Hochsaison für Heuchler
Cartoon: Rainer Hachfeld


Nirgends wird so beredt geschwindelt, Gefühl vorgetäuscht und Anteilnahme geheuchelt wie auf Beerdigungen. Schon im Vorfeld heben alle möglichen Bekannten und Gesprächspartner die Verdienste von verstorbenen Prominenten in den Himmel, auch wenn sie diesen das kühle Grab gönnen und sie in die Hölle wünschen. Vor wenigen Tagen ließen sich solche Stereotypien wieder einmal trefflich beobachten, als kurz hintereinander Hans-Christian Ströbele und Michail Gorbatschow das Zeitliche segneten.


Der letzte Grüne mit Gedächtnis


Es mag an der grünen Basis noch alte Kämpen geben, die den Tod Ströbeles ehrlich bedauern, nicht nur menschlich, sondern auch aus politischen Gründen, war der Berliner Rechtsanwalt doch der Letzte in seiner Partei, der ihre ursprünglichen Inhalte und Anliegen noch bis zum Ende hochhielt. Den Alphatieren seiner Öko-Fraktion im Bundestag war er stets lästig gewesen, löckte er doch hartnäckig gegen den sich immer mehr neoliberal zuspitzenden Stachel der Kollegen.


Der unkonventionelle Linke hatte einst die „Übernahme“ der DDR-Wirtschaft durch die BRD als „größte Landnahme der deutschen Industrie seit den Kolonialkriegen, sieht man mal von der Nazi-Zeit ab“ bezeichnet. Nachdem Ströbele 1998 in den Bundestag eingezogen war, kritisierte er die völkerrechtswidrige Bombardierung Serbiens durch die Bundeswehr, die sein Parteifreund Joschka Fischer mit verantwortet hatte, und distanzierte sich von der unsozialen Hartz-IV-Einführung. Das Grünen-Imperium schlug zurück, und Ströbele verlor seinen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl 2002. Daraufhin trat der renitente Sponti als scheinbar aussichtsloser Direktkandidat für den Wahlkreis Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg an, errang das Mandat und verteidigte es noch dreimal, ehe er 2017 seine Parlamentskarriere beendete.


Während sich andere, vermeintlich linke, Prominente der Öko-Partei, etwa Jürgen Trittin, von machtaffinen internationalen Think Tanks wie der Atlantik-Brücke oder der Bilderberg-Konferenz vereinnahmen ließen, blieb Ströbele ein standhafter Kritiker der deutschen Sozial- und Militärpolitik und ein unerbittlicher Aufklärer in zahllosen Untersuchungsausschüssen. Er besuchte den Whistleblower Edward Snowden in Moskau und unterstützte Julian Assange, dessen inhumane Behandlung für die zur Ministerin gereifte Frau Baerbock plötzlich kein Thema mehr war. Zuletzt wandte sich der streitbare Jurist gegen das Bekenntnis der Grünenspitze zu uneingeschränkten Waffenlieferungen in die Ukraine.


Nun mussten also die führenden Öko-Profis ein paar Krokodilstränen verdrücken und salbungsvolle Worte über den Mann absondern, den sie doch im Bundestag gar nicht haben wollten, obwohl er ihnen als Mitgründer der taz ein publizistisches Forum geschaffen hatte. Ein Freud’scher Versprecher unterlief dabei dem Bundesvorsitzenden der Grünen, Omis Nouripour, der Ströbele als „Ikone des Kampfes für Demokratie und Frieden“ bezeichnete. Was macht man mit einem verstaubten Götzenbild der Orthodoxie, wenn man selbst längst nicht mehr für eine soziale Umgestaltung oder pazifistische Ziele kämpfen will? Man stellt es in die Rumpelkammer (was in diesem Fall ebenso wie die Metapher misslang). Vizekanzler Robert Habeck, der gerade „versehentlich“ Krisengewinnlern in der Energiebranche Extraprofite bescheren wollte, nannte den „Parteifreund“ einen Politiker, „der vielen Menschen imponiert hat - mir auch - wegen seiner Geradlinigkeit, seinem unverrücklichen Einsatz für Bürgerrechte, für soziale Politik".


Da sich aber die maßgeblichen Kräfte der Grünen eben nicht „unverrücklich“ für sozialen Wandel und Bürgerrechte einsetzen, kann man die Partei nach dem Tod des letzten Aufrechten, der sich noch an den Aufbruch vor über vierzig Jahren erinnern konnte, getrost vergessen.


