hielten. Schließlich begannen sie, das Gift selbst anzuwenden und brachten es dabei zu bemerkenswerter Perfektion. Jetzt aber nützt ihnen ihr vorauseilender Gehorsam nichts mehr, denn sie befinden sich in einem tödlichen Würgegriff.


Und die Moral? Das Kaninchen sollte nie versuchen, der Schlange zu trotzen, indem es sie nachahmt. Es geht dann nämlich unvermeidlich unter – und macht sich dazu noch lächerlich.


06/2026


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