Ende der Allmacht


Wie waren die Verhältnisse doch schön geordnet in der Blütezeit des Kolonialismus! Europäische Nationen wie Großbritannien, Belgien, Frankreich oder das Deutsche Reich beuteten Länder, die um oft ein Vielfaches größer waren als sie selbst, nach Herzenslust aus. Später, nach den beiden Weltkriegen, schafften es die „zivilisierten“ Staaten, allen voran die USA, dem „unterentwickelten“ Gros der Erdbevölkerung die Regeln für den Warenaustausch, die politische Ausrichtung und das gebührende Wohlverhalten aufzuzwingen. Doch diese Epoche scheint vorbei, überall regt sich Widerstand gegen die westlichen Globalstrategen, begehren Drittweltländer gegen die Bevormundung auf. Diese Entwicklung führt wohl nicht immer gleich zu besseren Lebensverhältnissen, aber sie dürfte unumkehrbar sei.


Rohstoffe stechen die Produktion aus


Jahrhundertelang lief der internationale Handel so ab: Die europäischen Länder, die am weitesten in der Industrialisierung vorangekommen waren, besorgten sich die für ihre Produktion oder Landwirtschaft notwendigen Materialien, vom Salpeter über die Baumwolle bis zum Kautschuk, mit Gewalt oder durch Übervorteilung, auf jeden Fall aber billig. Die daraus gefertigten Erzeugnisse wiederum erzielten auf dem internationalen Markt ungleich höhere Preise, und so kehrten die Rohstoffe, verarbeitet und grotesk überteuert, in ihre Heimat zurück. In Argentinien etwa kauften die Briten zu Niedrigstpreisen Leder sowie Schaffelle ein und sorgten dafür, dass keine einheimische Textilindustrie entstand. Dann lieferten sie die Fertigwaren gegen stattliche Profite wieder nach Südamerika, so dass im 19. Jahrhundert die berühmte Gaucho-Tracht dort von den Stiefeln über die Gürtelschnalle bis hin zum Poncho vollständig aus den Fabriken in Leicester oder Leeds stammte.


Belgien plünderte eine Privatkolonie seines Königs Leopold II., den Kongo, so gründlich, dass der rabiaten Suche nach Kupfer, Elfenbein und Kautschuk rund zehn Millionen Indigene zum Opfer fielen. Das zweite Deutsche Reich wiederum brachte bei seiner kolonialistischen Landnahme in Südost- und Südwestafrika mindestens 500.000 Menschen um und rottete Völker wie die Hereros und Nama nahezu aus. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Abzug der Türken aus der Region zogen Frankreich und Großbritannien im Nahen Osten neue Grenzlinien, die ihre jeweiligen Einflusssphären markieren sollten, wobei es diesmal ums Öl ging. Währenddessen sorgten die USA durch militärische Interventionen oder verdeckte Operation dafür, dass fast überall in Lateinamerika ihnen genehme Diktaturen installiert wurden.


Die Zeiten ändern sich. Mittlerweile sind die industriellen und digitalen Produktionsmöglichkeiten auf einer Stufe angelangt, die der Hightech-Wirtschaft die schnelle und unkomplizierte Herstellung von fast allem, was man braucht oder wenigstens verkaufen kann, ermöglicht, mit Ausnahme des Futters, das Menschen, Maschinen und Roboter am Laufen hält. Und das findet sich meist nicht in den Stammlanden des Kapitalismus, sondern in (einst) eher peripheren Regionen. Ob es sich um Öl, Erdgas, Uran, Kobalt und Lithium handelt oder auch ganz schlicht um Weizen, Mais oder Reis – die Vorkommen und Ernten in der Ersten Welt reichen weder zur Beibehaltung des Fortschrittstempos, noch zur Ernährung der Erdbevölkerung.


