Ignoranz für alle!


Mit ihrem politischen Rammbock Trump an der Spitze erobern Multimilliardäre wie Musk, Thiel, Bezos oder Zuckerberg derzeit die westliche Welt. Sie sichern sich nicht nur die Medien, den E-Handel, die digitalen Technologien und Marktmonopole, sie sind auch von einem elitären Sendungsbewusstsein besessen, wollen bestimmen, was die Menschheit künftig geistig oder materiell zu konsumieren und wie sie zu denken hat, auf dass sich eine Hightech-Aristokratie mit merkantilen Neigungen verewigen lässt. Damit ihr Modell eines sur Sozialdarwinismus 3.0 nicht durch Philosophen, Soziologen oder Historiker hinterfragt, kritisiert oder gar ad absurdum geführt werden kann, soll nun die sozio-kulturelle Geschichte unserer Erde umgeschrieben werden – ohne verifizierte Erinnerungen und gesicherte Beweise wird es schwer, die Irrwege in die Zukunft anhand der Fehler der Vergangenheit vorab zu erkennen.


Tech-Potentaten deuten die Welt um


Die bürgerliche Demokratie ist bei all der ihr innewohnenden Ungerechtigkeit und Unaufrichtigkeit noch das kleinste Übel unter den derzeitig existenten Gesellschaftsformen. Sie ist unvollkommen und lässt deshalb noch ein wenig Raum zu geistiger Entfaltung, Kritik und Individualität. Dass dieser Freiraum angesichts der Digitalbesoffenheit, Ressourcengier und Kapitaldevotion der maßgeblichen Politiker immer mehr schwindet, ist die Kehrseite einer schon reichlich abgegriffenen Medaille. Tatsache aber ist auch, dass die Götter des Tech-Olymps jegliche Demokratie ganz unverhohlen ablehnen, stattdessen die Herrschaft einer winzigen Elite präferieren, die sich das selektive ewige Überleben bzw. die limitierte Reproduktion des eigenen Genies als Ziel gesetzt hat. Bei den Wegen sind sie sich nicht unbedingt einig, von KI-generierten Humankopien bis zu den messianischen Endzeit- und Allmachtfantasien eines Peter Thiel oder Elon Musk ist ziemlich viel Krudes in der Verlosung.


Das Volk ist die Manövriermasse, das die Mittel zur Realisierung der egomanischen Utopien liefern muss, also Arbeitszeit, Kaufkraft und vor allem Informationen – Interna, geheime Wünsche. Eine Vermischung mit den Usern, diesen ahnungslosen Opfern von Social Media, ist strikt verpönt. Die Granden des Silicon Valley lassen sich von den willigen Untertanen über Instagram, Whatsapp, Facebook, Youtube oder Amazon alle verfügbaren Daten zur Nutzung übereignen und zimmern daraus ein Gebäude ungeheurer Informationsmacht, durchsichtig wie Luft, aber dauerhaft wie eine Konstruktion aus Diamant und explosiv wie eine Atombombe.


Intellektuelle und Nachdenkliche, Satiriker, Kabarettisten und skeptische TV-Moderatoren stören nur, wenn die Auserlesenen ohne Rücksicht auf Gesetze, Regierungen und Menschenleben die Strukturen schaffen, die ihnen, und zwar nur ihnen und ein paar notwendigen Domestiken, unvergängliches Glück und unendliches Leben ermöglichen sollen; wenn es nach Elon Musk geht, gerne auch auf dem Mars. Kritiker, Juristen und Historiker, die über Menschenrechte, diktatorische Tendenzen, soziale Ungerechtigkeit oder andere vernachlässigbare Peanuts räsonieren, behindern nur die Suche nach dem Heiligen Gral gottgleicher Unantastbarkeit. Was aber bremst und nicht gefällt, muss weg. Wozu hat man sich schließlich die Macht gesichert?


