Her mit den Migranten!

Cartoon: Rainer Hachfeld


Jens Spahn, Gesundheitsminister und Hyperaktivist der Großen Koalition, reist nach Mexiko, um dort Pflegekräfte anzuwerben, im Kosovo war er zum selben Behuf auch schon. Da kümmert sich einer angesichts der prekären Situation von Alten und Hilfsbedürftigen, könnte man meinen, und das implizieren auch die kenntnisfernen Berichte der Medien. Dieser Notplan ist jedoch aus mehreren Gründen fragwürdig, und der neue CDU-Star unterdrückt dabei aus Gründen der aktuellen Opportunität eigene Aversionen gegen Immigranten.


Erst die Rohstoffe, dann das Know-how


Als er letztes Jahr im Rennen um den CDU-Vorsitz gegen AKK antrat, gab sich Jens Spahn dynamisch, unkonventionell und vor allem strikt rechts. Sein Pech war, dass mit Friedrich Merz ein weiterer Vertreter des wirtschaftsliberalen Unionsflügels kandidierte und ihn bald abhängte. Als aktionistischer Gesundheitsminister will Spahn nun u. a. die Deutschen zu einem Volk von Organspendern machen, und für die Krankenhäuser plant er neue Personalvorgaben. Da hierfür aber die Pflegekräfte fehlen, begibt er sich ins Ausland, bevorzugt in unterentwickelte Länder, um Fachkräfte anzuwerben.


Um sich deutlich von der Kanzlerin abzusetzen, hatte Spahn während seiner Bewerbung um den CDU-Chefposten deren Flüchtlingspolitik scharf kritisiert und die Grenzen für Asylbewerber dicht machen wollen, nun schleust er selbst Menschen von den Philippinen, wo seine Staatssekretärin Sabine Weiss im August die Werbetrommel rührte, oder aus Mexiko, das infolge des Drogenkrieges vom Schwellenstaat wieder zur krisengebeutelten Drittwelt-Nation herabgesunken ist, nach Deutschland, als wolle er hiesige Probleme mit internationalistischem Ansatz lösen. Diese wenig glaubwürdige Wandlung vom Chauvi-Saulus zum Willkomen-Paulus entging der Presse, die sein neuestes Vorhaben weitgehend unkommentiert kolportierte.


Eine gut ausgebildete Fachkraft hat natürlich das Recht, das eigene Land zu verlassen, wenn dort die Lebensumstände und Arbeitsbedingungen miserabel sind, und ihre Arbeitskraft anderswo anzubieten. Was dem Individuum erlaubt sein muss, darf aber von den Staaten der Ersten Welt nicht planmäßig zur Behebung eigener Defizite ausgenutzt werden: Der Ingenieur aus dem südindischen Kerala hat auf Staatskosten studiert, um die Infrastruktur des eigenen Landes zu verbessern, nicht um Brücken in Qatar zu bauen. Der vietnamesische Programmierer sollte das EDV-Niveau seiner Heimat heben, statt Windows zu höheren Profiten zu verhelfen.


Auch Altenpfleger oder Krankenschwestern hinterlassen fatale Lücken, wenn sie ein armes Land verlassen. Auch in der Dritten Welt werden die Menschen mittlerweile älter, und vor allem in den Slums zerfallen die einst absichernden Familienstrukturen. Das Gesundheitswesen ist dort weit bedürftiger als unseres.

In semi- und postkolonialistischen Zeiten schnappten sich die Industriestaaten die Bodenschätze und Feldfrüchte der Dritten Welt und überschwemmten diese mit überteuerten Fertigprodukten. In unserer Ära des Freihandelsimperialismus lockt die Erste Welt zusätzlich die Ausgebildeten und damit das Fachwissen aus armen Ländern fort, und diesen bleiben allenfalls die Scherflein, die Ausgebildete nach Hause senden. Entwicklung ist so in einem unterentwickelten Land nicht möglich.


