Er ist wieder da

Cartoon: Rainer Hachfeld


Dass der adelige Herr mit den zehn Vornamen wieder aktiv ist, konnten wir der Berichterstattung über den Wirecard-Skandal entnehmen. Wie fleißig (und offenbar auch erfolgreich) der fränkische Freiherr von und zu Guttenberg in Ministerien und bei der Kanzlerin antichambrierte, deckten Recherchen der Internet-Plattform Abgeordnetenwatch auf. Der einstige Politstar der CSU avancierte zum mit allen Wassern gewaschenen Lobbyisten für dubiose Unternehmen – und Doktor ist er jetzt auch wieder.


Der Charme des gegelten Aristokraten


Es sah nach einer großen politischen Karriere aus, einem Aufstieg ins wichtigste Amt der Bundesrepublik, einem Höhenflug, den stramm rechte Militaristen, die jeunesse dorée des Jetset, die Wirtschaftsoberen und die Leserinnen der Regenbogenpresse gleichermaßen goutiert hätten. Karl-Theodor von und zu Guttenberg brillierte weniger durch seine Leistungen als Wirtschafts- und dann Verteidigungsminister als durch telegene Auftritte, vorgebracht mit einem Charme, den nur finstere Querulanten für etwas schmierig hielten, der einer Mehrheit der Bevölkerung aber den Hauch der großen weiten Welt und vielen Frauen das Bild des Traumschwiegersohns suggerierte.


Vergessen die Zeiten, da der gemeine Bürger unter der Willkür des Adels ächzte – die Eskapaden der Aristokratie ernähren die Schreiber und Verleger der Regenbogenpresse, die TV-Hofberichterstattung aus europäischen Königshäusern erzielt Quote, und vor allem Damen aus der älteren Generation bangen bei jeder Geburt eines fürstlichen Kindes mit. Da kam es gut an, dass Karl Theodor einem Geschlecht entstammte, das im Gegensatz zu verarmten Standeskollegen, die einfache Menschen gegen Geld adoptieren müssen, finanziell ordentlich gesattelt war und sich auch schon politische Meriten verdient hatte: Sein gleichnamiger Großvater war Mitbegründer der CSU von Stadtsteinach gewesen, hatte im Bundestag als überzeugter Kalter Krieger gegen die Ostverträge gestimmt und in der Huyn-Affäre wider Ludwig Erhards CDU-Außenminister Schröder intrigiert.


Karl Theodor jun., der standesgemäß eine gebürtige Gräfin von Bismarck-Schönhausen geehelicht hatte, zeigte früh ein gewisses Faible für Aufschneiderei, ein eher lockeres Verhältnis zu Tatsachen und jene Nähe zur internationalen Finanzelite, die ihm auch heutzutage in seinem aktuellen Job als Edel-Lobbyist zustattenkommt. So schönte er seinen beruflichen Werdegang, als er etwa, gerade erst Wirtschaftsminister geworden, auf seine reichen ökonomischen Erfahrungen als geschäftsführender Vorsitzender der Guttenberg-Stiftung verwies. Das TV-Magazin Panorama sprach angesichts magerer 25.000 Euro Umsatz im Jahr 2000 (laut Creditreform) von einer „Übertreibung“. Der Baron behauptete auch, als „Freier Journalist bei der Tageszeitung Die Welt“ gearbeitet zu haben, die aber erklärte, er sei lediglich Praktikant in der Redaktion gewesen. „Berufliche Stationen in Frankfurt und New York“ entpuppten sich ebenfalls als Praktika von wenigen Wochen Dauer.


Gravierender war da schon seine offenkundige Affinität zu internationalen Großbanken: Als Wirtschaftsminister legte Guttenberg 2009 einen Gesetzesentwurf zur Zwangsverwaltung maroder Geldinstitute vor, mit dessen Ausarbeitung er die Kanzlei Linklaters beauftragt hatte. Diese wiederum unterhielt enge Geschäftsbeziehungen zu etlichen Großbanken. Obwohl der Vorgang bekannt und heftig umstritten war, wurde der Entwurf von Linklaters weitgehend übernommen, und der Baron diente sich so zum Liebling der Finanzwelt hoch.