Die Trauer der Lügner


Die historische Bedeutung des Michail Gorbatschow ist sicherlich immens, dennoch fällt die Beurteilung zwiespältig aus: Als er ein verknöchertes bürokratisches, teilweise inhumanes System, das eher staatsdirigistisch als sozialistisch zu nennen war, reformieren wollte, beseitigte er es stattdessen, doch schaffte er es nicht, eine gerechtere gesellschaftliche Utopie zu entwickeln und wenigstens ansatzweise durchzusetzen. Er brachte der Welt einen Augenblick des Aufatmens, der militärischen Deeskalation, doch ließ er sich sowohl von den chauvinistischen Kräften im eigenen Land als auch von den Versprechungen der NATO, die Selbstbescheidung vorgab, aber Expansion plante, täuschen.


Was als Perestroika begann, ist mittlerweile zur auf Oligarchie, Religion und Nationalismus setzenden Autokratie Putins verkommen. Doch auch der jetzige Herr im Kreml, der noch unlängst Gorbatschow als Totengräber Großrusslands diffamierte, hat in einem seltenen Anfall von Pietät angesichts des Ablebens seines Vorgängers offenbar Kreide eingenommen. Der habe ein tiefes Verständnis für die Notwendigkeit von Reformen gezeigt und versucht, eigene Lösungen für drängende Probleme der Zeit zu finden. Klingt wie die Floskel „Hat sich stets nach Kräften bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden“ (war aber heillos überfordert) in einem miserablen Arbeitszeugnis. Immerhin trieb Putin, der seine Form des rigiden Staatskapitalismus als „Lösung“ gefunden hat, die Hypokrisie nicht so weit, am offenen Grab zu erscheinen und hemmungslos zu schluchzen.


Kaum an Scheinheiligkeit zu übertreffen ist wieder einmal der deutsche Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, der über Gorbatschow psalmodierte: „Deutschland bleibt ihm verbunden, in Dankbarkeit für seinen entscheidenden Beitrag zur deutschen Einheit, in Respekt für seinen Mut zur demokratischen Öffnung und zum Brückenschlag zwischen Ost und West, und in Erinnerung an seine große Vision von einem gemeinsamen und friedlichen Haus Europa." Nachdem die BRD-Regierungen ihre Dankbarkeit sattsam durch aktive Teilnahme an der militärischen Umzinglung der Russischen Föderation bewiesen und damit Putins Chauvinismus Vorschub geleistet haben, säuselt nun der deutsche Häuptling dem betrogenen Verstorbenen hinterher. Der verbitterte Gorbatschow hatte für die Brückenzerstörer im Westen zuletzt nur noch eine Bezeichnung übrig: „Lügner!“


Gäbe es ein  kurzes Leben nach dem Tod - Michail Gorbatschow würde  den  Lobrednern seine Dankbarkeit erweisen.



Rotation in Gräbern


Die Verbreitung von Unwahrheiten, Euphemismen und Geschichtsklitterungen gehört zum politischen Handwerk, so wie Beschönigung, Bigotterie und – heimlich – üble Nachrede zu den Gepflogenheiten bei der Beisetzung auf dem Dorffriedhof zählen. Was aber die Verklärung ihres ungeliebten Parteifreundes durch die grünen Granden, die Steinmeier’schen Halbwahrheiten und Putins vergiftetes Lob für Gorbatschow so penetrant und unerträglich macht, ist die mediale Verbreitung, der man nicht entkommen kann.


Die verstorbenen Opfer können sich ohnehin nicht gegen verlogene Darstellungen ihres Wirkens und ihrer Person wehren. Sie würden sich allenfalls im Grab umdrehen, gäbe es so etwas wie ein Leben nach dem Tod. Ohne Widerspruch und bei entsprechender Präsenz in Presse und Internet verwandelt sich aber der Nachruf-Schwulst in „gefühlte“ Realität.


Man denkt unwillkürlich an den impressionistischen Maler Max Liebermann, dessen Ausspruch zum Fackelzug der Nazis 1933 oft fälschlicherweise Kurt Tucholsky zugeschrieben wird, auch wenn die rhetorische Störung der Totenruhe ein vergleichsweise belangloser Anlass ist: "Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte."


09/2022


Dazu auch:


Grünes Atomfaible im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2021)