Libertäre Zensur


Gesellschaftliche Umwälzungen und Veränderungen der Sprache, insbesondere bei der Wortwahl, der Interpretation der Ächtung von Begriffen, geschehen beinahe synchron. Man/frau fragt sich bisweilen, was wohl zuvor da war und welches Phänomen das andere erst angestoßen hat. Sicher scheint aktuell zumindest, dass solche einschneidenden Wechsel politisch vorbereitet wurden und dass beispielsweise in Trumps USA die radikale Umdeutung des Vokabulars der administrativen Machtübernahme auf dem Fuß folgte, während im Deutschland des Friedrich Merz die neuen Rede- und Denkvorgaben bereits vor dessen Antritt als Bundeskanzler kommuniziert wurden.


Neue Sprachregelung gemäß D. Trump


Der US-Präsident und seine Brüderschaft des New-Tech-Großkapitals outen sich immer wieder als Anhänger einer libertären Gesellschafts- und Weltordnung. Dies bedeutet in der – schwer vereinfachten und geschönten - Wikipedia-Definition, dass sie Autonomie sowie politische Freiheit maximieren wollen und u. a. Wahlfreiheit, Individualismus oder freiwillige Vereinigung anstreben. Die trübe Kehrseite der goldglänzenden Medaille: Die grenzenlose Individualität sollen vor allem Multimilliardäre ausleben, denen die Freiheit zu ungehemmter Ausbeutung eingeräumt wird, während dem Staat die – in den USA ohnehin sehr dürftige – Zukunftsvorsorge und Unterhaltssicherung seiner Bürger künftig untersagt bleiben.


Die Umwandlung eines klassisch-kapitalistischen Systems mit ein paar für den Fall einer allzu rasanten Talfahrt eingebauten Bremsen in eine anarchisch-technologische Elitenherrschaft, in der nur das Recht des Stärkeren - nämlich das auf deals jeder Art und die von null Gesetzen behinderte Auspowerung der ahnungs- und wehrlosen Bevölkerungsmehrheit - zählt, soll derzeit Elon Musk, moderner Krösus mit psychopathischen Zügen, bewerkstelligen, indem er den Beamtenapparat und die Sozial- sowie Umweltbehörden des Landes skelettiert oder in Teilen ganz abschafft. Neue Zeiten erfordern allerdings auch neue Sprachregelungen, die anderen Kommunikatoren verdeutlichen sollen, dass Freiheit in Wort und Schrift natürlich nicht für alle zugänglich sein darf, sondern vorsorglich von denen eingegrenzt werden muss, die qua Auslegungshoheit erklären können, wer nun was wie benennen und kommentieren darf.


Trump und seine Berater haben eine Liste neuer Sprachregelungen kreiert, die das Aus für Antidiskriminierungsrichtlinien oder die Formulierung von Minderheitsrechten anschaulich und verbindlich macht, wie die New York Times berichtete. Was nach dem Sammelbegriff woke klingt, soll verbannt werden, schließlich existieren für die puritanischen Chaos-Revolutionäre nur zwei Geschlechter, nämlich Mann und Frau – in dieser Reihenfolge und Wertigkeit. Behördenmitarbeiter werden angewiesen, Wörter und Begriffe wie trans, Geschlecht oder biologisch männlich/weiblich nicht mehr zu verwenden.


Eine alleswissende und allvermögende Elite wie der Musk/Bezos/Zuckerberg-Klüngel kann sich bei der kommerziellen Eroberung des ganzen Globus nicht auch noch mit dem Kroppzeug der heimischen Gesellschaft abgeben, folglich wird jegliche die Inklusion (von der UNO in Gesetzesrang gegossen, um u. a. ethnischen oder sexuellen Minderheiten die Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen) aus Trumps Agenda verschwinden. So darf die Bezeichnung marginalisiert für benachteiligte Bevölkerungsgruppen nicht mehr gebraucht werden, und in Behörden soll von segregation, Synonym für die vor 1964 in den USA  legitime Rassentrennung, künftig nicht mehr die Rede sein.


Die von der neuen US-Regierung losgetretene Umwertungs- und Umwortungslawine mag erdrückend beweisen, wie ernst die libertären Parvenüs ihre reaktionäre Meuterei nehmen – beispiellos und lediglich „typisch amerikanisch“ ist sie indes nicht. Wir erinnern uns an das Dekret des Ministerpräsidenten Markus Söder (der ansonsten gern die Grünen als „Verbotspartei“ diffamiert), jegliche Gender-Sprache in bayerischen Amtstuben und Schulen zu unterlassen. Gewiss sorgt der Ansatz, alle Geschlechtsvarianten in Rede und Schrift einfließen zu lassen, für diverse Längen und manche unverständliche Passage in etlichen Texten, doch zeugt es von althergebrachter Ignoranz, wenn ein Landesfürst schon die ersten Versuche, die tradierte verbale Unterdrückung einer Bevölkerungsmehrheit durch gerechtere Sprachformen zu ersetzen, selbstherrlich abwürgt.


Von Deutschland lernen…


Söder duldet nicht, was ihm suspekt, da zu tolerant oder investigativ, erscheint. Und in der bundesdeutschen Geschichte lassen sich genügend Beispiele für die These finden, dass hierzulande schon vor Trump nationalistische Hybris auf Kosten der sozialen und geografischen Realität zur rhetorischen Norm erhoben wurde.