Trotz solcher Ungereimtheiten wurde Guttenberg immer populärer und galt, angesichts eines verbrauchten Regierungspersonals und einer bräsigen Kanzlerin, in seiner adretten Jugendlichkeit als ihr designierter Nachfolger, bis herauskam, dass er sich seinen Doktortitel mehr oder weniger erschlichen hatte. Auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit musste der Freiherr auf den akademischen Grad verzichten und im März 2011 als Minister zurücktreten. Er verschwand in der Versenkung, wo er aber nicht untätig blieb.


Ein Advokat des Krieges


Jene Mischung aus standesbewusster Hybris und geistiger Hochstapelei, die ihn im politischen Ranking nach oben gespült hatte, wurde ihm zum Verhängnis, als es um ernsthafte Arbeit und wissenschaftliche Standards ging und er statt dessen Plagiat und Mogelei ablieferte. Aber sie half ihm auch wieder, im selbstgewählten US-Asyl Zugang zu jenen geschlossenen Gesellschaften zu finden, in denen die Zukunft der Welt von Investoren, ehemaligen Staatsmännern und Publizisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit zerredet wird.


Im Thinktank Center for Strategic and International Studies in Washington D.C. übte Guttenberg seit September 2011 eine ominöse Tätigkeit als „Distinguished Statesman“ aus. Und im November desselben Jahres sprach er auf dem Halifax International Security Forum von einer „Krise der politischen Führung innerhalb der EU“.


Schon als Verteidigungsminister hatte der Baron 2010 offenbart, wie für ihn entschlossenes Handeln einer europäischen Führung auszusehen habe und – ganz in neo-imperialistischem Stil – gefordert, die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands auch militärisch abzusichern. Ohne politisches Amt, sozusagen als freischaffender Militärexperte, zog er 2013 ungehemmt vom Leder: In einem Beitrag für das Wall Street Journal mahnte Guttenberg die Bundesregierung, sich im Falle eines israelischen Luftschlages gegen den Iran voll auf die Seite des Aggressors zu stellen und durch zivile und militärische Unterstützung ein „kraftvolles Signal der Solidarität gegenüber Israel“ zu geben. Dummerweise einigten sich die Weicheier in Berlin, Washington, Moskau und Brüssel auf den Atomvertrag mit Teheran.


Dass die Bundesregierung im August 2013 die Beteiligung Deutschlands an einem Militärschlag gegen Syrien ausgeschlossen hatte, rügte der Freiherr in der New York Times als Ausdruck einer „Kultur des Widerwillens“ in der Berliner Außenpolitik, ganz so, als wolle er fragen, warum man sich denn vor ein bisschen Krieg ekeln sollte?


Wenn Guttenberg nicht gerade damit beschäftigt war, militärische Abenteuer herbeizureden und zu –schreiben, erschloss er sich neue Geschäftsfelder. Der elegante und eloquente Aristokrat wirkte geradezu wie der Prototyp des erfolgreichen Vertreters. Also entschied er sich, seine Talente in der fünften Dimension des Klinkenputzens, dem Lobbyismus, zu erproben.


A bisserl was geht immer


Mittlerweile hatte Karl Theodor von und zu G. an der University of Southampton ein Studium der Wirtschaftsgeschichte mit einer anscheinend korrekt verfassten Dissertation beendet. Sein Doktorvater war der Ökonom Richard A. Werner, der laut Wikipedia die „Annahme der vollkommenen Information und die deduktive Vorgehensweise“ vermeidet und sich mehr für Modelle, „die sich zu Vorhersagen eignen“, interessiert. Nun, das Reich der Fakten war ja auch noch nie die geistige Heimat des Barons, aber immerhin ist der Doktortitel wieder da. Die akademischen Bemühungen hielten das Multitalent unter den Schaumschlägern indes nicht davon ab, Politik und Wirtschaft weiter emsig zu verkuppeln.