Donald Trump lässt derzeit die Ausstellungen mehrerer berühmter Museen auf die Verbreitung „spaltender oder parteiischer“ Narrative hin überprüfen, wie sein Präsidialamt der Smithsonian Institution, die selbst mehrere Häuser betreibt und teilweise auf staatliche Mittel angewiesen ist, in einem Brief mitteilte. Vor allem scheint der MAGA-Boss verhindern zu wollen, dass am Vorabend des 250. Geburtstages der USA realistische Darstellungen der während der Sklavenhalterzeiten begangenen Verbrechen am afroamerikanischen Teil der Bevölkerung einen Schatten auf God’s own country werfen. Sein zeitweiliger Buddy Elon Musk will hingegen die Übel der zweifelnden Rezeption nationaler Heldenlegenden sowie der intellektuellen System- und Gesellschaftskritik gleich an den Wurzeln packen und elegant entsorgen. Also sagt er Wikipedia den Vernichtungskrieg an.


Wiki unter dem Beschuss von Groki


Angeblich vervielfältigt sich das Wissen der Menschheit derzeit alle paar Jahre. Wenn man aber die immense Flut ungleichgewichtiger Informationen (und Fakes) in Betracht zieht und konzediert, dass vieles davon als unnütz, da banal, einzustufen ist, wird man/frau verzweifelt nach einem Instrument, das wenigstens streckenweise einen Überblick ermöglicht, rufen. Hier kommt Wikipedia ins Spiel, als Versuch, Relevantes auf lexikalischen Abruf, im Internet differenziert darzustellen. Rund um den Globus soll derzeit in über 65 Millionen Artikeln (davon mehr als 3 Millionen auf Deutsch) die Welt erklärt oder zumindest deren führende Köpfe, wichtigste Orte oder geschichtliche Besonderheiten beschrieben werden, wobei nicht nur bemerkenswerte Leistungen oder interessante Charakteristika aufgeführt werden, sondern auch die dunklen Seiten eines Sujets.


Eine Schar von ehrenamtlichen Lektoren überprüft die Relevanz der Beiträge aus unabhängiger Freiwilligen-Feder und die Gründlichkeit der Recherche. Das klingt nicht sehr professionell, ist es auch nicht, aber es verhindert die für Berufsjournalisten typische (und nicht selten zynische) Interpretationsroutine. „Objektiv“ waren die Einträge in Meyers Konversationslexikon oder in der Encyclopedia Britannica früher auch nie, jeder Autor lässt absichtlich oder unwillentlich eigene Gewichtung oder Akzentuierung einfließen. Da kommt die Amateurtruppe von Wikipedia in munter dialektischem Stil dem Kern des Themas manchmal sogar näher als die schweren Lederbände vergangener Zeiten. Natürlich unterlaufen ihr bisweilen Fehler, fällt sie auf Fakes herein, etwa als zwischen 2005 und 2016 Rechtsradikale Texte im Nachschlagwerk platzierten und die deutsche Geschichte aus Nazi-Sicht kolportierten, oder wenn Parteien und Unternehmen die Kontrollen der Wiki-Community zeitweise umgingen, um ihre Profile unbemerkt zu schönen.


Was aber solche Lücken in der Inhaltskontrolle und manche Ungenauigkeit aufwiegt: Wikipedia strebt weder nach kommerziellem Erfolg noch nach medialer oder politischer Macht, es steht allen Netz-Usern frei zur Verfügung, und es ist in einer Welt ohne absolute Gewissheiten unverzichtbar geworden, wenn Information benötigt wird.


Einigen selbstgekürten Weltenlenkern aus der Tech-Branche gefallen allerdings der mediale Anspruch und die tolerante Gestaltung des Projekts nicht, und so hat Almighty Elon Musk unlängst sein eigenes Modell Grokipedia an den Start gebracht, das mittels Künstlicher Intelligenz Wissen nach Gutsherrnart vermitteln und sich vor allem als eines profilieren soll: als Anti-Wiki.


Machtnarrativ gegen Fleißarbeit


Nun könnte man meinen, Musk habe ein neues Geschäftsfeld aufgetan, eine probate Möglichkeit, seinen aberwitzigen Reichtum weiter zu mehren und seine pathologische Hybris mit noch mehr Opfern zu füttern. Doch ganz so einfach ist es nicht: Der reichste Mann der Welt kämpft quasi stellvertretend für die anderen Tech-Oligarchen und die Trump-Aministration. Diese elitäre Crew hält alles, was nachdenklich, nachhaltig, gründlich anmutet und nicht unmittelbar dem Profit und einer die eigene Führungsposition stärkenden Desinformation der Gesellschaft dient, für ein Gräuel, für nutzlose Geistestätigkeit, wo doch nur der handfeste Deal zählt. Und er hieße nicht Elon Musk, würde er gegen so viel Frevel an der Oligarchenmaxime nicht einen regelrechten Kreuzzug vom Zaun brechen.


