Exportschlager Bahn
Cartoon: Rainer Hachfeld


Um ein uraltes Kulturvolk nicht zu beleidigen, versagen wir uns angesichts einer aktuellen Wirtschaftsnachricht die eigentlich gebotene Abwandlung eines aus gallischen Comics stammenden Kommentars: Die spinnen, die Ägypter! In Kairo  hat die Regierung nämlich den Auftrag vergeben, 15 Jahre lang das künftige Hochgeschwindigkeitsnetz der Staatsbahn auf 2000 km Schienenlänge zu betreiben. Und der glückliche Gewinner ist – bundesrepublikanische Zugreisende werden sich ungläubig an die Stirn fassen – die Deutsche Bahn AG (DB).


Die Siemens-Regimespezis sind schon da


Die DB muss sich nicht allein fühlen in der nordafrikanischen Wüste. Siemens, ein Konzern, der in der Vergangenheit beste Erfahrungen mit lateinamerikanischen Diktatoren und Putschisten gemacht hat, ist schon vor Ort. Für das deutsche Aushängeschild in Sachen Anlagenbau traf es sich ausgezeichnet, dass nach der 2011 durch den Arabischen Frühling inspirierten Revolution vorwiegend junger Menschen und einem kurzen, aber durch Urnengang legitimierten Intermezzo der Moslembrüder der General as-Sisi sich gewaltsam die Macht aneignete, die Medien gleichschaltete, Hunderte von Oppositionellen hinrichten und Abertausende in Gefängnissen verschwinden ließ. In solcher Grabesstille lässt es sich trefflich bauen und Geld verdienen.


Und Siemens nahm die Vorlage dankend an, zumal am Nil die jeweiligen Bundesregierungen den potenten Wirtschaftspartnern in Uniform ihre obligatorische (und folgenlose) Menschenrechtslitanei weitgehend ersparten – auch im Interesse der Rüstungsindustrie, die schließlich Waffen an das Regime in Kairo verkauft, das seit geraumer Zeit einen Vernichtungskrieg im Jemen führt. Die Siemensianer (wie sich die Identitären des Unternehmens stolz nennen), hatten bereits 2015 mit der Errichtung von Gas- und Dampfturbinenkraftwerke sowie von Windkraftanlagen einen Umsatz von acht Milliarden Euro erzielt, diesmal geht es beim Bau von Gleiskörpern und acht Bahnhöfen, der Lieferung von 135 Zügen und zusätzlich 41 Speziallokomotiven noch um ein paar Millionen mehr, schlicht: um den größten Auftrag der Firmengeschichte.


Der Münchner Konzern funktioniert in der Regel und liefert – falls die DB nicht in die Planung eingreifen darf – womöglich auch diesmal nach Begehr. Doch nach Fertigstellung übernimmt die Bundesbahn, und ganz Deutschland fragt sich, was die Ägypter bei deren Beauftragung wohl geritten haben mag.


















Wüsste der arme Militärdiktator as-Sisi nur, welch tölpelhafte Viper ihm da an den Busen kriecht...


Kairo 2050 oder erst 2100?


Wir können nur vermuten, dass bislang sehr wenige Menschen aus der drittgrößten Volkswirtschaft Afrikas (und schon gar keine Entscheidungsträger) in den Genuss einer längeren Bahnreise mit der DB gekommen sind. So haben sie nicht miterlebt, dass die Züge unpünktlich sind, weil es im Winter zu kalt ist, im Herbst hingegen das glitschige Laub auf den Schienen für Verzögerungen sorgt (soweit noch kein Problem für das subtropische Ägypten), dass im Sommer sich die Stränge oder Weichen in der Hitze verbiegen, dass ganzjährig Verbindungen wegen Stellwerkschadens völlig ausfallen, weil die Gleiskörper, oft auch die Waggons, manchmal auch beide nicht gewartet wurden, weil es an Personal fehlt, weil entscheidende Reparaturen kostengünstig an Dilettanten outgesourct wurden und weil ungezählte andere Gründe mehr existieren.


Was internationale Strecken angeht, lässt die DB im Osten der Bundesrepublik noch immer Diesel-Dreckschleudern über die Bahndämme keuchen, weil sie die Elektrifizierung verschlafen hat, die erst ab der tschechischen oder polnischen Grenze beginnt. Und das derzeit größte Baudesaster in der BRD, Stuttgart 21, macht Angst für den Fall, dass der Bahnkonzern plant, im Niltal einen unterirdischen Knotenpunkt zu errichten, durch den sich die Fahrtdauer von Kairo über Paris nach Ulm um 20 Minuten verkürzt. Zeitpunkt der Fertigstellung? Unabsehbar. Endkosten? Die Summen des Voranschlags quadriert. Dieses Pannenunternehmen mit abgehalfterten, aber hochdotierten Politikern im Vorstand kann wohl kaum als Exportschlager für aufstrebende Schwellenländer gelten, die deutsche Pünktlichkeit und Qualitätsarbeit einkaufen wollen. Sollte man meinen.