 

Die stets diskret im Hintergrund wirkende US-Investmentbank BDT & Company (Handelsblatt: „Berater der Milliardäre“), die sich vor allem für große Familienunternehmen interessiert und sich u. a. an dem Autozulieferer Schaeffler beteiligte, setzte den umtriebigen Freiherrn als Türöffner ein, um ihre Kontakte zur deutschen Politik zu vertiefen. Diesem gelang es, Jens Spahn am 7. September 2018 zu einem „Round-Table-Gespräch“ (Synonym für Mauschelei in elitärem Rahmen) des Geldinstituts mit 15 Vertretern großer Familienunternehmen zu lotsen.























Politik, Adel und Finanzmacht beim klammheimlichen Rendezvous


Sattsam bekannt ist der erfolgreiche Versuch Guttenbergs, die Bundeskanzlerin sowie ihre Minister für Wirtschaft und Finanzen als Klinkenputzer für Wirecard bei der chinesischen Regierung zu instrumentalisieren und den deutschen Botschafter in Peking zum Laufburschen für die Unternehmensinteressen zu degradieren. Schade nur, dass zu bald ruchbar wurde, dass Wirecard mit der Wahrheit ebenso lax umging wie der Baron selbst in früheren Zeiten.


Und da ist da noch Guttenbergs Beteiligung als Aktionär und Vorstandsmitglied am mysteriösen IT-Startup Augustus Intelligence, das nach eigenen Angaben Lösungen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz für andere Unternehmen entwickelt. Auffällig wurde die Firma aber bislang vor allem durch blendende Beziehungen zu Hans-Georg Maaßen, dem stark rechtslastigen früheren Verfassungsschutzchef, und vor allem zu Philipp Amthor, dem aufstrebenden Jünglingswunder der CDU. Letzterer setzte sich bei Wirtschaftsminister Altmaier für Augustus ein und erhielt dafür Silberlinge in Form von Aktienoptionen. Ob es Amthor oder dem Baron zu verdanken war, dass Andi Scheuers Verkehrsministerium, das gerade an einem Aktionsplan Digitalisierung und künstliche Intelligenz in der Mobilität werkelte, sich mit Augustus Intelligence beriet, ist letztendlich zweitrangig. Während aber der junge CDU-Streber über die Nutzung von Polit-Kontakten zum eigenen materiellen Vorteil stolperte, durfte Guttenberg in trautem Tête-à-Tête der Bundeskanzlerin die Vorzüge seines Unternehmens näherbringen.


Das Treffen war vom Kanzleramt geheim gehalten worden. Erst die Recherche der NGO Abgeordnetenwatch, die auch den Spiegel und den Berliner Tagesspiegel zu eigenen Nachforschungen inspirierte, zerrte das intime Verhältnis des adligen Cheflobbyisten zur Staatsmacht ans Licht der Öffentlichkeit. Das Wissen darum, dass die Wirtschaft stets ihre Beziehungen zu Politikern auf wichtigen Posten spielen lässt, um Aufträge zu ergattern, Gesetze zu verhindern oder selbst an ihnen mitzuschreiben und Abstimmungen zu manipulieren, ist mittlerweile Allgemeingut. Frappierend an der Causa Guttenberg ist allerdings, wie keck und ungehindert ein Mann, der nicht den besten Leumund besitzt, ein gefallener Engel der CSU sozusagen, die Türen zu den obersten Entscheidungsgremien durchschreiten kann, um seine brisante Vertreterware anzubieten. Und dann ist es wieder wie einst in der TV-Serie „Monaco-Franze“: Ein bisserl was geht immer…

 

09/2020

 

Dazu auch:

Lobbykratie BRD im Archiv von Politik und Abgrund (2013)