Kein Problem, hätten unsere Wirtschaftslenker und ihre Politiker früher gesagt, die Ressourcen holen wir uns für ein Butterbrot. Doch inzwischen haben sich arabische Staaten, die vor noch nicht langer Zeit als willige „Scheichtümer“ galten, mit anderen Erdölländern zur OPEC zusammengeschlossen, einem mächtigen Kartell, das die Fördermengen nach Gusto festlegt und den Kunden seine Preise diktiert; Bolivien, das Land mit den weltweit größten Vorkommen an dem Leichtmetall Lithium, ohne das die E-Mobilität nicht möglich wäre, nimmt nach einem vergeblichen Putschversuch, der wohl in den USA orchestriert wurde, die Vermarktung wieder selbst in die Hand; Putins Überfall auf die Ukraine wird nicht nur für die Erdgasverknappung in Westeuropa, sondern, durch Wegfall von Weizen- und Maisexporten aus der Ukraine und Russland, auch für eine signifikante Verschlechterung der Welternährungslage sorgen. Überall entziehen sich Regierungen den Handelsdiktaten der USA und der EU und treten so selbstbewusst auf, als hätten sich bestimmte Verhältnisse umgekehrt.

















Oh tempora: Die Zeiten ändern sich - und die Abhängigkeiten mit ihnen!


Schüler übertreffen ihre Lehrmeister


In LEDs, Lasern oder Akkus stecken die Metalle der sogenannten Seltenen Erden. Die größten Vorkommen dieser für mehrere Industrien überlebenswichtigen Rohstoffe beherbergt die Volksrepublik China. Das bevölkerungsreichste Land der Erde musste ab dem 19. Jahrhundert die bittere Erfahrung machen, dass die westlichen Mächte seiner einheimischen Wirtschaft und einer souveränen Handelspolitik keine Luft zum Atmen ließen, wenn sie die eigenen Profitquellen durch nationale Maßnahmen gefährdet sahen. So zwangen die Briten das chinesische Kaiserreich im Opiumkrieg, das Verbot des Rauschgifts, an dessen Verbreitung sie verdienten, rückgängig zu machen. Später wüteten deutsche Soldaten und US-Marines während des Boxeraufstands in Peking wie Barbaren, um jeden Protest gegen die imperialistische Dominanz der Weißen im Blut zu ersticken.


China benötigt inzwischen zu Ausbeutung, Verarbeitung und Vertrieb seiner Bodenschätze kein westliches Know-how mehr. Wie zuvor Japan hat es sich von den einstigen Lehrmeistern vieles abgeschaut (hinsichtlich brutaler Produktionsmethoden vielleicht sogar zu viel) und sie dann in etlichen Technologiesparten überholt. Mittlerweile werden zahllose Patente von der Volksrepublik angemeldet. Den Ökonomie-Dominatoren der Ersten Welt entgleiten langsam ihre Objekte der Ausbeutung.


Die wachsende Bedeutung vor allem Chinas in der internationalen Wertschöpfung belegen Statistiken, denen zufolge der Anteil des Landes am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit der Jahrhundertwende um 3 Prozent auf 17 Prozent stieg, während die Beiträge der gesamten EU und der USA im gleichen Zeitraum von knapp 26 auf 18 Prozent bzw. von 31 auf 25 Prozent schrumpften. Kein Wunder, dass sich (bisweilen ohne Rücksicht auf ökologische oder kulturelle Verluste) aufstrebende Staaten der Dritten Welt nicht länger von den bröckelnden Industriegesellschaften der ersten Stunde gängeln lassen wollen.


Bemühungen von Entwicklungs- und Schwellenländern, sich aus der Abhängigkeit von den Machtzentren zu befreien, hatte es schon früher gegeben, sogar in konzertierter Form. So gründeten während des Kalten Krieges die Präsidenten von Indien, Indonesien, Jugoslawien, Ägypten und Ghana die „Bewegung der Blockfreien Staaten“, die eine Emanzipation jenseits der beiden damals dominierenden Militärallianzen anstrebten. Dass der Versuch eines dritten Weges scheiterte, war zu einem Teil den divergierenden Partikularinteressen der Mitgliedsländer, zum andern der erfolgreichen Einflussnahme der NATO und des Warschauer Paktes geschuldet.