Was aber sind dann die Gründe, ein selbst in seinem Herkunftsland übel beleumundetes Unternehmen mit der Durchführung eines zukunftsweisenden Vorhabens von enormer Tragweite zu betrauen? Möglicherweise setzen Kunden wie Ägypten, Indien oder Kanada auf die DB-Tochter Schenker, die das internationale Geschäft betreibt und Gewinne erzielt, während zu Hause die Steuerzahler die einheimischen Flops finanzieren. Die Infrastruktur der Bahn in Deutschland verrottet, Know-how und Expertise steckt der klamme und gleichzeitig geldgierige halbstaatliche Konzern offenbar lieber in ferne Quellen, die reich sprudeln sollen. Der Bundesrechnungshof formulierte diese Erkenntnis im März 2022 so: „Die Deutsche Bahn hat ihr Kerngeschäft der Eisenbahn in Deutschland zunehmend aus den Augen verloren.“


Oder hat bei der Vergabe des Auftrags die an einen gemächlicheren Orient erinnernde Bakschisch-Mentalität der ägyptischen Armee gespielt, die an allen Großprojekten als stille Teilhaberin mitwirkt? Da wäre dann Partner Siemens ein routinierter Ratgeber der DB gewesen, hat sich dieser Konzern doch schon häufig die Gewogenheit von Militärregimes durch opulente Gefälligkeiten gesichert.


Dennoch würde das lukrative Fremdgehen der DB in Ägypten und anderswo wohl kaum so reibungslos vonstattengehen, hätte nicht ein begabter Klinkenputzer in höchster Funktion allerorten bereits die Türen geöffnet…


Handlungsreisender der Nation


Olaf Scholz hatte früh das ärmliche, vage nach Sozialismus muffelnde  Mäntelchen aus Juso-Tagen abgelegt und das repräsentative Gewand eines Botschafters des hanseatischen Handels- und Geldadels angelegt. Als Bundesfinanzminister wollte er dann die gesamtdeutsche Wirtschaft beglücken, auch die im Schatten. So legte er gemeinsam mit Kanzlerin Merkel bei einem Besuch in Peking der chinesischen Staatsführung den aufstrebenden Wirecard-Konzern dringlich ans Herz, noch ganz kurz vor dessen Implosion. Zudem war er erklärter Fan der Erdgas-Sackgasse Nord Stream 2. Auch als Bundeskanzler mischte er sich als entschlossene Krämerseele in strittige Geschäfte um den Hamburger Hafen ein und sah sich zuallererst als Haustürvertreter der Nation.


Ob China, Indonesien oder Vietnam – stets umgibt sich der Kanzler auf seinen Verkaufstourneen durch die Welt mit den Granden der BRD-Wirtschaft, während allenfalls ein paar Menschenrechtler oder Umweltschützer auf den billigen Plätzen mitfliegen dürfen. Es geht schließlich um Aufträge für deutsche Konzerne, nicht um den Hunger oder die Ungerechtigkeit auf Erden, wie einige skrupulöse Einfaltspinsel immer noch glauben. Als Scholz den Delegierten auf der Weltklimakonferenz in Scharm El-Scheich haarsträubenden Blödsinn über Deutschlands angebliche Erfolge beim Abschied von den fossilen Energieträgern erzählte, weilten seine Gedanken vermutlich ganz woanders: Bereits im Juli hatte er in Berlin den befreundeten Militärdiktator as-Sisi empfangen. Dort wurde wohl der Milliardendeal der DB mit dem ägyptischen Staat festgeklopft, am Rande der Umweltkonferenz verkündeten die Partner ihn jetzt.


Wollen wir nicht hoffen, dass des Bundeskanzlers strahlendes Opportunisten-Image Eintrübungen abbekommt, weil die tumbe DB-Führungsriege stümpert wie daheim, das Mammutprojekt in den ägyptischen Wüstensand setzt und so den stets vollmundig verkündeten deutschen Qualitätsanspruch dem globalen Spott aussetzt.


11/2022


Dazu auch:


Railway to Hell (2022), Stuttgart 25 plus (2021) und Honorige Komplizen (2020) in der Rubrik Politik und Abgrund