Versäumnisse der Vergangenheit


Dass es hierzulande zu wenige Pflegekräfte gibt, ist nicht ursächlich die Schuld von Jens Spahn, wohl aber die seiner politischen Ziehväter. Niedriges Einkommen und Arbeitsüberlastung haben den Beruf selbst für die unattraktiv gemacht, die die dazu nötige Empathie und Geduld aufbringen. Für die auf Rationalisierung und Profit orientierte professionelle Versorgung kranker und alter Menschen zählen die professionellen Helfer und Begleiter in den verschiedenen Stadien der Hilfsbedürftigkeit lediglich als Kostenfaktoren, nicht aber als Gewährleister eines Mindestmaßes an Menschenwürde.


Am stationär behandelten Kranken lässt sich durch Operation, Medikation, Therapie oder Unterkunft schnelles Geld verdienen, eine gute Pflege wirft kurzfristig nichts ab. Unser System heizt die Konkurrenz zwischen Kliniken einerseits und Heimen andererseits an, zwingt diese zu Einsparungen, Arbeitsverdichtungen und einer Mechanisierung der Abläufe. Die Qualität der Pflege und der menschliche Umgang mit Patienten oder alten Menschen können da nur vernachlässigbare Nebenaspekte sein.


Es ist notwendig, dass Ver.di mit den Betreibern aller Gesundheitseinrichtungen flächendeckende Tarife aushandeln will, auch wenn etliche der Privatbetriebe nicht im Arbeitgeberverband organisiert sind und sich gegen gerechtere (höhere) Löhne wehren. Aber was das Entgeltniveau und die Arbeitsbedingungen betrifft, sind nicht Jahre, sondern Jahrzehnte aufzuholen. Und so werden weiter PflegerInnen fehlen, während immer mehr Menschen immer länger leben und die Zahl der Pflegebedürftigen schon aus diesem Grund enorm steigt. Also will der sich in der Flüchtlingsfrage xenophob gebärdende Spahn jetzt die Grenzen für bestimmte Wirtschaftsmigranten ganz schnell öffnen. Eine andere Möglichkeit, die deutlich wie der Balken im eigenen Auge hervorsticht, übersieht der umtriebige Minister dabei geflissentlich.



















Warum denn in die Ferne schweifen…


Unter den Asylbewerbern, die seit langem auf ihr Anerkennungsverfahren warten oder vom BAMF bereits abgelehnt wurden, aber dagegen klagen bzw. einstweilen geduldet werden, befinden sich viele, die über Erfahrungen in der Kranken- und Altenpflege verfügen oder eine einschlägige Ausbildung machen würden. Mithilfe von Flüchtlingsorganisationen lernen etliche (halblegal) an Fachschulen und zeigen sich sehr motiviert. Sie kommen ohnehin aus Ländern, in denen hohes Alter nicht unbedingt wie hier vorrangig als Belastung für die Sozialsysteme gesehen wird.


Wenn man in einem Seniorenheim erlebt hat, wie gern die alten Menschen sich von afrikanischen Pflegekräften umsorgen lassen, wie sehr sie deren Freundlichkeit und Gelassenheit schätzen, könnte zu dem Schluss kommen, in den letzten Lebensjahren schwände der in Deutschland latent vorhandene Rassismus dahin.


Doch die wenigsten Migranten bekommen eine Chance, da ist schon Spahns Kabinettskollege Seehofer vor, der abschieben will, wohin auch immer, Hauptsache schnell. Und bei Unbescholtenen ohne gültige Papiere lässt sich dafür immer noch der „Tatbestand“ der fehlenden Mitwirkung an der Klärung der Identität konstruieren. 


In der Flüchtlingsarbeit unterrichtete ich einen jungen Äthiopier, der eine Altenpflegeschule besuchte. Tagsüber lernte er wie ein Besessener und verbesserte sein Deutsch, nachts konnte er aus Angst vor der Abschiebung nur schlecht schlafen. Dann erschien er nicht mehr, seine Befürchtungen waren wahr geworden. Auch deshalb fliegt Jens Spahn jetzt nach Mexiko.


09/2019


Dazu auch:

Armutsexperten im Archiv der Rubrik Medien (2018)