Wie lange hielt sich die Mär vom dreigeteilten Deutschland, wie lange durfte die DDR als längst von einer Staatenmehrheit anerkanntes Land (das später dem externen Druck sowie der Ignoranz und Unfähigkeit seiner Regierenden zum Opfer fiel) in der BRD-Öffentlichkeit nur als SBZ (Sowjetische Besatzungszone), dann als Mitteldeutschland und schließlich als sogenannte DDR (meist zusätzlich noch durch An- und Abführungszeichen relativiert) firmieren?


Wenn man sich hierzulande darüber mokiert, dass der historisch und geografisch ziemlich unbeleckte Donald Trump, das Staats- oder Herrschaftsgebiet der Vereinigten Staaten neuerdings über Kanada bis nach Grönland im Norden und Panama im Süden ausdehnen will, sollte man den hausgemachten Imperialismus darüber nicht vergessen: Der Dichter und bekennende Antisemit Hoffmann von Fallersleben hatte bereits 1841 die Umrisse eines künftigen Großdeutschlands in den Versen „Von der Maas bis an die Memel, / Von der Etsch bis an den Belt - / Deutschland, Deutschland über alles, / Über alles in der Welt!“ skizziert. Keiner der vier erwähnten Flüsse plätschert heute durch deutsches Territorium, weshalb wir inzwischen vorsichtshalber nicht diese erste, sondern nur noch die unverfängliche dritte Strophe der noch immer gültigen Nationalhymne trällern.


Vorsicht, kritische Geister!


Da ist Trump von anderem Schrott (Pardon!) und Korn. Weil ihm die weltweit geltende Benennung „Gulf of Mexico“ nicht in den US-zentrierten Kram passt, verleiht er der Riesenbucht den Namen „Gulf of America“ und befiehlt seinen Behörden und den ihm ergebenen Massenmedien bei Strafandrohung seine verbale Land- bzw. Salzwasseraneignung brav nachzuvollziehen. Ob er daran gedacht hat, dass zum Kontinent Amerika außer den Vereinigten Staaten auch noch ein paar andere Länder gehören? Devote Bewunderer fragen sich allerdings, warum ihr Donald sich so bescheiden auf eine überschaubare Meeresregion beschränkt und nicht gleich den ganzen Atlantik und den Pazifik gleich dazu für God’s own Country reklamiert.


Dass wiederum wir Deutschen, soweit mit rechter Denkungsart gesegnet, von Trumps neuem Polit-Stil lernen können, beweist Friedrich Merz, profiliert als flexibles Brandmäuerchen gegen die AfD und das Lösen von Schuldenbremsen: Während der neue US-Präsident seinen im Wahlkampf angekündigten Kreuzzug gegen Recht, Gesetz, Umwelt, Behörden, Journalisten und Opponenten startete, ließ der nächste Bundeskanzler seine Unionsfraktion im Bundestag gegen all die kleinen NGOs, die ihn und die Christdemokraten mit Recherchen, Enthüllungen und widerlichen Nachfragen genervt und gar gegen ihn demonstriert hatten, von der Leine. Das Finanzministerium der scheidenden Regierung sollte 551 Fragen zu staatlichen Fördermitteln und steuerlicher Begünstigung (wegen Gemeinnützigkeit) für  unbotmäßige Organisationen beantworten.


Dass etliche dieser NGOs, darunter Omas gegen Rechts, Attac oder Campact, nie oder nicht mehr als steuerbegünstigte Vereine anerkannt waren und von Bundeshilfen nicht einmal zu träumen wagten, war den Unionsabgeordneten in ihrem heiligen Eifer glatt entgangen. Immerhin unterlief ihnen nicht der Fehler, die großzügig alimentierten, natürlich gemeinnützigen, Stiftungen der Parteien, Autokonzerne oder Rüstungsbetriebe mit auf die Liste zu setzen und nach ihrer politischen Neutralität zu fragen – eine Zurückhaltung, die  bei unbelehrbaren Kritikern allerdings ein Geschmäckle hinterließ.


Während Donald Trump sich also mit den halben USA anlegt und auch mächtigen Gegnern mit der Vernichtung droht, begnügt sich Friedrich Merz damit, ehrenwerte, aber ressourcenlose Gruppen wie die Deutsche Umwelthilfe, Abgeordnetenwatch oder den BUND, die immer mal wieder erfolgreich vor Gericht gegen die herrschende Lobby- und Pfründenpolitik klagen, in ihrer Arbeit zu molestieren.


Im Vergleich zu Trumps grenzenloser Rachsucht nimmt sich der Revancheversuch von Merz und seinen Mitchristen mickrig aus. Das hat seinen Grund wohl im bisherigen Lebenswerk der beiden Alpha-Tierchen: Der US-Autokrat hat von Karrierebeginn an geprotzt, Konkurrenten aus dem Weg geräumt und gigantische Bauvorhaben mithilfe „illegaler“ Einwanderer, die er jetzt deportieren lässt, errichtet, stets big gedacht und skrupellos gehandelt. Der Sauerländer hingegen hat sich seine paar Millionen ganz bescheiden durch Mithilfe bei der Finanzierung solcher Unternehmungen in seiner Funktion als deutscher Abteilungsleiter des weltgrößten Investorenschwarms BlackRock verdient.


03/2025


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Bock namens Blackrock im Archiv von Helden unserer Zeit (2020)


Deutscher Sang“ im Archiv der Rubrik Medien (2015)