„Regime Change“ funktioniert nicht mehr


Zu dieser Zeit war es noch leicht für den Westen, das Regime des linken Nationalisten Sukarno in einem blutigen Putsch durch eine mörderische Militärjunta zu ersetzen, in Ägypten die korrupten Nachfolger von Gamal Abdel Nasser auf seine Seite zu ziehen und in Afrika oder Lateinamerika genehme Despoten an die Macht zu bringen. Bereits der Vietnamkrieg markierte einen Wendepunkt, und spätestens nach den Interventionen in Afghanistan mussten sowohl der kollabierende Warschauer Pakt als auch wenig später die NATO erfahren, dass sich „Regime Changes“ mithilfe militärischer Gewalt kaum mehr durchsetzen lassen. Putin dürfte ebenfalls nicht unbeschadet aus „seinem“ Überfall auf die Ukraine hervorgehen.


Inzwischen lassen sich auch viele Menschen in den ärmeren Ländern nicht mehr vom Glamour des „American Way of Life“ blenden oder von Medienkampagnen, die in den USA erdacht wurden, manipulieren, wie die Wahlsiege von linken Kandidaten in Honduras, Chile, Bolivien oder Peru belegen. In Afrika – wie eigentlich fast überall in der Dritten Welt – gewinnt die VR China gegenüber den Europäern an Boden (und das ist angesichts von Pekings Bedarf an fruchtbarem Land durchaus wörtlich zu nehmen), gleichzeitig positionieren sich Schwergewichte wie Indien und Südafrika zunehmend konträr zu den einstigen „Gönnern“.


Nun ist diese Abkoppelung vom Diktat der westlichen Bündnisse nicht als koordinierter oder sogar solidarischer Aufbruch in eine ökologisch verträglichere und sozial gerechtere Zukunft zu verstehen, die Interessen sind zu verschieden, die politischen Intentionen ebenso. Die arabischen OPEC-Staaten als arrogante Ressourcen-Kontrolleure haben unterschiedliche Motive für ihre Widerspenstigkeit als etwa Indien, dessen hindufaschistischer Präsident Modi eine militärische und politische Großmachtrolle für sein Land anstrebt. Linke in Chile oder Mexiko haben ganz andere gesellschaftliche Vorstellungen als die Mullahs im Iran. Eine gemeinsame Vision wie bei den „Blockfreien“ existiert nicht, einig sind sie sich nur im Ungehorsam gegenüber den früheren Taktgebern.


Selbst der Ukraine-Krieg zeigt, dass der Westen seine früher als oft gottgleich empfundene Autorität, die Unterscheidung des Guten vom Bösen vorzunehmen, verloren hat, nur wird das in unseren Medien kaum thematisiert: Als in der UN-Vollversammlung auf Betreiben der NATO- und EU-Staaten Russlands Einmarsch in sein Nachbarland Thema war, verurteilte die große Mehrheit der 193 Mitgliedsstaaten die Aggression. Die deutschen Medien berichteten ausführlich darüber. Dass aber lediglich 48 Länder der vor allem von den USA lancierten Forderung nach umfassenden Sanktionen gegen Moskau nachkamen, wurde hierzulande eher peinlich berührt verschwiegen.


Ein wenig moralische Entrüstung für die Galerie war obligatorisch, doch für die arabischen Ölprinzen kam es ebenso wenig in Frage, ihre guten Wirtschaftsbeziehungen zum Aggressor aufs Spiel zu setzen, wie für Israel, die lateinamerikanischen Staaten, Schwellenländer wie Indien, Indonesien, Südafrika und natürlich China. Die Mehrheit der UN-Mitglieder wollte sich ihr Verhalten wohl auch nicht mehr von Akteuren vorschreiben lassen, deren frühere Übergriffe nie sanktioniert worden waren…


05/2022


Dazu auch:


Völkermord als Test (2018), FREIHEIT und DEMOCRACY und Die Herren des Landes (beides 2014) im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund