Putins „Erfolge“ 

Cartoons: Rainer Hachfeld


Ungeachtet der traurigen Tatsachen, dass der Krieg gegen die Ukraine immenses Leid über die Zivilbevölkerung gebracht und tausendfach Tod sowie die Flucht von Millionen verursacht hat, zeitigt Putins Überfall für seine russischen Landsleute, die Dritte Welt und auch die Politik hierzulande künftige Konsequenzen, deren Ausmaß noch gar nicht abzusehen ist.


Was wurde erreicht?


Über militärische Erfolge beider Seiten, strategische „Schachzüge“ oder russische Kriegsziele soll hier nicht spekuliert werden – das überlassen wir den Medien, von ARD bis FAZ, deren Korrespondenten und Militärexperten zwar meist fernab von der Front sitzen, aber dennoch pausenlos, vorwiegend auf ukrainische Meldungen vertrauend, das Geschehen so nüchtern kommentieren wie Ultras ein Bundesligaspiel. Mit aller Vorsicht können wir nur vermuten, dass die Invasoren etliche Zivilisten getötet haben, wobei weniger die Propaganda aus Kiew, als vielmehr Putins Taktik der verbrannten Erde in Syrien und der Einsatz der Gruppe Wagner, einer brutalen Söldnertruppe in der Ostukraine, hierfür mögliche Indizien hierfür sind.


Und wir wissen, dass die russische Armee bereits viele Soldaten in der „Spezialoperation“ (offizielle Moskauer Bezeichnung für den Überfall) verloren hat. Unverdächtiger Zeuge ist der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, der nicht nur vage von einer „großen Tragödie“ sprach, sondern in einem Interview mit dem Sender SKY auch „erhebliche Verluste“ der eigenen Truppen beklagte.


Und doch hat Wladimir Putin mit dem von ihm befohlenen Angriffskrieg mehr Wirkung erzielt als jeder andere Staatsmann seit einigen Jahrzehnten, und zwar fernab der Schlachtfelder und mit globalen Folgen. Von positiven Effekten, sowohl für seine mehrheitlich zu großrussischen Chauvinisten mutierten Landsleute als auch für den Rest der Welt, kann jedoch keine Rede sein.


Nicht ohne Grund hatte Putin all die Jahre die aggressive Expansionspolitik der NATO in Osteuropa angeprangert, durch die sein Land von Raketenringen und konventionell hochgerüsteten Nachbarn quasi umzingelt wurde. Doch ging von dieser Drohkulisse bislang keine unmittelbare Kriegsgefahr aus, die Lunte zündete der Kreml-Chef höchstselbst, wahrscheinlich auch in der anmaßenden Hoffnung, das zerfallene Russische Reich zu restaurieren.


Was er erreichte, konterkariert allerdings seine Intentionen und, schlimmer noch, macht die Erde zu einem noch gefährlicheren Ort als sie es ohnehin schon war. Frieden, ökologischer Umbau, gerechte Verteilung der Ressourcen und effektive Hungerbekämpfung scheinen in weite Ferne gerückt.


Optionen ins Gegenteil verkehrt


Putin wollte die zugegebenermaßen arrogante Osterweiterung der NATO stoppen, hat es mit seinem Einmarsch in die Ukraine aber geschafft, dass zwei zumindest formal neutrale Pufferstaaten im hohen Norden, Schweden und Finnland, nun den Beitritt zum westlichen Bündnis erwägen. Damit hätte Russland in Karelien die nächste direkte Grenze mit der NATO, und man darf vermuten, dass Helsinki bald in die Hochrüstung gegen das – wer könnte es jetzt bestreiten? – kriegslüsterne Moskauer Regime einsteigt.


Offenbar schätzten Putin und seine Berater (so er denn auf sie hört) die Stimmungslage in dem Land, das sie teilen oder okkupieren wollten, falsch ein. Die mehrheitlich Russisch sprechende Bevölkerung in ostukrainischen Städten wie Charkiw empfing die Invasionssoldaten keineswegs mit Blumen, sah nicht „Befreier“ in ihnen, sondern Feinde, vor denen sie floh oder gegen die sie sich wehrte. Gleichzeitig widerfuhr der in Kiew herrschenden Politikerkaste, die vorher wegen ihrer Abhängigkeit von unterschiedlichen Oligarchen geschmäht worden war, eine internationale Glorifizierung. Die ziemlich willkürlich agierenden Regierungen waren auch von der EU der Korruption bezichtigt worden, weshalb Brüssel den Beitritt der Ukraine stets abgelehnt hatte. Jetzt gelten deren Protagonisten im Westen als Widerstandshelden.