Wikipedia werde „von linksradikalen Aktivisten kontrolliert“, phantasierte der Multi-Milliardär, verspottete die Online-Enzyklopädie als Wokepedia und unterstellte ihr, sie sei „politisch und ideologisch voreingenommen“. Demgegenüber pries er das eigene Projekt Grokipedia auf seiner Social-Media-Plattform X als „massive Verbesserung gegenüber Wikipedia“. Worin diese Optimierung wiederum liegen soll, bleibt sein ganz intimes Geheimnis; Medienfachleute stellten jedenfalls fest, dass sich im neuen Netz-Lexikon vor allem unredigierte KI-generierte Texte tummelten und beträchtliche Teile des Inhalts einfach vom Konkurrenten abgekupfert worden waren. Tatsächlich werden Musks Werkzeuge xAI und Chatbot GroK, mit denen Grokimedia zusammengebaut wird, an Wikipedia-Texten trainiert oder – wo nicht – an großen Sprachmodellen (LLMs). Letztere Praxis führt aber dazu, dass im Zweifelsfall die KI nicht das zutreffendste, sondern das statistisch wahrscheinlichste Wort wählt. So kommt immer nur eine Mehrheitsmeinung zum Zug, Kontroversen und Differenzierungen fallen unter den Tisch, während gängige Stereotypien und häufig gebrauchte (auch abwertende) Begriffe die Richtung vorgeben. Und LLMs holen sich auch mal rassistische oder politische Vorurteile aus ihren Textvorgaben.


So setzte Musks Chatbot Grok Anfang des Jahres nach einschlägigen Fragen unabhängiger User eine Verschwörungserzählung über einen angeblichen „weißen Genozid“ in Südafrika in die Welt, ein Steckenpferd, das auch Donald Trump gern reitet, ohne auch nur den winzigsten Beleg für die schwere Anschuldigung zu liefern. Und als Heilmittel gegen sogenannten „Anti-White-Hate“ bot Grok schlicht Adolf Hitler an. Grokipedia wiederum setzt bisweilen auf bis zur Unkenntlichkeit verkürzendes Understatement. So beschrieb die „Enzyklopädie“ den Sturm der rechten Verschwörungstheoretiker und Trump-Hooligans aufs Kapitol in Washington, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen, wie ein Sit-in sanftmütiger Spontis:


Der Angriff auf das Kapitol der Vereinigten Staaten am 6. Januar 2021 war ein Aufstand, bei dem Anhänger von Präsident Donald Trump, die gegen die Bestätigung von Joe Bidens Wahlsieg im Jahr 2020 protestierten, inmitten weit verbreiteter Vorwürfe von Unregelmäßigkeiten bei der Stimmabgabe, Sicherheitsbarrieren durchbrachen und während einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses das Kapitolgebäude betraten, wodurch die Sitzung vorübergehend unterbrochen und die Evakuierung der Abgeordneten veranlasst wurde.


Grokopedia ist ein weiteres Instrument, um die faktenbasierte Interpretation von gesellschaftlichen Entwicklungen, Hintergründen und Intentionen durch das interessengesteuerte Deutungsmonopol einer Clique zynischer Superreicher zu ersetzen. Seit 25 Jahren verteidigt Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales eine offene Publikationsform mit enormer Ausstrahlungsbreite, in der „KI keine Artikel schreibt“, auch wenn sie als Hilfsmittel zur Recherche genützt wird. Doch diesem basisdemokratischen Informationszugang soll offenbar nun von Sozio-Potentaten, die nicht nur Märkte, Handel und Politik beherrschen wollen, sondern auch Gedanken, Emotionen, die Auffassung von Kultur sowie Geschichte, kurz: einfach alles, die letzte Schlacht aufgezwungen werden, nämlich die um das Privileg, vernünftiges Material für die Meinungsbildung bereitstellen zu dürfen.


01/2026


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Libertäre Zensur im Archiv der Rubrik Medien (2025)