Tod durch Diebstahl
Cartoon: Rainer Hachfeld


Durch den wahnwitzigen Überfall auf die Ukraine hat es Wladimir Putin nicht nur geschafft, die globale Aufmerksamkeit von den entscheidenden Problemkomplexen der Zukunft wie Klimawandel, Artensterben oder Ressourcenzugang abzulenken, sondern auch noch gegenwärtige Katastrophen, etwa den Krieg im Jemen und den Genozid an den Rohingya, aus dem humanitären Fokus verschwinden zu lassen. Aus den Augen, aus dem Sinn: Wen interessiert derzeit schon, dass die Menschen in Afghanistan vom Hungertod bedroht sind – nicht zuletzt, weil die einstigen Verbündeten im Westen die Hilfen blockieren und sich die US-Verantwortlichen sogar als Bankräuber betätigen.


Kinder hungern, nicht Taliban


Zugegeben, in Afghanistan wird der Frieden (besser: das Überleben) der gesamten Welt derzeit nicht in solchem Maße bedroht wie in der Ukraine. Deshalb ist es verständlich, dass alle Augen auf Osteuropa gerichtet sind. Falls aber ein nuklearer Schlagabtausch vermieden werden kann, dürfte dort die Zahl der Opfer, die vor allem Putin zu verantworten hat, weit geringer ausfallen als die der Nachkriegskatastrophe am Hindukusch.


Nach UN-Schätzungen sind 8,7 Millionen Afghanen vom Hungertod bedroht, mehr als eine Million Kinder könnten gegen Ende dieses Winters bereits an Auszehrung gestorben sein. Vermutlich werden, wenn in Kiew oder Charkiw bereits die Trümmer weggeräumt sind und der Wiederaufbau begonnen hat, in Kabul, in Herat und in den entlegenen Regionen Afghanistans immer noch Kinder verhungern oder an den Folgen der Mangelernährung verblöden. Zwanzig Jahre lang hat der Westen das Land in wirtschaftlicher Unmündigkeit gehalten, mittels Einfuhren jede nennenswerte einheimische Produktion abgewürgt und die Bevölkerung derart von Nahrungsmittellieferungen abhängig gemacht, dass eigener Ackerbau (mit Ausnahme der Kultivierung von Schlafmohn) sinnlos schien. Nach ihrer Niederlage und Flucht verhängten die NATO-Alliierten strikte Sanktionen und schneiden so das Land von überlebenswichtigen Importen ab.


Während Corona und die anhaltende Dürre die Lage in Südasien noch prekärer machen, nimmt die internationale Spendenbereitschaft ab oder fokussiert sich auf andere Empfänger (etwa die Ukraine). Organisationen wie das UN World Food Programme oder die Welthungerhilfe beklagen, dass sie weder von staatlicher noch von privater Seite genügend ausgestattet werden, um das Elend erfolgreich bekämpfen zu können. Diese humanitäre „Enthaltsamkeit“ und die Sanktionen sind gegen die Taliban gerichtet, treffen aber die Armen, besonders die Kinder.
Dabei wären trotz bescheidener Spendenbereitschaft und des Kapitalabflusses durch die korrupte Ex-Elite Mittel vorhanden, um die Not zumindest zu mildern. Der afghanische Staat selbst könnte aktiv werden, wenn man ihm nicht Gelder vorenthielte, die ihm rechtlich zustehen.


Postkolonialer Rechtsbruch


Die internationale Kampagne United Against Inhumanity (UAI) hat unlängst in einem Offenen Brief Bundeskanzler Olaf Scholz aufgefordert, den in Berliner Geldinstituten lagernden Anteil an den afghanischen Zentralbankreserven in Höhe von 2,1 Milliarden Dollar freizugeben. Die nationale Zentralbank DAB hatte aus Vorsicht die Rücklagen des Landes in Westeuropa und den USA auf Banken deponiert. Nun wurden die Gelder „eingefroren“ und stehen nicht zur Verfügung, um gegen die aktuelle Hungersnot  und für den Aufbau zumindest rudimentärer Wirtschaftsstrukturen eingesetzt zu werden.