Die Welt unternimmt – nicht nur, aber vor allem – wegen Putins Krieg eine Rolle rückwärts, was eine umweltverträglichere Energieerzeugung und den Kampf gegen den Klimawandel betrifft: Als hätten einige altvordere Energiekonzerne die Ukraine-Tragödie für ihre Zwecke inszeniert, übertreffen sich Europas Regierungen in ihren Ankündigungen, fossile Brennstoffe wieder ungehemmt zu aufzukaufen, um sich unabhängig von Putins Gas, Öl und Kohle zu machen. Ob es sich um schmutziges Fracking, um Petroleum aus arabischen Diktaturen oder um die Wiederauferstehung deutscher AKW-Leichen handelt – nichts scheint so umweltschädlich oder politisch bigott, dass es nicht zur Versorgung der eigenen Wirtschaft gehamstert wird. Hand in Hand haben nun Putins Hybris und die Unfähigkeit der EU, den Ausbau erneuerbarer Energien in ausreichendem Tempo voranzutreiben, die ohnehin schon miesen Aussichten, den Klimawandel wenigstens zu verlangsamen, noch desparater gemacht.


















Wenn Robert Habeck auf Shopping-Tour geht, ist ihm keine Energie zu schmutzig

In großen Teilen der Ukraine kann nicht ausgesät werden, und Mais- sowie Weizenexporte aus Russland werden blockiert oder sind durch Moskaus Ausschluss vom Zahlungssystem SWIFT nicht mehr verkäuflich. Bei uns wird das Brot ein wenig teurer, aber im von Dürre geplagten Afrika kommt das lebenswichtige Getreide überhaupt nicht mehr an. Brav kündigen die staatstragenden Politiker bis hin zu den Grünen an, dass jetzt renaturierte Ackerflächen wieder entrenaturiert werden müssen, Massentierhaltung und Monokulturen gelten plötzlich wieder als systemrelevant, und irgendwann wird Brasiliens Präsident Bolsonaro noch für die Abholzung der Regenwälder zugunsten von Soja-Anbau und riesigen Viehherden gelobt werden.


Auch hier ist Putin nicht allein schuld, aber er hat das Karussell der ökologischen Katastrophen so richtig in Fahrt gebracht. Vielleicht hätten wir auch ohne die osteuropäischen Kornkammern genug Lebensmittel für die Weltbevölkerung; doch was nützt es, wenn diese aufgrund von Terminwetten und anderen Formen der Spekulation mit  Nahrung nicht in die Länder mit Bedarf, sondern in die Hände von Spielern und Meistbietenden gelangen? Auch hier bilden Putins Nationalismus und westlicher Marktliberalismus eine unheilige Allianz des globalen Niedergangs.


Wer redet noch vom Frieden?


Noch in den Zeiten des Kalten Krieges gab es Vereinbarungen zwischen den Blöcken, die nicht perfekt oder per se friedensstiftend waren, aber doch die Erde, insbesondere auch Europa, ein wenig sicherer machten. So setzte das START-Abkommen 1991 zwischen der UDSSR und den USA die hemmungslose atomare Aufrüstung aus, und der INF-Vertrag, sah sogar die Vernichtung der landgestützten Mittelstreckenraketen auf unserem Kontinent vor, bis ihn Trump 2019 kündigte. Obwohl beide Seiten die Regeln ab und zu verletzten, handelte es sich im Großen und Ganzen doch um deeskalierende Maßnahmen.


Und heute? Wehe dem, der hierzulande derzeit von Entspannung oder Abrüstung zu reden wagt! Die Grünen sind ihrem Serbien-Feldherrn Fischer gefolgt und geben sich so militant wie Strauß in seinen besten Zeiten. Olaf Scholz verzieht nicht mal sein Gesicht, wenn er hundert Milliarden Euro für Dinge, die wir hoffentlich nie brauchen werden, ankündigt, dazu zwei Prozent plus X jährlich für eine Bundeswehr, die angesichts ihrer kläglichen Rolle in Somalia, Mali und Afghanistan beten sollte, dass sie sie sich nicht im Krieg und in fremden Ländern bewähren muss.



NATO et pax vobiscum: Frieden schaffen mit immer mehr Waffen!  


Keiner erinnert daran, dass es solche Aufrüstungsspiralen sind, die, wenn sie nicht gestoppt werden, Kriege auslösen, dass die NATO-Drohgebärden zumindest in den Augen vieler Russen Putins Aggression rechtfertigen – einen Vorwand dafür haben sie jedenfalls geliefert. Stattdessen gebärden sich Prominente, Publizisten und Moderatoren in unseren Talkshows und TV-Magazinen regelrecht kriegsbesoffen. Niemand weist darauf hin, dass die Bundesregierung ihr eigenes Kriegswaffenkontrollgesetz permanent bricht, indem sie Rüstungsgüter in ein umkämpftes Gebiet liefert; ginge es nach Frau Baerbock, dürfte es sich dabei sogar um ganz dicke Oschis handeln.


Ja, auch das hat Wladimir Putin erreicht: Weltweit verstummen die Mahner und Friedensaktivisten.


04/2022


Dazu auch:


Putin und das Chaos in der Rubrik Politik und Abgrund