In den zwei Jahrzehnten der westlichen Intervention waren Unsummen nach Kabul geflossen, und zwar vor allem in die Taschen der Kleptokraten, Warlords und Opiumhändler, die als NATO-Verbündete  galten und pflegeleichte Regierungen stellen durften. Die als zuverlässig geltende DAB dagegen darf jetzt nicht auf Mittel zurückgreifen, die nicht den Taliban, sondern dem Land und damit der Bevölkerung gehören und im Augenblick dringendst benötigt würden. Die Gefahr, dass sich die Islamisten einen Anteil des Geldes sichern würden, ist zwar nicht völlig auszuschließen, doch sei darauf hingewiesen, dass die sunnitischen Eiferer zwar für ihre Intoleranz, Frauen- und Kulturfeindlichkeit, nicht aber für maßlose Korruption berüchtigt sind – ganz im Gegensatz zu den früheren „Freunden“ des Westens.


In postkolonialer Gutsherrenmanier bescheiden aber die europäischen Staaten die Bitten um Freigabe der Reserven negativ, quasi als Retourkutsche für die Unbotmäßigkeit einer von ihnen gegängelten Bevölkerung. Als „Diebstahl“ bezeichnet die UAI-Kampagne folglich diese „Beschlagnahmung“ und Vorenthaltung legitimen Eigentums. Noch bedenkenloser als die EU und die BRD verfahren indes die USA mit den ihnen anvertrauten Devisen.


Biden als Milliardendieb


Einen Schritt weiter in Sachen Beschaffungskriminalität ging Präsident Joe Biden, der am 11. Februar dieses Jahres die in den USA hinterlegte Geldreserven der afghanischen Zentralbank (sieben Milliarden Dollar) konfiszieren ließ und nun die Hälfte davon als Entschädigung an die Angehörigen der Terroropfer vom 11. September 2001 auszahlen will. Für den Amoklauf von Al-Qaida soll also ein ganzes Volk haften, das mehrheitlich in keinerlei Kontakt zu den Tätern stand und auch keinen Anteil an dem Verbrechen hatte. Wenn Biden diesen beispiellosen „Opfer-Opfer-Ausgleich“ umsetzt, werden tatsächlich etliche Afghanen angesichts der grassierenden Hungersnot für die Zerstörung des World Trade Centers teuer bezahlen, nämlich mit ihrem Leben.






















Das findet Biden äußerst undankbar: Hungernde Afghanen fordern ihre Ersparnisse von den Freunden und Helfern in den USA zurück.


Schah Merabi, DAB-Vorstandsmitglied und Professor für Wirtschaftswissenschaft am Montgomery College im  Ostküstenstaat  Maryland, beschreibt die durchaus zutreffende Sichtweise vieler Afghanen: Die USA würden wie eine „Kolonialmacht“ handeln, die Diktate aufzwingt und „die Rücklagen der Bevölkerung stiehlt“. In der Tat dürfte Bidens Vorhaben wohl in den meisten Ländern der Erde als strafrechtlich relevanter Tatbestand gewertet werden.


Der römische Sinnspruch „vae victis!“ („Wehe den Besiegten!“) erfährt hier eine absurde Umdeutung: Die in zwanzig Jahren Krieg geschlagenen Westmächte erklären den Taliban  „Wehe euch Siegern, wir hungern euch aus!“, schaffen es aber nur, den ohnehin schon verzweifelten „normalen“ Menschen in Afghanistan die letzte Hoffnung und zugleich die Existenz zu rauben. Sanktionen treffen fast nie die Machthaber, sondern meist die Untergebenen und Unbeteiligten, Diebstahl à la Biden aber versetzt dem Volk endgültig den Todesstoß.


03/2022


Dazu auch:


Die Lehren von Kabul und Dumm oder inhuman? im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2021)